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17. Juni - Der abgeschaffte Feiertag

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Der 17. Juni war einmal ein deutscher Feiertag. Nicht irgendeiner, sondern einer mit Panzern im Hintergrund, mit Mut auf der Straße, mit Arbeitern, die nicht länger nur Produktionsfaktoren sein wollten, sondern Menschen. In Westdeutschland hieß dieser Tag bis 1990 „Tag der deutschen Einheit“. Er erinnerte an den Volksaufstand von 1953 in der DDR, der mit sowjetischen Panzern niedergewalzt wurde.

Dann kam die Einheit wirklich. Und wie es in Deutschland üblich ist, wenn ein historischer Wunsch sich erfüllt: Man räumte erst einmal den Erinnerungskalender auf.

Der 17. Juni wurde abgeschafft.

Nicht die Geschichte, natürlich. Die bleibt. Aber ihr freier Tag wurde entlassen. Vermutlich sozialverträglich. Vielleicht mit einem kleinen Dankesschreiben aus dem Bundespräsidialamt: „Wir danken Ihnen für Ihre langjährige Tätigkeit im Dienst der nationalen Sehnsucht. Leider wird Ihre Stelle im Zuge der Wiedervereinigung nicht weitergeführt.“

An seine Stelle trat der 3. Oktober. Ein Tag von geradezu atemberaubender Verwaltungslyrik. Kein Sturm auf die Mauer, kein Jubel auf den Straßen, kein Weltgeschichtsatem wie am 9. November, sondern das Inkrafttreten des Einigungsvertrages. Der "Tag der Deutschen Einheit" wurde also auf das Datum gelegt, an dem ein Vertrag rechtswirksam wurde. Deutschland, das Land der Dichter und Denker, feiert seine Wiedervereinigung wie eine notarielle Grundstücksübertragung.

Natürlich wäre der 9. November historisch naheliegender gewesen. Da fiel die Mauer. Da lag die Freiheit plötzlich auf der Straße wie ein verlorener Schlüsselbund. Aber der 9. November ist in Deutschland kein unbeschriebenes Blatt. Revolution 1918, Hitlerputsch 1923, Reichspogromnacht 1938, Mauerfall 1989. Ein Datum, so überladen, dass selbst ein deutscher Gedenkredner darin nicht mehr unfallfrei wenden kann.

Also nahm man den 3. Oktober. Sicher ist sicher. Ein Datum ohne störende Tiefe. Ein Feiertag wie ein Aktendeckel.

Aber musste man deshalb den 17. Juni aus dem Kalender streichen? Hätte man ihn nicht behalten können — nicht als zweiten „Tag der Einheit“, sondern als Demokratie-Gedenktag? Als Erinnerung daran, dass Freiheit nicht immer vom Balkon winkt, sondern manchmal vor Panzern steht? Dass Demokratie nicht nur aus Sonntagsreden besteht, sondern aus Menschen, die an einem Werktag ihre Angst überwinden?

Mehr als eine Million Menschen gingen damals in der DDR auf die Straße. Arbeiter, Angestellte, Frauen, Männer, Jugendliche. In 167 von 217 Landkreisen verhängte die Sowjetunion den Ausnahmezustand. Panzer rollten durch die Straßen. Etwa 50 Menschen starben. Rund 15.000 wurden im Zusammenhang mit dem Aufstand festgenommen. Bis Anfang 1954 wurden mehr als 1.500 Angeklagte verurteilt.

Das ist nicht wenig Geschichte. Das reicht für mehr als eine Fußnote. Das reicht sogar für einen Feiertag.

Aber natürlich, ein zusätzlicher Feiertag ist in Deutschland eine ernste Gefahr für das Bruttoinlandsprodukt. Wenn Menschen einmal im Jahr nicht arbeiten, um an Freiheit zu denken, gerät die Volkswirtschaft offenbar sofort ins Schlingern. Besonders gefährlich ist das freie Nachdenken. Es könnte zu Folgekosten führen.

Man hätte ja auch einen kirchlichen Feiertag streichen können. Fronleichnam zum Beispiel. Oder Mariä Himmelfahrt. Feiertage, die vielen Menschen inzwischen ungefähr so nah sind wie byzantinische Hofzeremonien. Aber wehe, man rührt daran. Dann stehen sofort Bischöfe, Brauchtumsvereine, Landtagsfraktionen und Weihrauchbeauftragte auf den Barrikaden. Gegen sowjetische Panzer war man in Deutschland erinnerungspolitisch tapfer. Gegen kirchliche Feiertagsbesitzstände eher vorsichtig.

So wurde der 17. Juni still beiseitegeschoben. Ein Feiertag, der an Arbeiteraufstand, Mut und Niederschlagung erinnerte, musste einem Tag weichen, der an die ordnungsgemäße Wirksamkeit eines Vertrages erinnert. Das ist sehr deutsch. Erst rebellieren die Menschen gegen eine Diktatur. Dann gewinnt Jahrzehnte später die Bürokratie.

Heute steht der 17. Juni noch im Geschichtsbuch. Aber nicht mehr im Kalender. Dort ist kein Platz. Der Kalender ist schließlich ein enges Dokument. Zwischen Mariä Himmelfahrt, Fronleichnam, Tag der Arbeit, Tag der Deutschen Einheit und diversen Brückentagsstrategien muss man Prioritäten setzen.

Die Toten vom 17. Juni haben keine Lobby. Die Kirchen schon.

Vielleicht wäre genau deshalb ein solcher Gedenktag wichtig gewesen. Nicht als arbeitsfreier Kurzurlaub mit Grillanzünder und Sonderangeboten. Sondern als jährliche Zumutung. Als Erinnerung daran, dass Freiheit nicht vom Himmel fällt, sondern manchmal unter Panzerketten begraben wird. Als Tag gegen die bequeme deutsche Neigung, Demokratie für eine Art dauerhafte Raumtemperatur zu halten.

Der 17. Juni war kein langweiliger Tag. Er war gefährlich, mutig, tragisch, würdig.

Der 3. Oktober ist unser Staatsfeiertag.

Der 17. Juni wäre unser Gewissenstag gewesen.

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Bürgerreporter:in:

Didi van Frits aus Hattingen

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