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Barfuß - Welche Meinung hast du dazu?

Foto: Didi van Frits mit ChatGPT Work 5.6
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1) Mehrmals am Tag gehe ich barfuß durch unseren kleinen Hausgarten. Der Weg ist mit Kies belegt, und die Steinchen sind nicht gerade zimperlich. Manche liegen glatt und rund unter den Sohlen, andere stellen sich hochkant, als wollten sie prüfen, ob der alte Mann noch aufmerksam genug durch sein Leben geht. Ganz hinten im Garten, unter großen Bäumen und zwischen hohen Hecken, steht unser kleiner Lese-Pavillon. Er ist ein wenig versteckt, als müsse man sich einen stillen Ort erst verdienen. Auf dem Weg dorthin werden meine Füße wach. Auf dem Rückweg sind sie es immer noch.

Vielleicht ist das einer der Gründe, weshalb Menschen Schuhe tragen: damit sie nicht jeden einzelnen Schritt spüren müssen. Schuhe machen den Boden gleichmäßiger. Sie schützen vor Steinen, Hitze, Kälte und Überraschungen. Aber sie schaffen auch Abstand. Wer Schuhe trägt, geht über die Erde hinweg. Wer barfuß geht, begegnet ihr. Meine Füße wissen vermutlich mehr von meinem Leben, als ich ihnen zutraue.

2) Einer meiner Gitarrenfreunde aus New York, Karl Schwarz, hat deutsche, aber auch indigene Vorfahren. Er erzählte mir einmal, wie er barfuß in einer Schlucht an einem kleinen Bach saß. Dieser Bach bildete die Grenze zu dem Reservat seiner Vorfahren. Karl saß einfach dort. Die nackten Füße im Wasser, über ihm die Felsen, vor ihm eine unsichtbare Linie, die Menschen in Landkarten eingezeichnet hatten. Der Bach wusste vermutlich nichts von dieser Grenze. Er floss hindurch, wie Bäche das zu tun pflegen. Plötzlich erschien eine Polizeistreife. Die Beamten forderten Karl auf, die Schlucht zu verlassen. Er musste seine Schuhe anziehen und sich oben, an einem Aussichtspunkt am Highway, ordnungsgemäß auf eine Bank setzen. Dort durfte er nun sitzen und in die Landschaft schauen, aus der er gerade entfernt worden war.

Vielleicht besteht Zivilisation manchmal genau darin: Man darf die Natur betrachten, aber man soll sie nicht berühren. Man darf über die Geschichte seiner Vorfahren nachdenken, solange man dabei Schuhe trägt und auf der vorgesehenen Bank Platz nimmt.

3) Auch in unserem internationalen Café in Hattingen habe ich einmal über das Barfußgehen gesprochen. Viele afrikanische Familien kommen dorthin. Ich fragte in die Runde, ob sie meiner Behauptung zustimmen könnten, Musik habe ihren Ursprung in den Füßen. Man merke das am besten, meinte ich, wenn man barfuß tanze. Ana Bartolomeu aus Angola widersprach mir freundlich. Fürs Barfußgehen, sagte sie, seien die Steine auf den Straßen meistens viel zu heiß. Damit hatte sie meine europäische Barfuß-Romantik mit einem einzigen Satz auf den Boden der Tatsachen gestellt. Was für mich ein Naturerlebnis ist, kann anderswo eine verbrannte Fußsohle bedeuten. Auch Freiheit hängt offenbar von der Temperatur des Pflasters ab. Dann erzählte Ana, dass man nachts, wenn man um zwei Uhr mit Stöckelschuhen aus einer Bar komme, die roten Schuhe schon einmal ausziehe – zur Kühlung und zum Weitertanzen.

Seitdem stelle ich mir diese roten Schuhe gern am Straßenrand vor. Zwei kleine, elegante Folterinstrumente, ordentlich nebeneinander abgestellt. Und daneben Ana, barfuß, lachend, weitertanzend auf den nun kühleren Steinen. Vielleicht hat die Musik ihren Ursprung doch nicht in den Füßen. Aber sie weiß, wie man sie befreit.

4) Unser Patenkind Femke Krijger wuchs in Kamerun auf, weil ihre Eltern dort als Missionare lebten. In einem kleinen Dorf mit Lehmböden spielte sie barfuß mit den afrikanischen Kindern. Für sie war das keine romantische Rückkehr zur Natur. Es war Kindheit. Der Boden unter ihren Füßen gehörte zu ihrer Welt wie die Stimmen der Spielkameraden, die Wege zwischen den Häusern und der Staub auf der Haut. Als Femke mit ihren Eltern nach Europa zurückkehren musste, stürzte in den Niederlanden vieles Fremde auf sie ein. Stein-Häuser, Auto-Straßen, Verkehrs-Regeln, Flugzeuge – und vermutlich auch Menschen, die einem Kind erklärten, was sich gehört. Femke hielt an ihrem Barfußgehen fest. Vielleicht war es ein Stück Kamerun, das man ihr nicht aus dem Koffer nehmen konnte. Eine Erinnerung, die nicht im Kopf aufbewahrt wurde, sondern unter den Fußsohlen.

Später erblindete Femke infolge einer Erbkrankheit Schritt für Schritt. Schließlich verlor sie auch ihr Gehör. Die Welt zog sich von ihr zurück. Erst verschwanden die Bilder, dann die Stimmen und Geräusche. Doch der Boden blieb. Die Füße wurden zu einem ihrer letzten Kontakte mit der Außenwelt. Sie spürten Wärme und Kälte, Glätte und Widerstand, Nähe und Richtung. Vielleicht erzählte ihr jeder Untergrund eine kleine Geschichte: Hier beginnt ein Raum. Hier liegt ein Teppich. Hier scheint die Sonne auf die Steine. Hier steht ein anderer Mensch. Femke war ausgebildete Juristin. Nach ihrer völligen Erblindung begann sie, Menschen die Füße zu massieren. Es berührt mich, daran zu denken. Eine Frau, der die sichtbare und hörbare Welt genommen worden war, gab anderen Menschen durch ihre Hände das Gefühl für ihre Füße zurück. Sie behandelte gerade jenen Teil des Körpers, mit dem sie selbst die Welt noch lesen konnte. Manchmal liegt in einem menschlichen Leben eine Wahrheit, die man nicht durch eine Pointe verkleinern sollte.

5) Auch an den Dachgarten des Metropolitan Museum of Art in New York erinnere ich mich beim Thema Barfuß. Die Sonne hatte die Steinplatten aufgeheizt. Ich zog meine Schuhe aus und wollte dort mit nackten Füßen sitzen. Ein afroamerikanischer Sicherheitsmann kam auf mich zu und erklärte mir höflich, aber bestimmt, dass das nicht erlaubt sei.

Ich hatte den Atlantik überquert, war durch Manhattan gelaufen und hatte im Museum Jahrtausende menschlicher Kunst betrachtet: ägyptische Grabbeigaben, griechische Götter, Heilige, Könige und unbekleidete Menschen in allen denkbaren Körperhaltungen. Aber meine eigenen nackten Füße verstießen gegen die Hausordnung. Also zog ich meine Schuhe wieder an. Wenn ich heute daran denke, sehe ich weniger das Museum als diesen Mann. Er stand in der Hitze, während wir Reisenden die Aussicht genossen. Wahrscheinlich musste er jeden Tag Menschen daran hindern, ihre persönliche Vorstellung von Freiheit in die Tat umzusetzen. Auch das gehört zu Manhattan: Die einen betrachten die Stadt, die anderen achten darauf, dass sie dabei die Vorschriften einhalten.

Vielleicht hätte Karl Schwarz sich mit ihm gut verstanden. Beide wussten, dass zwischen einem Menschen und dem Boden jederzeit eine Verordnung treten kann.

6) Einmal war ich dabei, als einer meiner Enkel im Alter von zwei Jahren zum ersten Mal das Meer sah. Er stand am Strand und war überwältigt. Vor ihm bewegte sich etwas, das größer war als jedes Haus, lauter als jedes Badezimmer und lebendiger als alles, was er bis dahin Wasser genannt hatte. Ich wollte diesen Augenblick noch unvergesslicher machen und begann, ihn von Schuhen und Strümpfen zu befreien. Doch bevor ich mein pädagogisches Großvaterwerk vollenden konnte, stürzten die Eltern herbei. Sie verhinderten energisch, dass das Kind barfuß ins Wasser lief. Es könne sich erkälten.

Vielleicht hatten sie recht. Eltern sind für die Gesundheit zuständig, Großväter eher für die Erinnerungen. Ich hätte gern gesehen, wie die kleinen Füße zum ersten Mal das kalte Wasser spüren. Vielleicht hätte mein Enkel erschrocken gelacht. Vielleicht hätte er geweint. Vielleicht wäre er mit ausgestreckten Armen auf das Meer zugelaufen, als habe es ihn gerufen. Aber so blieb er beschuht. Das Meer kam trotzdem.

7) Als Swing-Gitarrist habe ich oft den französischen Song „La Mer“ gespielt. In der Schule hatte ich Latein, Altgriechisch, Hebräisch und Englisch gelernt – nur Französisch leider nicht. Trotzdem spielte ich das Lied lange in dem sicheren Glauben, es sei eine Ode an das Meer. Darin hatte ich sogar recht. Später aber erklärte mir jemand ironisch, mit „la mer“ sei eigentlich die Mutter gemeint. Sprachlich stimmt das nicht ganz. Die Mutter heißt auf Französisch „la mère“. Man hört den Unterschied kaum, schreibt ihn aber deutlich.

Doch vielleicht war die etwas boshaft untergejubelte falsche Übersetzung poetisch richtiger als manche korrekte. Denn mir kommt das Meer tatsächlich manchmal vor wie eine Mutter. Es trägt und erschreckt uns. Es zieht sich zurück und kehrt wieder. Wir kommen aus dem Wasser, verbringen unser Leben an Land und verspüren doch immer wieder den Wunsch, zu ihm zurückzukehren. Besonders dann, wenn wir ihm barfuß begegnen. Vielleicht erinnern sich unsere Füße in diesem Augenblick an etwas, das viel älter ist als wir selbst. Und vielleicht können selbst die Füße eines alten Mannes für einen kurzen Moment wieder Kinderfüße sein.

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Bürgerreporter:in:

Didi van Frits aus Hattingen

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