Berlin DIE LINKE gewinnt haushoch
Elif Eralp im Auge des Betrachters

Foto: Didi van Frits mit ChatGPT-6 Astra Max
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Beim Lesen der internationalen Presseschau stelle ich mir einen Optikerladen vor. Elif Eralp steht vor einer Sehtafel. Ringsum sitzen Korrespondenten und wechseln die Gläser. Auf der Tafel steht: „Bezahlbare Wohnungen“. Was die Herrschaften lesen, fällt erstaunlich unterschiedlich aus.
1) „Le Monde“ erkennt in Eralp das neue Gesicht der radikalen Linken und einen Aufbruch in den großen Städten. Radikal! Ein schönes Wort. Für manchen Berliner wäre es bereits eine radikale Verbesserung, nach Abzug der Miete noch etwas zum Leben übrig zu haben. 
2) Die konservativere „El Mundo“ greift dagegen zur historischen Brille. Wie der „Tagesspiegel“ berichtet, sieht sie 37 Jahre nach dem Mauerfall die postkommunistische Linke Berlin gewinnen und betont deren Herkunft aus PDS und SED. Das gehört zur Geschichte dieser Partei. Allerdings ist eine Brille, durch die man vor allem nach hinten sieht, auf dem Berliner Wohnungsmarkt nur begrenzt hilfreich. Man erkennt Erich Honecker gestochen scharf. Die Mieterhöhung vor der eigenen Nase verschwimmt. 
3) Die „New York Times“ betrachtet den Wahlabend vor allem als Niederlage für Friedrich Merz und als doppelten Schlag gegen die politische Mitte: AfD-Erfolg an der Küste, Linken-Erfolg in Berlin. Da hat eine Frau mit ihrer Partei eine Wahl gewonnen, und schon steht wieder ein Mann im Mittelpunkt, weil er verloren hat. Friedrich Merz beherrscht offenbar sogar die Kunst, auf fremden Siegerfotos die Hauptrolle zu spielen.

4) Bei der türkischen Zeitung „Sözcü“ wird ein Jubel aufgeführt über die türkische Kandidatin, die sinngemäß „die Urnen sprengt“. Eine Wahlurne kann offenbar schon durch ordnungsgemäß eingeworfene Stimmzettel explodieren. Jedenfalls in einer begeisterten Schlagzeile. So bekommt die Politikerin eine Herkunftsschleife umgebunden. Das mag herzlich gemeint sein. Trotzdem möchte ich wissen, was sie vorhat. Auch ein Stammbaum spendet noch keinen bezahlbaren Wohnraum.
5) Die spanische „El País“ hatte bereits am Wahlmorgen eine andere Einstellung gewählt: zwei linke Frauen, Eralp und Manuela Schwesig, als Gegenspielerinnen der extremen Rechten. Das klingt nach einem Film, in dem zwei Frauen die Stadt retten müssen, während die Herren im Sitzungssaal noch darüber beraten, wer die Gefahr rechtzeitig erkannt hat. 
6) Die „Times of Israel“ zeichnete schon zwei Tage vor der Wahl ein zwiespältiges Bild. Sie beschrieb Eralps Ausstrahlung und die Anlehnung an New Yorks Zohran Mamdani. Zugleich berichtete sie über den Rapper Dahabflex, dessen Auftritt bei der Neuköllner Linken wegen antisemitischer und gewaltverherrlichender Texte Empörung ausgelöst hatte. Eralp verurteilte den Auftritt. Die Zweifel an ihrer Partei blieben. An dieser Stelle wird die Sehstunde ernst. Jüdische Berliner müssen sich darauf verlassen können, dass ein Versprechen von Schutz und Solidarität auch für sie gilt. Eine Parteiführung muss das im eigenen Laden durchsetzen. Ein Mikrofon wird durch eine rote Fahne dahinter noch lange nicht zum Instrument der Menschlichkeit.

7) Und ich? Natürlich trage auch ich eine Brille. Eine Politik, die Menschen in ihren Wohnungen halten will, ist mir sympathisch. Gerade deshalb interessiert mich, was aus den Versprechen wird. Ein Wahlsieg ist noch keine Regierung, und eine Regierung ist noch keine eingelöste Hoffnung. Am Ende meiner gedachten Sehstunde legt eine Berlinerin ihren Mietbescheid neben die Zeitungen. Auch sie interessiert sich für Elif Eralp. Sie möchte wissen, ob sie in ihrer Wohnung bleiben kann.

Die internationale Presse hat inzwischen unterschiedliche Bilder der Kandidatin entwickelt. Die Berlinerin wartet auf eine Antwort.

Die Miete liegt nämlich nicht im Auge des Betrachters.

Sie wird vom Konto abgebucht.

Bürgerreporter:in:

Didi van Frits aus Hattingen

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