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Integration durch gemeinsames Frühstück

Foto: Didi van Frits mit ChatGPT-6.1 Astra
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Bei einer Befragung merkte ich, dass 70% meiner Erstklässler in Bochum normalerweise nicht gefrühstückt hatten und deshalb um 11 Uhr nicht mehr weiter lernen konnten. Man untersagte mir, diesen Tatbestand an das Schulamt weiter zu leiten, weil man einen Image-Schaden befürchtete.

Als Grundschullehrer hatte ich zudem oft Klassen, in denen siebzig Prozent der Kinder ausländisch waren. Eine Zahl, bei der heute vermutlich sofort ein Innenminister vor eine Kamera treten würde. Mir half sie morgens wenig. Ich musste wissen, welches Kind mich verstand und welches noch nicht.

Besonders schwierig war es, wenn Kinder zuvor keinen Kindergarten besucht hatten und fast kein Wort Deutsch verstanden. Sie sollten lesen, schreiben und rechnen lernen und mussten erst einmal herausfinden, was der Mann vorne überhaupt von ihnen wollte. Wer solche Schwierigkeiten kleinredet, hat vermutlich lange vor keiner Grundschulklasse gestanden. Diese Kinder brauchten Hilfe. Ihr Lehrer übrigens auch.

In Italien soll nun eine Obergrenze von dreißig Prozent in den Eingangsklassen die Integration fördern. Die Regelung zielt vor allem auf neu zugewanderte Kinder mit unzureichenden Italienischkenntnissen; nicht jedes Kind ohne italienischen Pass fällt darunter. Zum Maßnahmenpaket gehören außerdem ein Verbot von Burka und Nikab in Schulen sowie kostenlose Sprachkurse für Eltern, wenn deren Sprachprobleme die Zusammenarbeit mit der Schule behindern. Wer vorgeschriebene Kurse nicht besucht, muss mit Geldbußen rechnen.

Sprachkurse für Eltern? Sehr gern. Eine ausgewogenere Verteilung, damit einzelne Klassen nicht alle Schwierigkeiten eines ganzen Stadtviertels schultern müssen? Auch darüber lässt sich vernünftig reden. Nur lernt ein Kind durch seine Umverteilung noch keinen einzigen Satz. Irgendwo muss jemand Zeit haben, diesen Satz mit ihm zu üben. Die Prozentrechnung darf den Stundenplan der Sprachförderung nicht ersetzen.

Auch religiöse Bevormundung habe ich erlebt. Bei ersten Elternabenden saßen häufig Imame dabei, die zu verhindern versuchten, dass Eltern mit mir sprachen. In ihren Augen war ich ein Ungläubiger. Offenbar musste vor dem kleinen Einmaleins zunächst meine religiöse Unzuständigkeit geklärt werden.

Das wollte ich ebenso wenig hinnehmen wie die Vorstellung, ein Kind sei wegen seiner Herkunft ein pädagogischer Schadensfall. Wer Eltern davon abhält, mit dem Lehrer ihres Kindes zu sprechen, baut genau jene Mauer, über die hinterher alle klagen.

Zum Glück hielten sich viele Eltern nicht daran. Besonders deutlich wurde das, als ich übliche Unterrichtsrituale aufbrach und den Morgen mit einem gemeinsamen Frühstück begann. Viele ausländische Mütter halfen mit und brachten Speisen mit. Sie beteiligten sich mit einer Selbstverständlichkeit, von der manche Integrationsdebatte noch etwas lernen könnte.

Ein gemeinsames Frühstück ersetzt keinen Sprachunterricht. Aber es gibt der Sprache einen Anlass. Ein Satz wie „Kannst du mir das reichen?“ hat einen Vorzug gegenüber mancher Übung im Arbeitsheft: Man möchte die Antwort wirklich hören. Und wer etwas zum gemeinsamen Tisch beiträgt, erlebt sich als jemand, der gebraucht wird.

Vielleicht unterschätzen wir das: wie viel leichter Menschen Zugang zu einer Schule finden, wenn sie dort etwas beitragen können. Diese Mütter kamen mit ihren Fähigkeiten. Man musste ihnen Gelegenheit geben, sie zu zeigen.

Leider wurde unsere Schulküche abgerissen.

Auch im Kollegium wollten nicht alle meinen Versuch unterstützen. Manchmal beginnt die Schwierigkeit mit der Integration schon dort, wo eine ungewohnte Idee in den gewohnten Schulbetrieb integriert werden soll.

Ich weiß nicht, ob Frau Meloni für meinen Frühstückstisch eine Ausnahmegenehmigung vorgesehen hätte. In meiner Vorstellung steht sie mit einem Klemmbrett daneben und zählt. Während die Mütter etwas auf den Tisch stellen, prüft die Regierung, wer an ihm sitzen darf.

Dabei wünsche ich mir durchaus Verbindlichkeit. Eltern sollen mit der Schule zusammenarbeiten. Kinder brauchen früh Gelegenheit, die gemeinsame Sprache zu lernen. Religiöse Autoritäten haben niemandem den Mund zu verbieten. Und Mädchen müssen dieselben Freiheiten haben wie Jungen.

Verbindlichkeit wünsche ich mir allerdings auch von der Politik. Sie soll dafür sorgen, dass es Kindergartenplätze gibt, Sprachförderung, genügend Lehrkräfte und Räume für Begegnung. Wer Eltern zum Lernen verpflichtet, muss ihnen einen erreichbaren Kurs anbieten können. Wer Integration verlangt, sollte ihren praktischen Versuchen etwas zutrauen.

An unser gemeinsames Frühstück denke ich bis heute gern zurück. Die Mütter brachten etwas mit. Die Kinder saßen beieinander. Es war ein Anfang.

Die Küche riss man ab.

Vielleicht sollte die nächste Integrationsverordnung mit einem Abrissverbot beginnen.

P.S.:
Dieser Artikel ist auch zu finden in meinem Glossen-Archiv A-Z

Bürgerreporter:in:

Didi van Frits aus Hattingen

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