Nachruf Biografie Journalismus
Georg Stefan Troller 1921-2025
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Ich gebe es zu, es ist für einen Nachruf vielleicht schon etwas spät, denn er verstarb schon im September 2025, aber dennoch möchte ich versuchen, an ihn zu erinnern, er verstarb im Alter von 104 Jahren!
“Wissen Sie eigentlich, was TROLLER in unserer Sprache bedeutet?” fragte eine Amerikanerin Georg Stefan Troller (10.12.1921 - 27.9.2025). Das Interview- Dokument “Auslegung der Wirklichkeit” von Ruth Rieser, verfertigt zu Trollers 100. Geburtstag, hat mich sehr beeindruckt: “Troller ist ein Stahl-Schleppnetz, das ganz tief vom Meeresgrund Dinge nach oben bringt. Genau wie Ihre Interviewtechnik, sie fördert das Unterste ans Tageslicht, sehr gut, werde ich mir merken!”
Troller fragte einst Brigitte Bardot: “Was war ihr schönster Tag?” Sie: “Das war kein Tag, das war eine Nacht.” Er: “Was hatten sie da an?” Sie: “Nur Lippenstift.” Er: “Was war die dümmste Frage, die Ihnen je gestellt wurde?” Sie: “Diese.”
Elternhaus
Als Troller endlich selbst interviewt wurde für den Film zu seinem 100. Geburtstag (und zu seinem Buch “Meine ersten hundert Jahre”) erfüllte ihm das Team seinen Wunsch, nach Wien zu seinem Elternhaus zu fahren. Nachdem man zuerst unbefugt im Gartenbereich des Grundstücks herumgeschlichen war, fasste man sich ein Herz und bat um Zutritt zur Wohnung seiner Kindheit. (Dasselbe hat übrigens meine Tochter Britta in Wuppertal mit mir probiert.) Trollers Vater hatte das Haus 1936 erworben und umgebaut. War dann vor den Nationalsozialisten in die USA geflüchtet. Die jetzige Wohnungs-Inhaberin gab sich leutselig. Troller fragte: “Was haben Sie da für einen schönen Bücherschrank?” “Das ist unserer. Der gehörte meinen Eltern. Wann haben Sie denn hier gewohnt?” Er: “1936.” Sie. “Och Gott, da lebte ich ja noch gar nicht.” Er: “Die Bücher da im rechten Teil, wo haben Sie die denn her?” Sie: “Die habe ich alle im Müll gefunden, die wollte keiner, da habe ich sie selbst hier rein gepackt,” antwortete sie, statt leutselig nun scheinheilig geworden. Als sie kurz das Zimmer verließ, um ein erbetenes Glas Wasser zu holen, flüsterte Troller zum Filmteam: “Das ist unser Schrank. Meine Bücher. Aber ich sage es nicht.”
(“Da fällt mir der schwarz-hölzige rheinische Buffet-Schrank meiner eigenen Kindheit ein, den meine Adoptiveltern wie einen Nibelungenschatz hüteten. Er war stets verschlossen. Als Kind war ich Schlafwandler.
Sie erzählten, dass ich jede Nacht wie in Trance zum schwarzen Buffet gewandelt sei und versucht habe, die Türen zu öffnen. Damit nichts passiere, halte man es aber immer verschlossen. 20 Jahre später wurden meine Adoptiveltern vom Standesamt gezwungen, meine Geburtsurkunde vorzuweisen, weil ich zu heiraten beabsichtigte. Es wurde (unter giftigem Protest meiner Eltern) eingetragen: “Wahleltern” Erwin und Luise F. - “Wieso Wahleltern?” fragte ich irritiert. “Sie wurden adoptiert”, teilte man mir zu meiner grenzenlosen Verblüffung lachonisch mit. “Ach deshalb wurde ich immer verprügelt und in Keller eingesperrt, weil ich gar nicht deren Kind war”, entfuhr es mir. Meine Geburts-Unterlagen waren all die Jahre in diesem Schrank verschlossen gewesen.”)
Was ist HEIMAT?
Georg Stefan Troller erzählte in “Auslegung der Wirklichkeit” von Ruth Rieser, in den ersten Dekaden seines Lebens nach dem Verlassen Österreichs habe er versucht, HEIMAT zu finden. In den USA (er kehrte als amerikanischer Soldat und Verhörspezialist nach Europa während des Weltkrieges zurück) suchte er Heimat, in Frankreich (dort gefiel ihm der Lebensstil), in Deutschland (dort begann er seine Rundfunk und Fernsehkarriere). Aber am Schluss seines Lebens, erklärte Troller, habe er begriffen: HEIMAT sei er sich selbst. “Ich bin mir meine Heimat.” Und die Katze schnurrte auf seinem Schoß vor der alten Schreibmaschine und der grünen Bibliotheks-Lampe.
Gefühle reparieren
Das Ziel meines Lebens, fuhr er fort, war es, GEFÜHLE wieder verstehen zu lernen: Nachdem er als 16-jähriger vom Gymnasium verbannt wurde (Juden durften keine akademischen Berufe anstreben), nachdem ein Gestapo-Mann, der nach seiner Familie suchte, auf einen Papierhaufen pinkelte unter dem er versteckt war (als frischer Buchbinderlehrling), nachdem er Haus und Land, Sprache und Kontinent verloren hatte, suchte er verzweifelt, erneut GEFÜHLE wieder zu verstehen. Die im Kampf mit einem deutschen Soldaten erbeutete LEICA war ihm eine Hilfe. Und die vielen, ca. 500 Interviews.
(Ich überlege, was MEIN Konzept eigentlich war, Gefühle wieder verstehen zu lernen, nachdem sie durch endlose Traumatisierungen verkapselt worden waren? “Erholung jenseits der Sprache”: Die Gitarre war wohl wichtig, auch mein Foto-Apparat sowie meine lebenslange Beschäftigung mit Grundschulkindern. )
P.S.: Als Troller mit dem Fernsehteam durch Wien trollte, durch die Straßen seiner Teenager-Zeit, fragten ihn die Filmemacher, wo denn der zu seinem beigen Mantel gehörige beige Gürtel abgeblieben sei, es könne doch unmöglich dieser schwarze Fahrrad-Schlauch sein, den er sich um den Leibe gezurrt habe.
“Hat Katze gefressen”, antwortete er.
Bürgerreporter:in:Didi van Frits aus Hattingen |
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