Gudrun-Anna Wirbitzky
Das Ahornblatt🍁 und meine kleine Herbstgeschichte

Foto Pixabay.

Der Wind trieb die bunten Blätter in wilden Wirbeln durch das kleine Wäldchen, als es passierte. Ich war gerad tief im Gedanken versunken, den Kopf leicht gesenkt gegen den Wind, als mich etwas mitten im Gesicht traf. Ein keines, feuchtes Etwas. Ein leuchtend rotes Ahornblatt hatte sich auf meine rechte Wange verirrt. Der feine, anhaltende Herbstregen sorgte dafür, dass es wie angeklebt haften blieb. Ich lächelte, als ich danach griff, um mich von der ungeplanten Maskerade zu befreien. Doch als ich das Blatt in den Händen hielt und es genauer in Augenschein nahm, geschah Unfassbares. Es vibrierte in meiner Handfläche. Und dann hörte ich es, kaum lauter als ein Rascheln. ,,Nimm mich mit nach Hause", flüsterte das Blatt. ,,Nimm mich mit, und du hast einen Wunsch frei." Schmunzelnd über meine wilde Fantasie steckte ich das Blatt in meine Jackentasche. Zu Hause angekommen, legte ich es behutsam auf die Fensterbank unseres Schlafzimmers. Im Schein einiger plötzlich auftauchenden Sonnenstrahlen glänzte es wie Gold. Doch flugs holte mich der Alltag ein. Das Kochen, ein Telefonat, die Nachrichten am Abend ließen mich das kleine Wunderwesen auf der Fensterbank vergessen. In dieser Nacht aber geschah ein kleines Wunder. Sobald ich die Augen schloss, glitt ich in einen tiefen Schlaf. Ich träumte mich zurück in meine Kinderzeit. Es war kein vager, verblasster Traum, sondern alles schien so real. Ich roch den Duft von frisch gebackenen Apfelkuchen aus Mutters Küche. Ich spürte das raue Holz eines Baumes den ich umarmte. Das unbeschwerte Lachen von Kindern begleitete meinen Traum. Ich erinnerte mich an Höhlen bauen, Kastanien sammeln, die Welt war unendlich groß und voller Abenteuer. Es war so intensiv, als passierte es gerade wirklich. Ein tiefes Gefühl von Dankbarkeit, ein Gefühl von Geborgenheit, und Glück erfüllte mich. Als ich am nächsten Morgen erwachte, begleitete mich dieses warme Glücksgefühl noch immer. Ich trat an das Fenster, um die kühle Morgenluft hineinzulassen. Doch in dem Moment als ich es öffnete, erfasste ein heftiger Luftzug das Ahornblatt. Wie Fremdgesteuert  tanzte es auf der Fensterbank, erhob sich in die Luft und flog davon. Es wirbelte höher und höher bis es gänzlich verschwand.
Seltsam...
Meinen Wunsch hatte das kleine Blatt erfüllt ohne das ich ihn geäußert hatte. Das Ahornblatt hat mir in dieser Nacht etwas Kostbares zurückgegeben, was die Zeit uns nimmt: die Unbeschwertheit unserer Kindheit.
Heute bei meinem Spaziergang werde ich allen Blättern danke sagen, versprochen.🍁

Bürgerreporter:in:

Gudrun-Anna Wirbitzky aus Bochum

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