Zwischen Wurzeln und neuer Heimat
Wie Deutsch meine Hauptsprache wurde
- Vorne von links: Sabine Steinacher, Tamer Ghazal, Bernhard Weichlein.
Hinten von links: Stephanie Burkhard-Seibt, Tamuna Oniani, Derya Özlü. - hochgeladen von Tamer Ghazal
Ich erinnere mich noch genau an den Moment, als ich zum ersten Mal die deutsche Sprache bewusst hörte. Es war am Münchner Hauptbahnhof, als ich meine ersten Schritte auf deutschen Boden setzte. Ich sah zwei Männer, die sich auf dem Bahnsteig lebhaft unterhielten. Im ersten Augenblick dachte ich fälschlicherweise, sie würden sich streiten. Doch schon im nächsten Moment lachten beide herzlich und klopften sich auf die Schultern. Ich verstand damals kein einziges Wort, aber der Tonfall klang rau, dynamisch und voller mir völlig unbekannter Nuancen.
Vier Monate nach meiner Ankunft begann mein offizieller Sprachkurs. Ich wollte diese Sprache von Anfang an unbedingt lernen. Sie faszinierte mich, weil sie so klar strukturiert, ausdrucksstark und vielseitig ist. Es begann alles mit den dreißig Buchstaben des Alphabets, den schier endlosen Wortzusammensetzungen und den völlig neuen Lippenbewegungen für die richtige Aussprache – besonders bei den Umlauten (Ä, Ö, Ü), die es im Arabischen so nicht gibt. Überrascht war ich von der Grammatik, die in manchen logischen Aspekten Ähnlichkeiten mit der arabischen Grammatik aufweist. Das half mir sehr, das System dahinter viel schneller zu durchdringen. Eine besondere Herausforderung war jedoch die Satzstellung: Das Verb steht im Nebensatz ganz am Ende! Ich musste oft geduldig warten, bis mein Gesprächspartner das letzte Wort aussprach, um überhaupt zu verstehen, worum es ging. Wenn er mitten im Satz aufhörte oder das letzte Wort verschluckte, war das für mich eine echte Hürde!
Man empfahl mir damals eine Sprachschule in Augsburg, die mir den Einstieg erheblich erleichterte. Dort saß ich in einer Klasse mit Menschen aus der ganzen Welt – aus Asien, Lateinamerika und Europa. Wir alle hatten akademische Abschlüsse und das gemeinsame Ziel, die Sprache zu meistern, um beruflich Fuß zu fassen. Unvergesslich bleibt meine erste Lehrerin. Als Pädagogin mit eigenen Migrationserfahrungen, die meiner Herkunft nahestanden, verstand sie meine Situation sofort.
Sie gab mir das Gefühl, auf diesem Weg nicht allein zu sein. Die Schule wurde für mich zu einem Ort des gegenseitigen Respekts. Als Anerkennung für meinen Eifer und da mein Berufsfeld fortgeschrittene Sprachkenntnisse verlangte, erhielt ich die Möglichkeit, auch die höheren Sprachniveaus in Rekordzeit zu absolvieren. Diese Unterstützung war ein entscheidender Baustein für meine berufliche Zukunft.
Für mich ist Sprache mehr als nur Lehrbücher; sie muss gelebt werden. Um mein Deutsch zu verbessern, besuchte ich regelmäßig Begegnungsstätten und Vereine, um mit Muttersprachlern ins Gespräch zu kommen. Auch das Hören deutscher Musik und das Anschauen von Filmen erwiesen sich als äußerst hilfreich, um ein besseres Gefühl für die Sprache zu entwickeln. Dennoch gab es viele lustige Missverständnisse bei Redewendungen und Ausdrücken. Ich erinnere mich noch an den Anfang meiner Arbeit an der Universität Augsburg vor neun Jahren, als ein Kollege ganz verzweifelt vor seinem Monitor saß und rief: „Dieses Programm macht Kopfschmerzen!“ Ich nahm das völlig wörtlich, machte mir Sorgen um seine Gesundheit und antwortete ihm ganz besorgt: „Gute Besserung!“ Er starrte mich kurz an, brach in lautstarkes Gelächter aus und klärte mich auf, dass er es nur im übertragenen Sinne meinte. Solche Situationen brachten mich menschlich näher an meine Kollegen.
Das Sprechen der deutschen Sprache ist für mich ein Zeichen des Respekts vor den Menschen und der Kultur hier, besonders im traditionsbewussten Bayern. Wenn man die Sprache beherrscht, begegnet man den Menschen auf Augenhöhe.
Die anfängliche Härte der Sprache verfliegt durch die Praxis. Das Sprachenlernen ist ein lebenslanger Prozess; solange man hier lebt, lernt man jeden Tag etwas Neues dazu. Was die Menschen hier besonders auszeichnet, ist ihr großer Respekt und ihre Geduld, wenn man versucht, ihre Sprache zu sprechen. Sie ermutigen einen ohne Spott.
Wenn ich heute am Münchner Hauptbahnhof stehe und Menschen Deutsch sprechen höre, sehe ich mich nicht mehr als fremder Beobachter. Heute bin ich Teil dieser Gespräche. So wurde Deutsch Schritt für Schritt zu meiner Hauptsprache im Alltag – und zu einem Stück Heimat, das ich mir selbst erarbeitet habe.
Text & Fotos: Tamer Ghazal
Den vollständigen Zeitungsartikel der Schwabmünchner Allgemeine finden Sie hier
Bürgerreporter:in:Tamer Ghazal aus Königsbrunn |
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