Zwischen Wurzeln und neuer Heimat
Wie ein Kleingarten Menschen und Kulturen verbindet

Es gibt kulturelle Phänomene in Deutschland, die weit mehr sind als bloße Traditionen – sie sind ein tiefer Blick in die Seele der Gesellschaft. Der Kleingarten, oft liebevoll Schrebergarten genannt, gehört zweifellos dazu. Früher galt ein Schrebergarten oft als altmodisch. Doch das hat sich in den letzten Jahren komplett gewandelt: Der Kleingarten ist wieder hip geworden, besonders in den Städten. Immer mehr junge Menschen haben Freude daran, in der Natur zu arbeiten und eigenes Obst und Gemüse anzubauen. Das merkt man auch an den langen Wartelisten – bis man einen der begehrten Plätze bekommt, vergehen oft Jahre.

Schon seit einigen Jahren trug ich den Wunsch in mir, ein solches Stückchen eigenen Boden zu besitzen.
Doch die Wartelisten schienen lang und der Zugang zu diesen begehrten grünen Oasen unerreichbar. Im Mai dieses Jahres eröffnete sich überraschend eine Möglichkeit: Der Vorstand unseres örtlichen Kleingartenvereins lud mich zu einem Gespräch ein. Ich muss gestehen, dass ich vor dem Treffen nervös war.
Langes Warten auf Kleingarten: Dann kommt für Königsbrunner entscheidendes Gespräch

Nach der jahrelangen Wartezeit hatte ich Sorge, am Ende vielleicht doch keinen Zuschlag zu erhalten. Doch meine Anspannung verflog im Nu. Mir begegnete eine Atmosphäre von bemerkenswerter Offenheit und echter Herzlichkeit.

Mir wurde schließlich ein Garten mit einem geräumigen Holzhaus angeboten, das einen schönen bayerischen Charme ausstrahlt. Als ich den Garten übernahm, wusste ich, dass viel Arbeit auf mich wartete, um ihn aus seinem Dornröschenschlaf zu erwecken. Aber genau das ist das Schöne daran: etwas nach eigenen Vorstellungen zu planen und in der Natur zu arbeiten. Ein Garten bedeutet schließlich auch Vielfalt – jeder gestaltet sein Stück Land liebevoll auf seine Weise, und jeder Garten ist auf seine Art schön.

Die Reaktionen meiner neuen Gartennachbarn übertrafen von Beginn an alle Erwartungen. Viel schneller als gedacht knüpfte ich herzliche Kontakte zu den angrenzenden Parzellenbesitzern. Sie begegneten mir mit einer Hilfsbereitschaft, die mich tief berührte. Jeder zeigte mir stolz sein eigenes kleines Reich, gab mir wertvolle Pflegetipps und bot mir Unterstützung an. Es erfüllte mich mit großer Freude, zu spüren, wie warmherzig ich aufgenommen wurde – zumal ich derzeit das einzige Mitglied mit arabischen Wurzeln in unserer Anlage bin.

Der Garten ist zu meinem unverzichtbaren Kraftort geworden. Hier nutze ich die Abendstunden, um in der Stille der Natur zur Ruhe zu kommen und den Kopf frei zu bekommen. Gleichzeitig ist die Gartenarbeit eine lehrreiche Entdeckungsreise: Ich lerne fast täglich neue deutsche Fachbegriffe, die mir vor wenigen Monaten noch fremd waren.

Für mich persönlich schließt sich in dieser Parzelle auch ein tiefer Kreis zu meinen eigenen Wurzeln. In Syrien kennen wir das System der Schrebergärten in dieser Form nicht. Dort prägen eher großzügige Grundstücke mit Bauernhöfen das Bild, umgeben von riesigen Olivenhainen und Weideflächen. So bin ich aufgewachsen.

Als ich meiner Familie in Syrien von meinem neuen Garten erzählte, fragten sie mich erfreut, wie viele Pferde ich denn dort unterbringen könne – worauf ich schmunzelnd erklären musste, dass die deutsche Gartenordnung hier eher Geranien und Tomaten als Pferde vorsieht. Der deutsche Kleingarten ist zwar flächenmäßig bescheidener, vermittelt mir jedoch ein ganz ähnliches Gefühl von Freiheit und Heimat.

Was mich an unserem Verein besonders begeistert, ist das ausgewogene Miteinander. Faire Regeln sorgen für ein gutes Zusammenleben in der Gemeinschaft. Die jährlichen Gemeinschaftsarbeiten – wie das Aufsammeln von Herbstlaub, das Entfernen von herabgefallenem Obst oder die allgemeine Pflege der Wege – werden gerecht verteilt. Das stärkt das Verantwortungsgefühl und lässt die gesamte Anlage wie ein einziges, sauberes Zuhause wirken.

Wenn ich heute das Vereinsgelände betrete, begrüßt mich jeder, der mich sieht, mit einer herzlichen Freundlichkeit. Diese einfachen Worte der Begrüßung schenken mir das unbezahlbare Gefühl, vollkommen angekommen zu sein. Der Schrebergarten ist für mich weit mehr als nur ein Stück gepachteter Boden: Er ist ein Ort der Begegnung, an dem Naturliebe und soziale Wärme alle kulturellen Grenzen mühelos überwinden.

Text & Foto: Tamer Ghazal
Den vollständigen Zeitungsartikel der Schwabmünchner Allgemeine finden Sie hier

Bürgerreporter:in:

Tamer Ghazal aus Königsbrunn

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