Parkbank Geschichten
Der vertauschte Beutezug

Foto: Symbolbild by KI

Liebe Leserinnen und Leser von heimat.de, habt ihr euch eigentlich schon mal gefragt, was die Bänke in unserem kleinen Park so machen, wenn wir nicht auf ihnen sitzen?

Nun, sie schweigen – meistens jedenfalls. Doch wenn man zur richtigen Zeit am richtigen Ort ist und einfach mal die eigenen, lauten Gedanken ausschaltet, dann fangen sie an zu erzählen.

Heute nehme ich euch mit zu Rudolf. Rudolf ist kein gewöhnlicher Zeitgenosse. Er ist eine Bank aus bestem bayerischen Schrot und Korn: dicke, ergonomisch geschwungene Hartholzleisten, ein unerschütterliches gusseisernes Gestell und seit genau zehn Jahren fest im Boden des Parks verankert. Er hat einiges miterlebt. Und seine erste Geschichte, die er mir tiefenentspannt ins Ohr geflüstert hat, führt uns zurück in einen frischen, sonnigen Frühlingsmorgen vor ein paar Jahren...

Es war Punkt sieben Uhr morgens. Der Tau lag noch wie ein glitzernder Teppich auf den Parkwiesen und das Wasserbecken war spiegelglatt. Rudolf genoss die morgendliche Frische, als er die vertrauten Schritte hörte. Schlurf, klack. Schlurf, klack.

Es waren Schorsch und Schani. Die beiden Rentner waren wie die zwei Zeiger einer alten Kirchturmuhr: absolut verlässlich. Jeden Mittwochmorgen trafen sie sich hier auf Rudolf zum traditionellen Brezen-Frühstück. Schorsch, der wie immer seine alte Cordjacke trug, steuerte zielstrebig die linke Seite von Rudolf an. Schani ließ sich seufzend auf der rechten Seite nieder.

Jeder von ihnen stellte eine kleine, braune Papiertüte vom Bäcker genau in die Mitte, direkt neben Rudolfs eiserne Mittelarmlehne.

„Servus Schorsch.“
„Servus Schani. Na, hast das Spiel gestern gesehn?“

Und damit war es um die beiden geschehen. Das Thema war die Bundesliga, der drohende Abstieg ihres Lieblingsvereins und die Frage, warum der Schiedsrichter in der 89. Minute keinen Elfmeter gegeben hatte. Die beiden redeten sich in Rage. Sie gestikulierten mit den Händen, schimpften auf den Videoschiedsrichter und fuchtelten in der Luft herum.

Rudolf spürte das vertraute, wohlige Vibrieren auf seinen Holzlatten – er liebte den wöchentlichen Stammtisch der beiden.

Während die Diskussion ihren emotionalen Höhepunkt erreichte, griffen beide Männer blind nach ihren Bäcker-Tüten. Ohne hinzusehen, packten sie ein, verabschiedeten sich immer noch heiß diskutierend („A klarer Elfer war das, Schani, red mir nix ein!“) und machten sich auf den Heimweg.

Doch Rudolf, der alte Fuchs, hatte es sofort bemerkt: Die Tüten waren absolut identisch – und die beiden hatten sie im Eifer des Gefechts vertauscht!

Knapp zwanzig Minuten später saß Schorsch in seiner Küche. Er freute sich auf seine traditionelle Butterbreze. Er griff in die Tüte, biss herzhaft zu – und starrte fassungslos auf das Gebäck in seiner Hand. Es war süß. Es war klebrig. Es war eine Rosinenschnecke! Schorsch hasste Rosinen.

Fast zeitgleich saß Schani am Küchentisch, strich sich die Butter vom Bart und starrte auf die salzige Breze vor ihm. Wo war seine geliebte Rosinenschnecke?

Es dauerte genau drei Sekunden, bis bei beiden das Telefon klingelte.
„Schorsch? Du hast meine Schnecken!“
„Und du meine Brezen, du Hund, du elendiger!“

Am anderen Ende der Leitung brach ein schallendes Lachen aus. Die beiden alten Freunde lachten so laut, dass man es fast durch die Hörer hören konnte. Was tun mit dem vertauschten Beutezug? Zurückbringen? Nein.

Um genau 14 Uhr an diesem Nachmittag war der Park von der warmen Frühlingssonne durchflutet. Und wer saß wieder auf Rudolf? Schorsch und Schani. Diesmal schmunzelte Schorsch, während er genüsslich in die Rosinenschnecke biss („Gar net so schlecht, wenn man den Prüttel rauspfeift“), und Schani kaute glücklich auf der Butterbreze.

Rudolf wärmte seine Holzlatten in der Nachmittagssonne und dachte sich: Manchmal muss man eben die Pläne vertauschen, damit der Tag doppelt so gut wird.

Habt ihr auch schon mal etwas im Park vertauscht oder dort eine unerwartete Entdeckung gemacht? Schreibt es mir gerne in die Kommentare! Nächste Woche erzählt uns Rudolf, was passiert, wenn im Hochsommer die geheime Zutat für ein Zaubereis gesucht wird.

Bürgerreporter:in:

Wolfgang Weiss aus Untermeitingen

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