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Todesstrafe - eine traurige Geschichte
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Die amerikanische Vollstreckungsjustiz scheint neuerdings zwei Abteilungen zu unterhalten: eine für die Spritze und eine für die Kamera. Die erste soll dafür sorgen, dass der Mensch stirbt. Die zweite dafür, dass die Regierung dabei gut aussieht.
In Tennessee überlebte Christa Pike am 30. September den Versuch, sie mit einer Giftspritze hinzurichten, und musste ins Krankenhaus gebracht werden. Der Staat wollte einen Menschen töten und brauchte anschließend ein Krankenhaus, um die Folgen seines eigenen Handelns behandeln zu lassen. Eine bemerkenswerte Arbeitsteilung: Hier wird das Leben abgeschaltet, dort soll es wieder stabilisiert werden.
Vielleicht sollte man das Wort „Vollstreckung“ gelegentlich durch „Herumstümpern mit amtlicher Genehmigung“ ersetzen. Das klingt weniger würdevoll, beschreibt aber deutlicher, was sich hinter den sauberen Formularen verbirgt.
Nun steht Nidal Hasan auf dem Programm. Der frühere Armeepsychiater tötete 2009 in Fort Hood dreizehn Menschen und verletzte Dutzende weitere. Ein entsetzliches, islamistisch motiviertes Verbrechen. Hasan ist seit seiner damaligen Verwundung auf einen Rollstuhl angewiesen. Trump hat die Vollstreckung genehmigt; für den 3. Dezember ist die Erschießung angesetzt. Das Pentagon hat einen öffentlichen Livestream angekündigt.
Die Opfer und ihre Angehörigen verdienen Gerechtigkeit, Schutz und ein Gedächtnis, das länger hält als die nächste Schlagzeile. Nun droht ihr Leid zur Kulisse einer staatlichen Selbstdarstellung zu werden.
Ausgerechnet im Advent. Während andernorts ein Türchen geöffnet wird, soll in Amerika eine Kamera eingeschaltet werden. Ich stelle mir schon den Programmhinweis vor: „Besinnliche Stunden mit dem Erschießungskommando.“ Vielleicht noch ein Glöckchen vor dem Beginn. Die christliche Nächstenliebe darf währenddessen kurz den Raum verlassen.
Früher musste man zum Richtplatz gehen. Künftig soll der Richtplatz ins Wohnzimmer kommen. Der technische Fortschritt erspart den Zuschauern den Fußweg. Den moralischen Weg zurück in die Barbarei müssen sie weiterhin selbst bewältigen.
Die Geschichte der Todesstrafe ist lang genug, um damit ganze Museen auszustatten: Schierlingsbecher, Scheiterhaufen, Rad, Strick, Guillotine. Einfallsreich war die Menschheit besonders dann, wenn sie anderen Menschen das Leben nehmen wollte. Weniger erfinderisch zeigte sie sich bei der Frage, wie man Gewalt verhindert, bevor sie geschieht.
Selbst die Guillotine wurde einmal als Humanisierung des Hinrichtens gefeiert. Welch beruhigender Gedanke: Der Fortschritt steht neben dem Schafott und erklärt, dass es jetzt schneller geht. Heute trägt derselbe Gedanke einen weißen Kittel und spricht von einer Injektion. Die Geräte wechseln. Der Anspruch, Grausamkeit durch ein ordentliches Verfahren zu veredeln, bleibt.
Dabei gab es längst andere Ideen. Die Toskana schaffte die Todesstrafe 1786 ab. In der Bundesrepublik steht seit 1949 in Artikel 102 des Grundgesetzes: „Die Todesstrafe ist abgeschafft.“ Vier Wörter. Kein kleingedruckter Vorbehalt für besonders abscheuliche Täter.
Gerade an ihnen muss sich ein Rechtsstaat bewähren. Menschenwürde wäre ein ziemlich dürftiger Begriff, wenn sie nur für Menschen gälte, die wir sympathisch finden. Wer die Todesstrafe ablehnt, spricht niemanden frei. Er verlangt vom Staat, dass dieser sich Grenzen setzt.
Und die Fortschritte sind real: Im August 2026 beschloss auch der Libanon die Abschaffung. Gleichzeitig dokumentierte Amnesty International für 2025 mindestens 2.707 Hinrichtungen, den höchsten Stand seit 1981. Die geheim gehaltenen Hinrichtungen in China sind in dieser Mindestzahl nicht enthalten. Die Zivilisation marschiert offenbar nicht geschlossen nach vorn. Manche Regierungen haben den Rückwärtsgang eingelegt und nennen das Entschlossenheit.
Die Gegenbewegung hat es schwer. Sie hält Petitionen hoch, während ihre Gegner Gewehre bereitstellen. Sie spricht von Würde, während andere Reichweite planen. Und immer wieder muss sie erklären, dass lebenslange Haft eine Strafe ist und staatliche Selbstbeherrschung kein Schwächeanfall.
Ich hätte für den 3. Dezember einen anderen Programmvorschlag: vier Wörter in weißer Schrift auf schwarzem Grund.
„Die Todesstrafe ist abgeschafft.“
Man könnte den Satz eine Weile stehen lassen. Eine Regierung, die ihre Stärke beweisen möchte, könnte zur Abwechslung zeigen, dass sie sich beherrschen kann.
P.S.:
Zum Bild:
Sobald eine Maus vorbeiläuft,
ist der Vollstreckungsplan erledigt.
Begnadigung auf sechzehn Pfoten.
Bürgerreporter:in:Didi van Frits aus Hattingen |
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