Gudrun-Anna Wirbitzky
Bochum: Eine Spaziergängerin und ihre Gedanken
- hochgeladen von Gudrun-Anna Wirbitzky
Abschied ist oft auch ein Neubeginn.
Mein Spaziergang...
Ein Schild hängt schief im Fenster: `danke für ihre Treue`. Es wirkt wie ein Abschiedsbrief an eine Zeit, die nie mehr wieder kommt. Ich seufze leise, mein Atem beschlägt das Glas für einen kurzen Moment und wischt das Bild der Leere weg. Ich wende mich ab und gehe weiter.
Verlorene Lebendigkeit?
Doch die Stadt ist nicht tot. Sie schläft nur, oder bricht einfach auf zu etwas Neuem murmle ich vor mich hin.
Ein paar Meter weiter, an der Ecke zur nächsten Querstraße, bricht plötzlich ein warmes, gelbes Licht durch den grauen Nachmittag. Wo letzte Woche noch verstaubter Teppichboden hinter den Scheiben lag, herrscht jetzt geschäftiges Treiben. Das Schaufenster dort schaut mich nicht traurig an - es blinzelt mir freudig entgegen.
Was passiert da gerade?
An den Scheiben kleben bunte Buchstaben wie aus Kreide: ,,Hier entsteht ein Raum für Neues lese ich." Durch das Glas sehe ich junge Menschen, die alte Holzplatten zu wunderbaren Sitzgelegenheiten zusammenschrauben. Es riecht nach frischer Farbe , Kaffee und Sägemehl. Eine junge Frau auf einer Leiter winkt mir fröhlich zu.
Nachdenklich:
Der eine oder alte Riese des Handels mag gegangen sein, denke ich bei mir: Aber sie machen auch Platz für etwas, das viel schöner ist. Für Menschen, die ihre Stadt selbst in die Hand nehmen. Ich lächele und winke der jungen Frau ebenfalls zu. Der trostlose Spaziergang durch unsere Stadt hat soeben Glanz bekommen. In der Bochumer Innenstadt stehen aktuell etwa 60 Ladenlokale leer, was einer Leerstandsquote von rund 7 Prozent bei insgesamt fast 900 Geschäften entspricht. Ich werde in Zukunft noch an vielen Schaufenstern vorübergehen die mich leer und mit traurigen Augen ansehen. Schilder sehen - wie ein Pflaster auf einer Wunde, die nicht heilen will. Schilder vom Abschied. Aber auch von Zuversicht. Ich liebe diese kleinen Schilder die fröhlich ein "Demnächst hier" verkünden. Ich ziehe den Kragen meiner Jacke höher. Der Wind treibt ein einsames Herbstblatt über das Kopfsteinpflaster, dorthin, wo die Stadt scheinbar ihre Lebendigkeit verloren hat. Aber heute habe ich einen Hoffnungsschimmer gesehen. Unsere Stadt will leben.
Bürgerreporter:in:Gudrun-Anna Wirbitzky aus Bochum |
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