Angelika Klüssendorfs Roman „Trost“
Als Rita ins Koma fiel

„Noch ist der Mond zu sehen, knöchern bleich und unerschütterlich, doch was weiß sie schon, was da oben los ist." Mit diesem Satz leitet die 68-jährige Schriftstellerin Angelika Klüssendorf, die einmal von der Neuen Zürcher Zeitung als "deutsch-deutsche Grenzgängerin" bezeichnet wurde, ihren neuen Roman ein. Klüssendorf, die in der DDR aufgewachsen ist und mit FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher (1959-2014) verheiratet war, schreibt seit fast vierzig Jahren kontinuierlich auf hohem Niveau und fliegt dennoch unter dem Radar des aktuellen Literaturbetriebs.

Im Mittelpunkt des neuen Romans „Trost“ stehen drei Figuren: Die Autorin Rita Hühner, ihr Lebensgefährte Joachim, ein im Ruhestand befindlicher Musiklehrer und dessen 17-jährige Tochter Jane, die kurz vor dem Abitur steht.
Rita befindet sich seit einem Jahr in Rente, steht an einem kalten Wintermorgen am Küchenfenster und bricht plötzlich zusammen. Sie hat ein Insekt verschluckt, einen allergischen Schock erlitten und fällt ins Koma. Sie wird, um es vorwegzunehmen, nicht mehr aufwachen.
Der Roman erzählt auf wechselnden Ebenen von der komplizierten Beziehung zwischen Rita und Joachim und darüber hinaus von Patchworkfamilien, bei denen alles aus dem Ruder gelaufen ist. Es ist die Zeit der Corona-Pandemie, aber auch die Zeit, in der der Überfall Russlands auf die Ukraine stattfand.
Rita hat auf einem alten Bauernhof in Brandenburg gelebt, Joachim, ihr Partner war dort nur gelegentlich zu Besuch, obwohl sie seit mehr als einem Jahrzehnt ein Paar waren. Ein amouröses Wechselspiel zwischen Nähe und Distanz, auch wenn beide nicht so ganz klar wissen, was sie in der Beziehung hält. Ruth ist nach den Besuchen von Joachim gerne wieder allein.  Joachim und Ruth sind schon ein einem  Jahrzehnt ein Paar, auch wenn beiden nicht so ganz klar zu sein scheint, was sie in der Beziehung hält. Die Schwester von Ritas Nachbar läuft Joachim über den Weg. Sie freunden sich an und für Joachim ist ein kleines Glück zurück, während Ritas Zustand im Krankenhaus medizinisch für hoffnungslos erklärt wird.
Nachdem Rita ins Koma gefallen ist, wechselt die Erzählperspektive. Danach kommen Joachim und Jane, Joachims Tochter zu Wort. Jene Jene, die in Rita eine Art Ersatzmutter zu finden glaubte und die am Krankenbett sitzt und stumm ihre Hand hält. "Dies ist das normale Leben", stellt Jane fest.
Jede Figur dieses komplizierten Patchworkgeflechts in diesem Roman bekommt Platz für ihre Stimme – mit aller Ambivalenz und Widersprüchlichkeit. Angelika Klüssendorf widmet jeder Figur jeweils ein Kapitel und porträtiert sie darin liebevoll, mit großer Empathie und einer beinahe spartanischen Erzählweise. Als komatöse, dahinsiechende Person bleibt Rita dennoch die Hauptperson, als Auslöser von Erinnerungen, nicht nur für Joachim, sondern mehr noch für dessen 17-jährige Tochter Jane, die in Rita eine Art Ersatzmutter gefunden hatte.
Angelika Klüssendorfs Roman demonstriert eindrucksvoll, wie Menschen – ohne es zu merken - aneinander vorbei zu leben, beseelt von Wunschbildern, zu denen sie nicht fähig sind, sie zu erfüllen. Ein Leben zwischen Hoffnung und Enttäuschung.
Am Ende heißt es zutreffend: „Und jeder, wirklich jeder Mensch auf der Welt braucht Trost. Und das ist überhaupt kein schlimmer Gedanke - es wäre erst dann schlimm, wenn es keinen Trost gäbe."

Angelika Klüssendorf: Trost. Roman. Piper Verlag, München 2026, 208 Seiten 24 Euro

Bürgerreporter:in:

Peter Mohr

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