Wenn Rosen heimlich konkurrieren
Rosenkrieg im Rosengarten - ein märchenhaftes Geheimnis
- hochgeladen von Hildegard Grygierek
Im Rosengarten in Seppenrade, wenn die Rosenzeit beginnt und Besucher in ihren Bann zieht, erwacht ein stilles, märchenhaftes Schauspiel - eines, das kein Mensch je wirklich gesehen hat … und gehört schon mal erst recht nicht. Denn dann, im ersten Licht des Morgens, beginnen die Rosen zu flüstern.
„Heute ist mein Tag“, haucht die samtrote Königin und hebt ihre Blüte ein wenig höher in die Sonne. Ein Tautropfen glitzert wie ein kleiner Edelstein auf ihrem Blatt - sorgsam platziert, wie es sich für eine Königin gehört. „Ein bisschen Glanz schadet nie“, meint sie und ist überzeugt, dass ihr die anderen mit ihrem schlichten Regenwasser nicht das Wasser reichen können.
„Da hast du recht“, klingt es neben ihr. „Aber ein bisschen mehr macht schon mehr her. Sieht man doch an mir. Oder?“ Die Nachbarin lässt gleich mehrere Tautropfen im Licht tanzen und ist sich ihrer Wirkung sehr bewusst.
„Ach“, erwidert die zartrosafarbene Rose leise und öffnet ihre Blütenblätter fast königlich langsam, „wahrer Zauber liegt nicht im Glanz - sondern in der feinen Nuance.“
Ein Hauch von Duft schwebt durch die Luft, kaum wahrnehmbar und doch unvergesslich.
„Ihr denkt viel zu sehr ans Auge“, ruft eine gelbe Rose aus der zweiten Reihe. „Man muss die Herzen erreichen, die Herzen!“
„Ja - das stimmt schon“, rufen die roten Rosen dazwischen. „Zu uns hat sich der Lavendel gesellt, und wenn er seinen Duft unter unseren mischt, entsteht ein Gemisch, das nicht nur die Herzen der Besucher öffnet, sondern auch ihre Nasen ganz weit auf Empfang stellt.“
Die Kletterrose schwankt amüsiert auf ihrem Bogen hin und her. „Innehalten ist ja schön und gut“, lacht sie, „aber wehe, sie bleiben zu lange stehen - am Ende werden sie mich noch übersehen!“
Und so beginnt er jeden Morgen - der heimliche Rosenkrieg, verborgen hinter Duft und Schönheit.
Die Margeriten am Wegesrand beobachten alles mit leisem Kichern, während die Bauernrosen am alten Fachwerkhaus gelassen bleiben. „Wir brauchen keinen Zauber“, sind sie sich einig. „Wir sind auch so schön, ohne Rückschnitt und Kunstdüngung."
Tja - Rosen sind eitel. Mit Ausnahme der Bauernrosen. Sie polieren ihre Blätter mit Morgentau, stimmen ihre Farben auf das Licht ab, verweben ihre Düfte mit der Luft und üben die perfekte Bewegung im Wind.
Und manche von ihnen tragen mehr in sich als nur ihren Duft - sie wecken Erinnerungen. An früher. An Zuhause. An die Mama vielleicht, die ein Stück Rosenseife zwischen die frisch gewaschene Wäsche legte, sodass beim Öffnen des Schranks ein zarter Rosenduft entgegenschwebte. Ein Duft, der bleibt - genau wie die Erinnerung daran.
Jede ist überzeugt: Heute werde ich die Schönste sein.
„Ich verwette meine Dornen“, flüstert die rote Königin, „dass heute alle Blicke auf mir ruhen.“
Doch dann kommen die Menschen. Sie bleiben stehen, staunen, atmen den Duft ein, lassen den Blick wandern - von einer Rose zur nächsten, von Farbe zu Farbe, von Zauber zu Zauber. Ein Fototermin jagt den nächsten, und so manch eine Rose fühlt sich bereits wie ein Supermodel im Dauereinsatz.
Und plötzlich wird es still im Rosengarten.
„Na, haben wir heute nicht wieder einen guten Job gemacht und die Besucher glücklich?“, flüstert eine. Die anderen nicken – kaum sichtbar, ganz sachte, damit niemand abknickt.
Während die Sonne langsam untergeht, liegt ein stilles Einvernehmen über dem Garten.
Doch wer glaubt, der Rosenkrieg sei damit beendet, kennt die Rosen schlecht.
Denn am nächsten Morgen beginnt alles von vorn. Manch eine hat in der Nacht den Kopf verlor'n - doch schon am Nachmittag ist eine neue gebor'n.
Bürgerreporter:in:Hildegard Grygierek aus Essen |
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