Traditionen, die bleiben
Damals zu Ostern - Aus dem Leben einer Bergmannstochter
- hochgeladen von Hildegard Grygierek
Schon Wochen vor den Osterfeiertagen verbreitete die Mutti hemmungslos Hektik und Aufregung.
Natürlich meinte sie es nur gut und war sich der Unruhe, die sie stiftete, überhaupt nicht bewusst. Auch nicht darüber, wie sehr sie uns mit dem ständigen Anprobieren des unfertigen Strickteils „quälte“, welches allmählich zu einem Pullover heranwuchs. Ihren Übereifer unterstrich sie durch unüberhörbares Klappern der Stricknadeln sowie gelegentlichem Pieksen mit der einen oder anderen Nadelspitze beim Abstecken des Rocksaums, der von unzähligen Stecknadeln gehalten wurde. Spätestens ab dem Moment wussten meine Schwester und ich, dass wir an Ostern nicht nur wie aus dem Ei gepellt aussehen, sondern auch wie ein Ei dem anderen gleichen – rein äußerlich natürlich.
Seltsamerweise setzte Mama alles daran, Inge sowie auch mich in „Doppelte Lottchen“ zu verwandeln. Nur an der Frisur erlaubte sie einen, wenn auch nur geringfügigen Unterschied. Während eine kunstvoll gedrehte Tolle exakt die Mitte meines Kopfes schmückte, worüber „Wilhelm Busch“ garantiert entzückt gewesen wäre, zögerte sie nicht lange, meiner Schwester Ähnlichkeit mit Witwe Bolte zu verschaffen, indem sie ihr eine dicke Schleife vor die Stirn drapierte. An das stramme, gesichtsstraffende Gefühl kann ich mich noch genauso gut erinnern wie an die vielen stechenden Haarnadeln.
Ebenso unvergessen bleiben mir traumhaft schöne rosafarbene Sandaletten mit leicht damenhaft erhöhten Absätzen. Da Mama beabsichtigte, uns Mädels an den Osterfeiertagen so richtig auszuputzen, überraschte sie mit wirklich hübschen Sandaletten. Farblich auf die selbstgestrickten Pullover abgestimmt, unterschieden sie sich nicht nur größenmäßig. Dies hatte zur Folge, dass meine überaus eitle Schwester, ohne Rücksicht auf die Tatsache ihrer wesentlich kleineren Schuhgröße, einen Tausch von mir verlangte. Auf keinen Fall bereit, mich in ihre „Hellblauen“ zu zwängen und mich von meinen „Rosanen“ zu trennen, kam es nicht nur für die zarten Riemchen zur Zerreißprobe, sondern auch für die Nerven der Eltern. Wie unser Vater es immer wieder schaffte, mit seiner beruhigenden Art jedem Streit beizukommen, ist mir heute noch rätselhaft.
Endlich war er da, der ersehnte Tag fürs traditionelle Osterfrühstück. Im friedlichen Einklang mit dem Sonntagskonzert aus dem Radio bereitete Mutti das Frühstück vor, während Vati sich im kleinen angrenzenden Bad noch rasierte. Das harmonische Zwischenspiel in der Küche genoss ich als Kind in vollen Zügen, sowie den herrlichen Duft von frisch aufgebrühtem Kaffee. Der typisch würzige Geruch vom ausgelassenen Speck für die Rühreier lockte Papa schneller aus dem Bad als sonst, was Mutter sichtlich amüsierte. Vielleicht malte ihr auch das Glücksempfinden über den familiären Zusammenhalt die unübersehbar weichen Linien ins Gesicht. Überhaupt lag eine angenehme lockere Stimmung in der Luft, wenn Papa zu Hause war - und die Zeche, wenn auch nur für kurze Zeit, ganz weit entfernt.
Interessiert schaute ich der Mama zu, wie sie es mit unglaublicher Schnelligkeit fertigbrachte, winzigste Röllchen aus Schnittlauch zu hacken und aufgeschlagene Eier mit dem einen oder anderen Hahnentritt in die Pfanne gleiten zu lassen.
Nach dem traditionellen Frühstück machten wir uns auf zum traditionellen Osterspaziergang, der ohne Wenn und Aber, Jahr für Jahr, durch den Hiltroper Park führte. Für meine Eltern war es eine Selbstverständlichkeit, in Zusammenarbeit mit dem Osterhasen eigenhändig gefärbte Eier zu verstecken, die wir Kinder suchen durften. Mit Stroh ausgelegte Henkelkörbchen eilten meine Schwester und ich von Baum zu Baum und von Strauch zu Strauch, um die mitunter kunstvoll bemalten Eier einzusammeln. Merkwürdig, wie der Osterhase es hinkriegte, dass wir immer die gleiche Anzahl in unserem Körbchen mit nach Hause nehmen konnten. Garantiert hatte sich Meister Lampe Streitigkeiten am Feiertag verboten.
Vor Antritt des Heimwegs führte kein Weg am Friedhof, an Uromas Grab vorbei - wobei mich schon als Kind dieser Ort der Ruhe äußerst traurig stimmte.
Auch nach Jahren behielt der Osterspaziergang noch seinen Traditionsstatus - eine Tradition, welche ich als erwachsene Frau weiterführte … und der Osterspaziergang zum Grab der geliebten Eltern.
© Hildegard Grygierek / Bergmannstochter
Erinnerungen an die Bergmannszeit
Bürgerreporter:in:Hildegard Grygierek aus Essen |
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