Sachsen-Anhalt und die AfD
Rubel statt Euro - Änderungen nach der Wahl
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Wenn Umfragen bereits Wahlergebnisse wären, könnte man in der Magdeburger Staatskanzlei schon einmal die Porträts deutscher Bundespräsidenten abhängen und vorsorglich Platz für Wladimir Putin schaffen. Am 6. September wird in Sachsen-Anhalt gewählt, und es sieht tatsächlich so aus, als könnte die AfD anschließend die Landesregierung übernehmen. Die Partei wird vom Landesverfassungsschutz als gesichert rechtsextremistisch eingestuft. Außenpolitisch könnte man ergänzen: gesichert russlandfreundlich.
Die AfD will Deutschland aus dem Euro führen. Nun darf ein einzelnes Bundesland zwar keine eigene Währung einführen. Aber solche kleinlichen Einwände stammen vermutlich von westdeutschen Verfassungsjuristen, die noch nie einen ordentlichen Volkszorn von innen gesehen haben. Deshalb sollte Sachsen-Anhalt beherzt vorangehen und den Rubel einführen. Eine Monatsrente von tausend Euro würde dann plötzlich fast hunderttausend Rubel betragen. Endlich wären alle reich. Auch die Haushaltslöcher sähen in Rubeln viel eindrucksvoller aus. Sachsen-Anhalt könnte sich über Nacht zum Land der Milliardäre erklären, solange niemand nachrechnet.
Als dankbare Gegenleistung sollte Magdeburg eine strategische Partnerschaft mit Moskau eingehen. Russland braucht schließlich Unterstützung im Krieg gegen die Ukraine. Boris Pistorius liefert der Ukraine keine Taurus-Raketen, Sachsen-Anhalt aber könnte zugunsten von Russland eine mobile Eingreiftruppe aus Simson-Mopeds aufstellen. Die „Operation Schwalbe“ wäre schnell organisiert. In Garagen, Schuppen und Vorgärten stehen noch genügend Fahrzeuge herum. Schwalben, Habichte und Sperber würden olivgrün lackiert, mit einem roten Stern versehen und in Richtung Osten geschickt. Putin erwartet Unterstützung. An jedem Moped könnte in Moskau ein kleiner Seitenwagen befestigt werden. Darin säße ein russischer Verbindungsoffizier mit Straßenkarte, Benzinkanister und einem AfD-Wahlprogramm in kyrillischer Schrift.
Besonders gründlich würde eine AfD-Regierung vermutlich das Schulwesen erneuern. Im Wahlprogramm ist bereits von einer gut sichtbaren Beschwerdestelle die Rede, bei der Eltern und Schüler auffällig grün- oder regenbogenfarbig-versiffte Lehrer:innen melden können. Auffällig wäre künftig jeder Lehrkörper, der im Unterricht Sätze sagt wie: „Lest bitte beide Seiten“, „Prüft die Quelle“ oder gar: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Viele Lehrpersonen würden wahrscheinlich vorsorglich in andere Bundesländer abwandern. Das ließe sich als großer bildungspolitischer Erfolg verkaufen. Wo keine Lehrer:innen mehr sind, kann auch keine Lehrperson die Jugend politisch indoktrinieren.
Den Leselern-Unterricht könnte man dann kostengünstig stark einschränken. Lesen ist gefährlich. Wer lesen kann, könnte eines Tages im Grundgesetz nachschlagen. Er könnte Geschichtsbücher öffnen, unabhängige Zeitungen vergleichen oder sogar bemerken, dass ein Wahlprogramm aus mehr besteht als aus blauen Plakaten und Ausrufezeichen. Lesende Menschen stellen Fragen. Fragende Menschen sind für Verdummungsparteien ein ständiges Sicherheitsrisiko. Im Grunde reicht ein Moped-Führerschein. Man braucht kein Abitur!
Statt der Schulpflicht soll nach dem Willen der AfD eine „Bildungspflicht“ treten. Kinder könnten dann zu Hause unterrichtet werden: vormittags von Mama, nachmittags von Papa und abends von Telegram. Die frei gewordenen Unterrichtsstunden ließen sich für Russisch-Kurse und fürs Mopedfahren nutzen. Schließlich möchte die AfD den Russischunterricht ausbauen und den Schüleraustausch mit Russland wiederbeleben: Eine Mopedsternfahrt nach St. Petersburg oder Wladiwostok wäre toll!
Auch die Medienlandschaft müsste dringend gesäubert werden. Die AfD möchte nach der Wahl als erste Amtshandlung die Rundfunkstaatsverträge kündigen. Der Mitteldeutsche Rundfunk könnte deshalb in „Moskauer Deutungs-Rundfunk“ umbenannt werden. Jede Nachrichtensendung begänne mit den Worten: „Guten Abend. Der Westen ist weiterhin aggressiv.“ Danach folgte der Wetterbericht: Aus westlicher Richtung nähert sich ein Tiefdruckgebiet mit Zweifeln, Fakten und gelegentlichen Schauern. Aus dem Osten kommt dagegen das stabile Hoch „Wladimir“, das noch mehrere Jahre über dem Land liegen bleiben möchte.
Der Verkehrsfunk meldete auf der A2 einen Rückstau westlicher Einmischung. Auf der A14 seien mehrere Schwalbenverbände in Richtung Ukraine unterwegs.
Die neuen russischen Sendeanstalten könnten außerdem zum massenhaften Austritt aus den großen Kirchen aufrufen. Das würde gut zum Programm passen, denn die AfD verteidigt zwar ununterbrochen das christliche Abendland, hält aber von den großen christlichen Kirchen nicht mehr besonders viel. Das Christentum soll offenbar gerettet werden – vor den Christen.
Das Kreuz darf bleiben. Jesus müsste allerdings überprüft werden. Er kümmerte sich um Arme, Fremde, Kranke und Verfolgte, kritisierte die Mächtigen und jagte Geschäftemacher aus dem Tempel. Für eine politische Neutralitätsbescheinigung sieht das nicht gut aus. Vielleicht könnte man ihn durch eine weniger auffällige Figur ersetzen, die schweigt, gehorcht und zuverlässig Kirchensteuer spart.
Überhaupt hat der Westen nach der Wiedervereinigung in Sachsen-Anhalt offenbar alles falsch gemacht. Er hat Straßen renoviert, Windparks aufgestellt, Fassaden saniert und graue Häuser bunt angestrichen. Man glaubte damals naiverweise, moderne Infrastruktur, Arbeitsplätze und lebenswerte Städte könnten zur Zufriedenheit beitragen.
Ein schwerer Irrtum.
Renovierte Straßen erleichtern schließlich die Flucht in andere Bundesländer. Windräder erzeugen Strom, mit dem Menschen im Internet Fakten überprüfen können. Und bunt gestrichene Häuser erschweren die Pflege des historischen Grauens, das für eine dauerhaft rückwärtsgewandte Ostalgie-Verherrlichung dringend benötigt wird.
Die Windräder würden abgeschaltet, die Fassaden wieder in ein authentisches Resignationsgrau gestrichen. Das Bauhaus in Dessau könnte in „Grauhaus“ umbenannt werden. Seine Künstler kamen ohnehin aus aller Herren Länder, benutzten geometrische Formen und glaubten an eine internationale Moderne. Verdächtiger geht es kaum. Dessau müsste sich endlich dafür entschuldigen, einmal die Zukunft erfunden zu haben.
Ob all diese Maßnahmen tatsächlich das Gemecker beenden und in Sachsen-Anhalt glückliches, dauerhaftes Wohlbefinden erzeugen würden, darf allerdings bezweifelt werden. Denn eine Partei, die von der Unzufriedenheit lebt, kann sich zufriedene Bürger gar nicht leisten. Zufriedenheit wäre für die AfD eine politische Katastrophe.
Deshalb müsste auch nach der Machtübernahme weiter geschimpft werden. Wenn keine westdeutsche Regierung mehr schuld sein kann, nimmt man eben Brüssel. Wenn Brüssel nicht reicht, nimmt man die Kirchen, die Lehrer, die Journalisten, die Windräder, die Wärmepumpen oder irgendeinen Schüler, der im Unterricht eine Frage gestellt hat.
Vielleicht richtet die neue Landesregierung dafür eigens ein „Ministerium für dauerhafte Kränkung“ ein. Dort würde rund um die Uhr geprüft, worüber sich das Volk als Nächstes empören soll.
Bürgerreporter:in:Didi van Frits aus Hattingen |
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