Kommentar
Das Bennigser Schneckenrennen – wenn 770 Meter zur Ewigkeit werden
- Tempo 30 wäre wenigstens für die Nacht erwünscht.
- hochgeladen von Wolfgang Decius
Es gibt Bauprojekte, die schreiben Geschichte. Die Pyramiden von Gizeh, der Panamakanal und – wer könnte sie in der Region Hannover je vergessen – die Sanierung der Landesstraße 460 im Osterland von Springe-Bennigsen. Nach gut zwei Jahren und zwei Monaten für eine gerade einmal rund 770 Meter lange Ortsdurchfahrt ist das Werk endlich vollbracht und wird in dieser Woche vollständig freigegeben. In der Zeit, die man im Calenberger Land für ein paar neue Kanalrohre und eine Asphaltdecke benötigt, stampfen andere Nationen ganze Kleinstädte aus dem Boden.
Die schier endlose Bauzeit ist dabei nur die Spitze des Eisbergs einer chronischen Fehlplanung, die Anwohner und Pendler gleichermaßen zur Verzweiflung trieb. Dabei muss man zur Ehrenrettung eines ganz deutlich betonen: Die ausführende Baufirma STRABAG hat hier durchweg gute Arbeit geleistet. Die Bauarbeiter vor Ort trifft an dem Debakel nicht die geringste Schuld. Sie konnten schlichtweg nichts dafür, dass vernünftige Pläne fehlten, unumgängliche Wintermonate und Urlaubszeiten den Takt vorgaben oder bei den Erdarbeiten plötzlich seitlich verbaute Rohre und Kabel entdeckt wurden, die auf keiner einzigen Zeichnung der Stadt zu finden waren.
Statt eines straffen, gut organisierten Baumanagements seitens der Auftraggeber bekamen die Bürger ein Lehrstück in verkehrstechnischer Realsatire serviert. Man erinnere sich nur an die chaotischen Zustände bei den verfehlten Teilfreigaben. Die zu frühe Öffnung der halbseitigen Baustelle im Ampelverfahren war offensichtlich dem Druck geschuldet: Man hatte den Menschen zur Entlastung des völlig überlasteten Umleitungsverkehrs die Öffnung fest versprochen und wollte diesen Termin um keinen Preis noch einmal verschieben. Die Quittung für diese Hast? Der Bürgersteig in Richtung Steinkrug war auf der rechten Seite im Bereich der Bushaltestelle noch gar nicht fertig. Hinzu kamen völlig fehlende Straßenschilder, die Fußgänger und Radfahrer sicher hätten leiten müssen. Statt der erhofften Verkehrsentlastung herrschte plötzliche Lebensgefahr, weil der brandneue, aber unfertige Gehweg von überforderten oder ignorantiven Verkehrsteilnehmern mal eben unfreiwillig zur Fahrbahn umfunktioniert wurde. Wer in diesem Chaos auf ein ordnendes Eingreifen der Ordnungshüter hoffte, wurde übrigens bitter enttäuscht: Die Polizei ließ sich schlichtweg nicht blicken. Als Begründung musste einmal mehr ein angeblicher, wiederkehrender Personalmangel herhalten – ein regelrechter Freifahrtschein für Verkehrsrowdys und ein Armutszeugnis für die Sicherheit der Fußgänger.
Von der höchst riskanten und zeitweise völlig mangelhaften Absicherung der Baustelle an den Wochenenden ganz zu schweigen – ein Zustand, der auf pure Ignoranz der Verantwortlichen schließen ließ und schwere Unfälle geradezu provozierte. Und dann die Umleitungen: Über zwei Jahre lang wurden Pendler auf großräumige, überörtliche Irrfahrten geschickt. Zeit, Nerven und teurer Sprit blieben auf der Strecke, während die Baustelle in Bennigsen an manchen Tagen so verwaist wirkte, als befände sie sich im Dauer-Winterschlaf. Dass die HEM-Tankstelle trotz widrigster Umstände und schlechter Absprachen mit der Stadt Springe überhaupt „überlebt“ hat, grenzt an ein Wunder.
Nun ist das "Jahrhundertbauwerk" fast fertig, auch wenn prompt weitere Baustellen das Ortsbild „zieren“. Rätselhaft bleibt bis zum Schluss so manches Detail: etwa die beidseitige rote 60-Zentimeter-Außenpflasterung der Bürgersteige am Straßenrand. Was genau bedeutet sie eigentlich? „Soll es ein optisches Highlight sein, ein Radweg, den es nicht gibt, oder vielleicht eine Warnung für Autofahrer beim Verlassen des Fahrzeugs?“ Eine schlüssige Erklärung sind die Planer den Bürgern bislang schuldig geblieben. In exakt dieselbe Kategorie behördlicher Kuriositäten fallen auch die neu angelegten, völlig überflüssigen Grünstreifen oberhalb vom Osterland. Dort fristen bereits eine ohnehin ungepflegte Rasenfläche und zwei große Linden ein eher tristes Dasein. Anstatt sich um den Bestand zu kümmern, wurde noch mehr Fläche geschaffen – und das im vollen Bewusstsein, dass bei der Stadt für die Pflege schlichtweg nicht genug Personal zur Verfügung steht. Das vorhersehbare Resultat: Die neuen Anlagen verrotten bereits jetzt zu einer unschönen „Begegnungsstätte“ für Unkraut und Wildwuchs.
Die Verantwortlichen bei der Stadt Springe, der Stadtentwässerung und der Niedersächsischen Landesbehörde für Straßenbau und Verkehr werden sich jetzt vermutlich erleichtert auf die Schulter klopfen. Für die Bürger von Bennigsen bleibt jedoch nur ein bitterer Nachgeschmack: Die L460 war ein Paradebeispiel dafür, wie modernes Baumanagement nicht funktioniert. Wer jetzt allerdings tief durchatmet, sei gewarnt: Für das Jahr 2027 steht bereits die nächste Sanierung der L460 auf dem Programm, diesmal auf dem Streckenabschnitt zwischen Bennigsen und Steinkrug. Man darf gespannt sein, ob die Behörden aus dem Osterland-Debakel gelernt haben. Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt – auch wenn sie in Bennigsen in den letzten zwei Jahren mehrfach überrollt wurde.
Bürgerreporter:in:Wolfgang Decius aus Springe |
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