Museen Kultur Identität
Systematische Attacke auf ukrainische Kultur

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UNESCO hat bis zum 29. Juli 2026 Schäden an 545 ukrainischen Kulturstätten verifiziert, darunter 43 Museen, 22 Bibliotheken und fünf Archive. Das UN-Menschenrechtsbüro dokumentiert in den besetzten Gebieten zudem die systematische Unterdrückung ukrainischer Kultur und Identität.

Der Museumsdirektor hört die Sirene. Er steht zwischen Gemälden, alten Briefen, bestickten Kleidern, vergilbten Fotografien und einer Vitrine voller Gegenstände, die auf den ersten Blick völlig nutzlos erscheinen. Eine zerkratzte Geige. Ein Tonkrug. Das Tagebuch einer Lehrerin. Der Spazierstock eines Dichters. Draußen läuft bereits der Motor des Lastwagens. Ein Mitarbeiter ruft durch den Flur: „Was nehmen wir mit?“ Das ist vermutlich die grausamste Frage, die man einem Menschen stellen kann, der für die Erinnerung eines Landes verantwortlich ist. Was darf bleiben? Was darf verbrennen? Welches Bild ist wichtiger als ein anderes? Welcher Brief rettungswürdiger als das Tagebuch? Nimmt man die Geige mit oder die Noten, die einmal auf ihr gespielt wurden?

Im Frieden darf Kultur sich den Luxus leisten, für verzichtbar gehalten zu werden. Dann streitet man über Eintrittspreise, Öffnungszeiten und die Frage, ob sich ein kleines Heimatmuseum überhaupt noch lohnt. Im Krieg wird aus dem vermeintlichen Luxus plötzlich eine Überlebensfrage. Denn der Krieg gegen die Ukraine ist nicht nur ein Krieg um Städte, Häfen, Kraftwerke und Landkarten. Er ist auch ein Feldzug gegen das Gedächtnis.

Eine Rakete kann nicht lesen. Aber der Staat, der sie abschickt, weiß sehr wohl, warum Bibliotheken gefährlich sind. In Büchern steht nämlich, dass die Menschen schon da waren, bevor der Besatzer kam. In Archiven liegen Urkunden, die älter sind als seine Ansprüche. Auf Gemälden sieht man Landschaften, die nicht nach Moskau blicken. In Liedern kommen Flüsse, Dörfer und Namen vor, die sich nicht ohne Weiteres russifizieren lassen.

Deshalb rollt hinter dem Panzer häufig ein unsichtbarer zweiter Wagen her: das mobile Ministerium für die Korrektur der Vergangenheit. Es entfernt ukrainische Bücher aus Bibliotheken. Es tauscht Schulbücher aus. Es erklärt Schriftsteller zu Extremisten. Es benennt Straßen um, beseitigt Denkmäler und schreibt den Kindern an die Tafel, ihre Heimat sei in Wahrheit nur ein Missverständnis der Geschichte gewesen. Der Angreifer will nicht allein das Land besitzen. Er möchte nachträglich beweisen, dass es dieses Land eigentlich nie gegeben habe. Das ist der besonders niederträchtige Teil einer Eroberung: Erst zerstört man das Haus, dann behauptet man, die Bewohner hätten dort niemals gewohnt.

Charlotte Higgins beschreibt in ihrem Buch „Ukrainian Lessons“, was geschieht, wenn Kunst und Krieg aufeinanderprallen. Sie begegnet Dichtern, Künstlerinnen, Schriftstellern und Filmemachern, die trotz Bombenalarm weiterarbeiten. Manche sind Soldaten geworden. Andere schreiben Gedichte in Kellern oder organisieren Lesungen, während draußen die Einschläge zu hören sind. Sie produzieren keine Dekoration für friedliche Zeiten. Sie legen Zeugnis ab. Sie sagen: Wir waren hier. Wir haben geliebt. Wir haben gesungen. Wir hatten Großmütter, die besondere Wörter benutzten. Wir hatten Cafés, in denen gestritten wurde. Wir hatten einen Klang für unsere Trauer und einen anderen für unsere Freude.

Auch die Sprache selbst gerät dabei zwischen die Fronten. Viele Ukrainerinnen und Ukrainer sind mit Russisch als Muttersprache aufgewachsen und stehen dennoch entschieden auf der Seite ihres Landes. Nun müssen sie erleben, dass die Sprache ihrer Kindheit plötzlich wie die Stimme des Angreifers klingen kann. Was für eine seelische Grausamkeit: Ein Mensch soll sich von einem Teil seiner eigenen Biografie lossagen, um seine Zugehörigkeit zu beweisen.

Aber Identität ist kein Reinheitsgebot. Sie besteht aus Überlagerungen, Widersprüchen, Familiengeschichten, Dialekten, Liedern und Wanderungen. Gerade deshalb ist sie für autoritäre Herrscher so schwer zu ertragen. Eine vielfältige Erinnerung lässt sich nicht ordentlich aufmarschieren. Sie verweigert den Gleichschritt.

Vielleicht werden Häuser eines Tages wieder aufgebaut. Dächer lassen sich decken, Fenster einsetzen, Straßen neu pflastern. Doch wenn das Gedächtnis eines Landes ausgelöscht wird, zieht der Eroberer in die entstandene Leere ein und hängt überall sein eigenes Porträt auf.

Darum tragen Museumsleute Kisten in Lastwagen. Darum verstecken Bibliothekarinnen Bücher. Darum fotografieren Menschen beschädigte Kirchen, Theater und Denkmäler. Darum schreiben Dichter weiter, obwohl ihnen jeder militärische Stratege erklären könnte, dass ein Gedicht keine Drohne vom Himmel holt.

Das stimmt. Aber eine Drohne kann auch kein Gedicht besiegen. Sie kann das Papier verbrennen, den Dichter töten und das Haus zerstören. Doch solange ein anderer Mensch die Zeilen erinnert, ist die Vernichtung nicht vollständig gelungen.

Vielleicht fragt der Museumsdirektor am Ende nicht mehr: „Was ist am wertvollsten?“ Vielleicht fragt er: „Woran werden die Menschen später erkennen, wer wir gewesen sind?“ Dann nimmt er nicht unbedingt das teuerste Gemälde. Vielleicht nimmt er die zerkratzte Geige. Den Tonkrug. Das Tagebuch der Lehrerin. Und eine kleine Schachtel mit Fotografien, auf denen Menschen vor einem längst zerstörten Haus stehen und in die Kamera lachen.

Der Lastwagen fährt los. Die Sirene heult weiter. Doch zwischen all den Kisten reist etwas mit, das sich nur schwer bombardieren lässt: die Erinnerung eines Volkes an sich selbst.

Bürgerreporter:in:

Didi van Frits aus Hattingen

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