Der Insider-Spagat
Verwalter, Gestalter oder beides? Bürgermeisterkandidat Andreas Plattner im Interview

Bürgermeisterkandidat Andreas Plattner. Foto: © Wolfgang Decius
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In der heißen Phase des Wahlkampfs um das Springer Bürgermeisteramt setzt sich unsere Reihe der Kandidatenbefragungen fort. Nach den ausführlichen Gesprächen mit Jörg Sievers, Brian Baatzsch und Ingo Koschenz in den vergangenen Wochen steht nun ein Bewerber im Fokus, der das Rathaus nicht erst von außen erobern muss, sondern dessen Flure er seit dreieinhalb Jahrzehnten bestens kennt: Andreas Plattner, wohnhaft in Springe-Alferde und Familienvater von drei erwachsenen Kindern.

Mit dem Slogan „Aus der Stadt, von der Stadt, für die Stadt!“ tritt der amtierende Verwaltungsfachwirt und Mitarbeiter im Rechnungsprüfungsamt als unabhängiger Kandidat an. Sein Versprechen: ein Neuanfang für Springe. Doch genau hier beginnt für kritische Beobachter der sprichwörtliche „Insider-Spagat“.
Kann jemand, der tief im städtischen Verwaltungsapparat verwurzelt ist – unter anderem als ehemaliger Leiter des Bürgerservice und engagierter Personalrat –, glaubhaft jenen frischen Wind bringen, den die Stadt angesichts von Investitionsstaus, ÖPNV-Chaos und zäher Bürokratie so dringend benötigt?
Braucht es an der Spitze den versierten Verwalter, der die Mühlen des Systems aus dem Effeff kennt, oder vielmehr den hemdsärmeligen Macher, der verkrustete Strukturen aufbricht?
Im Interview stellt sich Andreas Plattner den drängenden Fragen zur Zukunft unserer Ortsteile, seiner tatsächlichen politischen Unabhängigkeit im Rat und der persönlichen Verantwortung, wenn kommunale Großprojekte aus dem Ruder laufen. Ein Gespräch über den schmalen Grat zwischen Verwaltungstreue und dem echten Willen zur Veränderung.

1) Der Insider-Spagat: Auf Ihrem Wahlkampf-Button werben Sie mit dem Slogan „Aus der Stadt, von der Stadt, für die Stadt!!“. Gleichzeitig sind Sie als langjähriger Mitarbeiter im Rechnungsprüfungsamt tief im städtischen Verwaltungsapparat verankert. Wie wollen Sie glaubhaft frischen Wind in ein Rathaus bringen, dessen Mühlen Sie selbst seit Jahren mit antreiben?
Gerade weil ich die Stadtverwaltung aus 35 Jahren Erfahrung aus vielen unterschiedlichen Bereichen kenne, bin ich überzeugt davon, dass ich Springe erfolgreich führen und weiterentwickeln kann. Ich kenne die Abläufe, die Herausforderungen und auch die Bereiche, in denen Veränderungen notwendig sind. Frischer Wind entsteht nicht automatisch dadurch, dass jemand von außen kommt. Entscheidend sind neue Ideen, klare Prioritäten und der Wille, Dinge tatsächlich zu verändern. Ein Beispiel dafür ist meine Zeit als Leiter des Bürgerservice. Dort habe ich mit dafür gesorgt, dass alle Mitarbeitenden an allen Plätzen alle Dienstleistungen bearbeiten können und somit die Bürgerinnen und Bürger nicht mehr an verschiedenen Büros anstehen müssen. Diese kleine Veränderung hat den Service bereits verbessert. Das beweist, dass selbst kleine Anpassungen positive Auswirkungen haben können. Auch als Bürgermeister werde ich notwendige Veränderungen angehen. Dazu gehört für mich beispielsweise eine Verschlankung der Leitungsebene und eine effiziente Organisation der Verwaltung. Mein Vorteil ist, dass ich die Verwaltung nicht erst kennenlernen muss. Ich weiß, wie sie funktioniert, und ich weiß, wo wir besser werden müssen.
2) Verwalter oder Gestalter: Sie betonen auf Ihrem Anstecker Ihre Qualifikation als „Verwaltungsfachwirt“. Braucht Springe angesichts maroder Infrastruktur und verschleppter Projekte nicht weniger Verwaltungsorientierung und stattdessen viel mehr pragmatische Macher-Qualitäten an der Spitze?
Wer eine Verwaltung mit rund 380 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern leiten möchte, muss wissen, wie Verwaltung funktioniert. Dazu gehören rechtliche Vorgaben, finanzielle Zusammenhänge, Personalführung und politische Entscheidungsprozesse. Verwaltungswissen und Macher-Qualitäten schließen sich aber nicht aus. Ganz im Gegenteil. Ideen allein reichen nicht aus. Entscheidend ist, ob man sie auch erfolgreich umsetzen kann. Wenn ein Bürgermeister beispielsweise wichtige rechtliche Rahmenbedingungen wie Vergaberichtlinien nicht kennt, kann es passieren, dass Projekte nicht schneller umgesetzt werden, sondern im schlimmsten Fall scheitern. Meine Erfahrung hilft mir dabei, realistische Lösungen zu entwickeln und diese auch umzusetzen. Dazu gehört auch, der Politik Rückmeldungen zu geben und auf Kosten, Risiken und mögliche Folgen hinzuweisen. Springe braucht keinen Bürgermeister, der die Verwaltung erst lernen muss. Springe braucht jemanden, der vom ersten Tag an handlungsfähig ist und gleichzeitig bereit ist, Dinge zu verändern.
3) Das Rechnungsprüfungsamt: In Ihrer aktuellen Funktion kennen Sie die finanziellen „Leichen im Keller“ der Stadt Springe genau. Warum haben Sie in dieser Position bei offensichtlichen Fehlentwicklungen in der Vergangenheit nicht schon viel lauter Alarm geschlagen?
Zunächst möchte ich klarstellen, dass ich erst seit rund einem Jahr im Rechnungsprüfungsamt tätig bin. Außerdem hat das Rechnungsprüfungsamt eine besondere Aufgabe. Es ist nicht dafür da, öffentlich Alarm zu schlagen oder politische Entscheidungen zu treffen. Unsere Aufgabe ist es, Vorgänge zu prüfen, Prüfberichte zu erstellen und diese an die zuständigen Stellen weiterzugeben. Der weitere Umgang damit erfolgt dann über den Bürgermeister in den politischen Gremien. Trotzdem habe ich mich auch in meiner bisherigen Tätigkeit immer für die Interessen der Stadt eingesetzt. Als Vorsitzender des Personalrats habe ich beispielsweise bei Teilen des Rathausprojektes kritisch hinterfragt, ob bestimmte Maßnahmen tatsächlich notwendig sind. Ein Beispiel ist der geplante Umbau der Remise zu einem Gastronomiebetrieb. Aus meiner Sicht müssen wir uns zunächst darauf konzentrieren, vernünftige und funktionale Arbeitsplätze für die Beschäftigten zu schaffen. Mein Anspruch ist, dass wir verantwortungsvoll mit den finanziellen Mitteln unserer Stadt umgehen und genau prüfen, welche Projekte notwendig sind und welchen Nutzen sie für Springe haben.
4) Interessenkonflikt Personalrat: Sie engagieren sich im Personalrat der Stadt. Als Bürgermeister wären Sie plötzlich der Dienstherr Ihrer jetzigen Kolleginnen und Kollegen. Wie wollen Sie bei dringend nötigen, möglicherweise unbequemen Umstrukturierungen in den Ämtern agieren, ohne in einen tiefen Loyalitätskonflikt zu geraten?
Ich sehe darin keinen Loyalitätskonflikt. Die von mir angesprochene Verschlankung der Leitungsebene betrifft nicht den Personalrat. Dieser ist für Entscheidungen in diesem Bereich noch nicht einmal zuständig. Deshalb habe ich dort keine Interessen vertreten, die später einem Konflikt entgegenstehen würden. Grundsätzlich ändern sich mit dem Amt des Bürgermeisters natürlich die Rollen. Als Bürgermeister bin ich Dienstherr der Beschäftigten und trage die Verantwortung dafür, dass die Verwaltung gut funktioniert und die Stadt ihre Aufgaben erfüllen kann. Dabei geht es nicht darum, Entscheidungen gegen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu treffen. Gute Führung bedeutet für mich, Beschäftigte ernst zu nehmen, zuzuhören und gleichzeitig klare Ziele zu verfolgen. Ich kenne die Situation der Beschäftigten sehr gut. Diese Erfahrung ist ein Vorteil, weil ich weiß, wo die Verwaltung Unterstützung braucht und wo wir Strukturen verbessern müssen. Wenn Veränderungen notwendig sind, werde ich diese sachlich, transparent und zum Wohl der gesamten Stadt umsetzen.
5) Verkehrschaos und ÖPNV: Die Verkehrsanbindung und insbesondere der Schienenersatzverkehr rund um Springe – etwa auf der stark frequentierten Strecke zwischen Hannover und Bennigsen – geraten bei Störungen regelmäßig zum organisatorischen Desaster. Wie wollen Sie als Bürgermeister hier konkreten Druck auf die zuständigen Verkehrsbetriebe und die Region ausüben, anstatt sich nur auf fehlende Zuständigkeiten zu berufen?
Die Bürgerinnen und Bürger erwarten zurecht, dass ihre Probleme ernst genommen werden. Gleichzeitig gehört zur Ehrlichkeit auch, klar zu sagen, was ein Bürgermeister tatsächlich beeinflussen kann und was nicht. Ein Bürgermeister kann keine Fahrpläne der Deutschen Bahn ändern und keine Entscheidungen der Region Hannover oder der Verkehrsunternehmen ersetzen. Wer hier einfache Versprechen macht, würde Erwartungen wecken, die nicht seriös erfüllt werden können, und den Menschen schließlich falsche Hoffnungen machen. Das bedeutet aber nicht, dass eine Stadt machtlos ist. Als Bürgermeister werde ich die Interessen der Springer Bürgerinnen und Bürger gegenüber den zuständigen Stellen konsequent vertreten und dort den notwendigen Druck aufbauen, wo Einfluss möglich ist. In der Regionsversammlung wird über wichtige Fragen des öffentlichen Personennahverkehrs entschieden. Deshalb sollten sich die Bürgerinnen und Bürger über die Programme zur Wahl der Regionalversammlung informieren und an dieser Wahl teilnehmen.
Allerdings sehe ich beim innerstädtischen Busverkehr konkrete Möglichkeiten, Verbesserungen zu erreichen. Ein Beispiel ist eine bessere Anbindung wichtiger Einrichtungen, etwa großer Pflegeeinrichtungen wie in der Jägerallee. Diese möchte ich gern an die Buslinie 301 anschließen. Ein Bürgermeister darf sich nicht hinter Zuständigkeiten verstecken, aber er muss auch ehrlich mit den Möglichkeiten seines Amtes umgehen.
6) Bürgerbeschwerden und Bürokratie: Im städtischen Alltag stoßen Bürger oft auf eine Mauer der Bürokratie, selbst wenn es nur um offensichtliche Missstände wie unrechtmäßige Parkbeschilderungen auf öffentlichem Grund geht. Wie stellen Sie sicher, dass das Ordnungsamt künftig als Dienstleister für den Bürger agiert und nicht als reiner Paragrafenreiter?
Verkehrszeichen werden nicht nach Belieben aufgestellt, sondern nach den Vorgaben der Straßenverkehrsordnung und entsprechender Verwaltungsvorschriften. Diese rechtlichen Grundlagen werden nicht von der Stadt gemacht, aber die Stadt ist dafür verantwortlich, sie korrekt umzusetzen und die Einhaltung zu kontrollieren. Sollte sich herausstellen, dass eine Beschilderung tatsächlich unrechtmäßig aufgestellt wurde, muss dieser Fehler selbstverständlich korrigiert werden. Für mich ist aber der grundsätzliche Umgang mit Bürgeranliegen viel entscheidender. Eine Verwaltung darf nicht nur erklären, warum etwas nicht möglich ist. Sie muss prüfen, zuhören und Lösungen suchen. Gerade im Bürgerservice habe ich gelernt, wie wichtig der direkte Kontakt mit den Menschen ist. Bürgerinnen und Bürger müssen das Gefühl haben, dass ihre Anliegen ernst genommen werden. Natürlich müssen Gesetze eingehalten werden, aber Verwaltung darf kein Selbstzweck sein. Sie muss ein Dienstleister für die Menschen in unserer Stadt sein. Als Bürgermeister werde ich dafür sorgen, dass diese Haltung in der gesamten Verwaltung gelebt wird.
7) Informationspolitik und Transparenz: Lokale Berichterstatter und engagierte Bürger beißen bei städtischen Bau- und Infrastrukturprojekten oft auf Granit, wenn es um rechtzeitige Informationen geht. Verpflichten Sie sich zu einer radikalen Transparenz, bei der Planungen veröffentlicht werden, bevor Fakten geschaffen sind?
Ja. Transparenz ist eines meiner zentralen Wahlversprechen. Gerade bei planerischen Vorhaben ist es wichtig, die Bürgerinnen und Bürger frühzeitig mitzunehmen. Menschen akzeptieren Entscheidungen häufig besser, wenn sie verstehen, warum bestimmte Maßnahmen notwendig sind und welche Überlegungen dahinterstehen. Ich möchte deshalb stärker auf frühzeitige Information und Austausch setzen. Dazu gehört, geplante Projekte im Vorfeld ausführlicher über die städtische Website und auch über die lokalen Medien darzustellen. Genauso wichtig ist mir der direkte Dialog. Bürgerbeteiligung darf nicht erst stattfinden, wenn Entscheidungen bereits getroffen wurden. Zuhören, Argumente aufnehmen und unterschiedliche Interessen abwägen, gehört für mich zu guter Verwaltung. Natürlich gibt es rechtliche Grenzen, beispielsweise bei Personalangelegenheiten oder Vergabeverfahren. Aber überall dort, wo Transparenz möglich ist, sollte sie selbstverständlich sein. Offene Kommunikation im Vorfeld kann viele spätere Beschwerden vermeiden und schafft Vertrauen zwischen Verwaltung und den Bürgerinnen und Bürgern.
8) Finanzielle Prioritäten: Das Rechnungsprüfungsamt mahnt naturgemäß zur Sparsamkeit. Wo genau werden Sie als Bürgermeister den Rotstift ansetzen, um den Haushalt zu entlasten, ohne dabei das ehrenamtliche Engagement oder wichtige städtische Infrastruktur kaputtzusparen?
Zunächst möchte ich klarstellen, dass das Rechnungsprüfungsamt nicht grundsätzlich zur Sparsamkeit mahnt, sondern darauf achtet, dass haushaltsrechtliche Vorgaben und Vergaberichtlinien eingehalten werden. Darüber hinaus ist Springes große Herausforderung nicht, einfach weniger Geld auszugeben. Wir haben in den vergangenen Jahren an vielen Stellen einen Investitionsstau aufgebaut. Unsere Infrastruktur wurde teilweise kaputtgespart. Genau das ist heute eines unserer größten Probleme. Mein Ziel ist es, den richtigen Spagat zu schaffen. Auf der einen Seite brauchen wir wichtige Investitionen in die Zukunft unserer Stadt, auf der anderen Seite müssen wir solide und verantwortungsvoll mit den finanziellen Möglichkeiten umgehen. Deshalb müssen wir bei jedem Projekt folgendes genau prüfen:
1. Ist die Maßnahme zwingend notwendig oder nur „nice to have“?
2. Welche Priorität hat sie?
3. Welche finanziellen Auswirkungen hat sie heute und in Zukunft?
Dabei ist auch Schnelligkeit wichtig. Wenn notwendige Projekte immer weiter verschoben werden, entstehen häufig höhere Kosten und Probleme werden nur in die Zukunft verlagert. Für mich bedeutet verantwortungsvolle Finanzpolitik deshalb nicht, nichts zu tun. Nichts zu tun kann für die Zukunft sogar die teurere Lösung sein.
Zum Ehrenamt: Jedes ehrenamtliche Engagement verdient unseren Respekt und unsere Unterstützung. Besonders die Freiwillige Feuerwehr steht beispielhaft dafür. Diese Frauen und Männer übernehmen Verantwortung für die Sicherheit unserer Stadt. Sie sind unsere Gefahrenabwehr. Die Stadt muss ihre Ausstattung und ihre Einsatzfähigkeit sicherstellen. Auch überall dort, wo Ehrenamtliche sich engagieren und Aufgaben des Staates oder der Stadt übernehmen, müssen wir im Rahmen der finanziellen Möglichkeiten Unterstützung leisten, vor allem aber Respekt erweisen.
Für eine finanzielle Unterstützung aller im Stadtgebiet ansässigen Vereine fehlen im Haushalt aber die Mittel. So ehrlich muss man sein. Als Bürgermeister gebe ich aber ein Versprechen ab, an das Sie mich gern erinnern dürfen:
Sollte die Stadt Springe offiziell die Marke von 30.000 Einwohnern überschreiten und ich dadurch kraft Gesetzes eine höhere Besoldung erhalten, werde ich die daraus resultierende Netto-Gehaltserhöhung vollständig an ortsansässige Vereine spenden.
9) Umgang mit Kritik: Als Bürgermeister stehen Sie automatisch im Kreuzfeuer der öffentlichen Meinung. Wie gehen Sie persönlich mit pointierter Kritik aus der Bürgerschaft und schonungslosen Berichten in der Lokalpresse um?
Kritik gehört zu einer Demokratie und damit auch zum Amt des Bürgermeisters. Solange Kritik sachlich vorgetragen wird, höre ich zu, nehme sie ernst und prüfe, ob sie berechtigt ist. Wenn ich, meine Entscheidungen oder die Stadt zurecht kritisiert werden, dann muss die Konsequenz sein, daraus zu lernen und entsprechend zu handeln. Genauso gehört zur Verantwortung aber auch, Entscheidungen zu erklären und zu vertreten. Nicht jede Kritik bedeutet automatisch, dass eine Entscheidung falsch war. Wenn Kritik unsachlich oder persönlich verletzend wird, werde ich sie natürlich zurückweisen. Ein Bürgermeister muss offen für Diskussionen sein, darf aber auch Haltung zeigen. Durch meine berufliche Erfahrung, meine Arbeit in verschiedenen Verwaltungsbereichen, mein ehrenamtliches Engagement und meine Lebenserfahrung habe ich gelernt, mit unterschiedlichen Meinungen umzugehen. Ich möchte ein Bürgermeister sein, der zuhört, aber auch einer, der entscheidet und Verantwortung übernimmt.
10) Zusammenhalt der Ortsteile: Springe besteht aus vielen Ortsteilen, die sich gegenüber der Kernstadt bei Investitionen oft vernachlässigt fühlen. Welche konkreten Mechanismen wollen Sie einführen, um eine absolut faire Ressourcenverteilung zu garantieren?
Zunächst stellt sich die Frage, was eine absolut faire Ressourcenverteilung eigentlich bedeutet.
Es kann nicht bedeuten, dass das verfügbare Geld einfach gleichmäßig nach Einwohnerzahl auf alle Stadtteile verteilt wird. Eine Stadt muss funktionieren und ihre Aufgaben der Daseinsvorsorge erfüllen. Nicht jeder Stadtteil braucht beispielsweise dieselbe Infrastruktur. Nicht jeder hat zum Beispiel eine Schule oder einen Kindergarten. Trotzdem hat jede Ortschaft einen Anspruch darauf, dass notwendige Maßnahmen durchgeführt werden. Für mich ist entscheidend, dass kein Stadtteil abgehängt werden darf. Investitionen müssen sich an nachvollziehbaren Kriterien orientieren. Was ist notwendig? Was ist dringend? Welche Auswirkungen hat eine Maßnahme auf die Sicherheit, die Infrastruktur und die Zukunftsfähigkeit unserer Stadt? Wenn beispielsweise ein Kanal im kleinen Boitzum oder in Holtensen saniert werden muss, muss diese Maßnahme genauso ernst genommen und zuverlässig umgesetzt werden wie eine größere Maßnahme in Bennigsen oder der Kernstadt. Wichtig ist außerdem eine transparente Kommunikation mit den Ortsräten und Bürgerinnen und Bürgern. Entscheidungen müssen nachvollziehbar sein. Mir persönlich liegt besonders am Herzen, dass unsere Kinder in allen Ortschaften gute Bedingungen vorfinden. Dazu gehört für mich auch, dass Kinder in allen Stadtteilen, unabhängig davon, wie groß diese sind, einen Spielplatz haben. Alle Stadtteile sind, wie der Name schon sagt, Teil unserer Stadt und verdienen die gleiche Aufmerksamkeit.
11) Wirtschaftsförderung: Die Belebung der Innenstadt und die Unterstützung der lokalen Gewerbetreibenden sind Dauerbaustellen. Welche unkonventionellen, sofort umsetzbaren Maßnahmen planen Sie für Ihre ersten 100 Tage im Amt, um Geschäftsaufgaben und Leerständen entgegenzuwirken?
Die Herausforderungen bei Leerständen und der Belebung unserer Innenstädte sind inzwischen nicht mehr nur ein Thema der Kernstadt. Wir sehen diese Entwicklungen beispielsweise auch in der Langen Straße in Eldagsen, der Hauptstraße in Bennigsen oder der Steinhauerstraße in Völksen. Deshalb wäre es unseriös, zu behaupten, dieses Problem innerhalb von 100 Tagen lösen zu können. Dafür sind die Ursachen zu vielfältig. Was ich aber als Bürgermeister tun kann, ist, die Stadt zu einem aktiven Partner für Gewerbetreibende zu machen. Wir müssen neue Ansiedlungen unterstützen, Ansprechpartner sein und gemeinsam mit Unternehmen nach Lösungen suchen. Dazu gehört auch, vorhandene Fördermöglichkeiten konsequent zu nutzen und zu prüfen, welche Programme für Springe sinnvoll eingesetzt werden können.
Ein weiterer wichtiger Punkt in diesem Zusammenhang ist die Attraktivität unserer öffentlichen Räume. Innenstädte leben davon, dass Menschen sich dort gerne aufhalten. Durch eine attraktivere Gestaltung öffentlicher Flächen kann man Aufenthaltsqualität schaffen und damit auch den lokalen Handel stärken. Ein Beispiel dafür kann eine stärkere Begrünung sein. Bäume spenden Schatten, Pflanzen verbessern die Aufenthaltsqualität und können dazu beitragen, die Temperaturen in der Innenstadt im Sommer zu reduzieren. Mein Ziel sind lebendige Ortszentren, in denen Menschen gerne einkaufen, verweilen und sich begegnen. Und das nicht nur in Springe.
12) Digitalisierung der Verwaltung: Es wird viel über das digitale Rathaus gesprochen, aber in der Praxis hakt es oft an der grundlegenden IT-Infrastruktur. Wann können die Bürger in Springe damit rechnen, dass Standardanträge fehlerfrei, zügig und komplett papierlos bearbeitet werden?
Die Digitalisierung der Verwaltung ist eine Herausforderung, die nicht nur Springe betrifft. Viele Kommunen stehen vor ähnlichen Problemen. Ein großes Problem ist, dass digitale Angebote teilweise nicht miteinander verbunden sind. Wir sind bei bestimmten Standardleistungen auf externe Anbieter angewiesen, deren Systeme nicht immer über die notwendigen Schnittstellen verfügen. Dadurch entstehen Situationen, in denen Bürgerinnen und Bürger beispielsweise einen Antrag online ausfüllen, ihn anschließend aber trotzdem ausdrucken müssen. Das ist für mich nicht der Anspruch eines modernen digitalen Rathauses. Ich begrüße deshalb die am 25.06. vom Rat getroffene Entscheidung, dem Verein GovTech Kommunal e. V. beizutreten, weil das ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung ist. Darüber hinaus werde ich darauf achten, dass digitale Möglichkeiten innerhalb der Verwaltung auch tatsächlich genutzt werden. Vieles ist bereits vorhanden, wird aber noch nicht konsequent eingesetzt. Mein Ziel ist, dass Papier nur noch dort verwendet werden soll, wo es wirklich notwendig ist. Verwaltungsvorgänge müssen einfach, sicher und möglichst vollständig digital bearbeitet werden können. Ein genaues Datum kann ich zwar nicht geben, aber ich kann garantieren, dass dieses Vorhaben auf meiner Prioritätenliste ganz weit oben ist. Gleichzeitig bleibt für mich wichtig, dass Digitalisierung nicht den persönlichen Ansprechpartner ersetzt. Eine moderne Verwaltung muss beides bieten. Sie muss sowohl digitale Möglichkeiten als auch persönliche Hilfe für diejenigen bieten, die sie benötigen.
13) Verantwortungskultur: Wenn unter Ihrer Führung ein kommunales Großprojekt zeitlich und finanziell völlig aus dem Ruder läuft – wie definieren Sie für sich persönliche, politische Verantwortung jenseits von Entschuldigungen?
Verantwortung bedeutet für mich, Probleme nicht schönzureden, sondern sie frühzeitig zu erkennen, offen anzusprechen und Lösungen zu entwickeln. Bei großen Projekten ist ein konsequentes Projektmanagement entscheidend. Unter dem noch amtierenden Bürgermeister Springfeld wurde deshalb eine entsprechende Software eingeführt und der Fachdienst Steuerungsunterstützung eingerichtet. Dieser soll dabei helfen, Projekte besser zu begleiten und sicherzustellen, dass Zeit- und Kostenrahmen im Blick bleiben.
Natürlich können bei Projekten Entwicklungen eintreten, die niemand vollständig vorhersehen kann. Beispielsweise können einem Preissteigerungen bei Baumaterialien oder äußere Einflüsse wie Witterung einen Strich durch die Rechnung machen. Entscheidend ist, wie man damit umgeht. Als Bürgermeister werde ich dafür sorgen, dass vorhandene Steuerungsinstrumente genutzt und Probleme frühzeitig erkannt werden. Wenn Schwierigkeiten auftreten, die politische Entscheidungen betreffen, werde ich meine Aufgabe als Bürgermeister auch darin sehen, im Stadtrat zu vermitteln, Probleme offen anzusprechen und gegebenenfalls den Finger in die Wunde zu legen. Sollte ein Fehler bei mir liegen, werde ich selbstverständlich dafür die Verantwortung übernehmen. Für mich bedeutet Leitung nicht, Fehler zu verstecken. Leitung bedeutet, Verantwortung zu übernehmen und dafür zu sorgen, dass aus Problemen die richtigen Konsequenzen gezogen werden.
14) Unabhängigkeit: Sie treten mit dem Anspruch an, ein Bürgermeister für alle zu sein. Wie stellen Sie sicher, dass Sie bei kontroversen Ratsbeschlüssen absolut unabhängig entscheiden und sich nicht vor den Karren einzelner politischer Lager spannen lassen?
Genau deshalb trete ich als unabhängiger Kandidat an. Ein Bürgermeister sollte sich nicht von einzelnen Parteien oder politischen Lagern abhängig machen. Meine Aufgabe wird es sein, das Wohl der gesamten Stadt im Blick zu behalten und sachlich begründete Entscheidungen zu treffen. Das bedeutet aber nicht, dass ein unabhängiger Bürgermeister gegen die Politik arbeitet. Ein Bürgermeister muss mit allen Fraktionen und Gruppen konstruktiv zusammenarbeiten. Bei wichtigen Themen werde ich die Sichtweise der Verwaltung einbringen, rechtliche Rahmenbedingungen beachten und die Auswirkungen für Springe und die Bürgerinnen und Bürger bewerten. Die Aufgabe des Bürgermeisters ist es auch, darauf zu achten, dass rechtliche Vorgaben eingehalten werden. Eine Entscheidung muss deshalb immer daran gemessen werden, ob sie rechtlich möglich, sachlich sinnvoll und gut für unsere Stadt ist. Es kann Situationen geben, in denen meine Stimme im Rat entscheidend ist. Wenn das der Fall ist, können Sie sicher sein, dass ich meine Entscheidung nicht nach Parteitaktik, sondern immer nach sachlichen Kriterien treffen werde. Unabhängigkeit bedeutet für mich, offen für gute Ideen zu sein. Unabhängig davon, von wem sie kommen.
15) Das Schlussplädoyer: Herr Plattner, warum sollte ein kritischer Beobachter, der die administrativen Versäumnisse und städtischen Defizite der letzten Jahre detailliert dokumentiert hat, ausgerechnet Ihnen das Vertrauen aussprechen, dass sich unter Ihrer Führung das System spürbar wandelt?
Ich kann nachvollziehen, dass Bürgerinnen und Bürger kritisch auf die Entwicklung unserer Stadt schauen und Veränderungen erwarten. Auch ich habe nicht nur als Mitarbeiter der Verwaltung, sondern auch als Bürger unserer Stadt in der Vergangenheit Dinge wahrgenommen, die verbessert werden können. Ich habe solche Punkte auch angesprochen. Aber bisher war ich nicht in der Position, die notwendigen Veränderungen selbst einzuleiten. Das möchte ich als Bürgermeister ändern. Ich bringe 35 Jahre Erfahrung aus unterschiedlichen Bereichen der Stadtverwaltung mit. Ich kenne die Abläufe, die Herausforderungen und auch die Möglichkeiten, wie eine Verwaltung besser arbeiten kann. Diese Erfahrung möchte ich nutzen, um Verbesserungen anzustoßen und umzusetzen. Dabei ist mir wichtig zu betonen, dass ein Bürgermeister nicht alles allein lösen kann. Er braucht die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Verwaltung genauso wie die Bürgerinnen und Bürger unserer Stadt. Deshalb möchte ich ein Bürgermeister sein, der zuhört, offen für sachliche Kritik ist und ansprechbar bleibt. Ich möchte nicht nur ein offenes Ohr für die Beschäftigten der Stadtverwaltung haben, sondern auch für die Menschen, die in Springe leben. Deshalb werde ich, soweit es mein Amt zulässt, jeden Tag im Rathaus oder in der Stadt vor Ort und erreichbar sein.
Mir liegt das Wohl unserer Stadt, in der ich geboren bin, sehr am Herzen. Wenn ich das Vertrauen der Wählerinnen und Wähler erhalte, werde ich ab dem ersten Tag Verantwortung übernehmen und mich dafür einsetzen, dass Springe sich weiterentwickelt. Herr Plattner, vielen Dank für das nette Gespräch.

Bürgerreporter:in:

Wolfgang Decius aus Springe

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