Musik
Mahalia Jackson – Eine Stimme zwischen Kohlenstaub und Himmel
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Ich habe auf meiner Gitarre immer gern gespielt: "Up above my head, I hear music in the air. I really do believe, I really do believe, there's a heaven somewhere!"
Wenn ich die Live-Aufnahme vom Newport Jazz Festival des Jahres 1958 höre, begegne ich Mahalia Jackson auf dem Höhepunkt ihrer Karriere. Die Stimme ist groß, sicher und frei. Sie füllt die Bühne, als brauche sie weder Mikrofon noch Notenblatt, sondern nur einen Raum, in dem Menschen atmen. Man hört einer Sängerin zu, die längst in der Carnegie Hall gefeiert wird, im Radio und im Fernsehen auftritt und vor Menschen singt, deren Namen in den Geschichtsbüchern stehen.
Doch in dieser Stimme ist noch etwas anderes aufgehoben: Kohlenstaub.
Mahalia Jackson wurde 1911 in New Orleans geboren. Nach dem frühen Tod ihrer Mutter lebte sie bei ihrer Tante. Das Leben war spartanisch, bisweilen hart. Das Mädchen sammelte Kohlenstücke an den Bahngleisen und Holz am Ufer des Mississippi. Vielleicht beginnt eine Stimme manchmal genau dort: wo ein Kind auf dem Boden nach etwas sucht, das die Familie wärmen kann.
New Orleans war damals eine Stadt der strengen Trennungen. Schwarze und Weiße lebten nicht in derselben Welt – jedenfalls nicht offiziell. Aber die Musik hielt sich nicht an die Vorschriften der Rassentrennung. Aus den Häusern der Weißen hörte Mahalia die Stimme Enrico Carusos. Aus den Fenstern der Schwarzen drang die Stimme Bessie Smiths. Die Stadt trennte die Menschen, aber sie konnte die Töne nicht voneinander fernhalten.
In Mahalia Jackson begegneten sie sich: Carusos große, beinahe opernhafte Bögen und Bessie Smiths erdenschwere Ausdruckskraft. Hinzu kamen die Spirituals der Kirche und jene Begräbniszüge von New Orleans, bei denen die Musik zunächst langsam und klagend hinter dem Sarg hergeht – und nach der Beisetzung plötzlich ihre Schultern strafft. Dann hebt das Blech an, die Trommeln finden den Schritt, und die Trauernden feiern, dass der Tod nicht das letzte Wort behalten soll.
Mahalia liebte besonders diesen zweiten Teil.
Der Blues, sagte sie, mache sie zu traurig. Das ist zunächst erstaunlich, denn man hört den Blues in ihrer Stimme überall. Aber vielleicht meinte sie etwas anderes: Sie wollte nicht in der Trauer wohnen bleiben. Sie kannte sie ohnehin gut genug. Ihre Musik sollte die Trauer nicht verleugnen, sondern sie verwandeln. Der Gospel führte durch das Tal hindurch. Er setzte mitten im Elend einen Fuß vor den anderen und sagte: Weiter. Ein wenig höher. Move On Up a Little Higher.
1927 verließ die Sechzehnjährige New Orleans und begleitete eine Tante nach Chicago. In einem Kirchenchor fiel ihre Stimme sofort auf – allerdings nicht nur angenehm. Sie trat zu deutlich hervor. Eine Stimme wie ihre ließ sich schwer in eine Reihe stellen und ordentlich zwischen Sopran und Alt einheften. Sie war kein gefälliges Stück im Chorklang. Sie war ein Ereignis.
Bald sang Mahalia in einem Quartett. Doch vom Singen allein konnte sie noch lange nicht leben. Sie arbeitete als Wäscherin, Dienstmädchen und Fabrikarbeiterin. Sie sang in kleinen Kirchen, bei Erweckungsversammlungen und Beerdigungen. Jahre vergingen, bevor 1947 ihre Aufnahme "Move On Up a Little Higher" den großen Durchbruch brachte. Der Erfolg dieses Liedes trug entscheidend dazu bei, Gospelmusik aus den Kirchen in die große amerikanische Öffentlichkeit zu führen.
Später fuhr Mahalia Jackson in einem lavendelfarbenen Cadillac durch Chicago. Sie konnte sich ein großes Haus leisten, sang in der New Yorker Carnegie Hall, erhielt eigene Radio- und Fernsehsendungen und reiste um die Welt. Aber selbst der Erfolg schützte sie nicht vor dem Rassismus. Als sie in ein bis dahin weißes Wohnviertel zog, erhielt sie Morddrohungen; ein Fenster ihres Hauses wurde beschossen, und die Polizei bewachte es ein Jahr lang.
So wurde der Cadillac zu einem merkwürdigen Bild des amerikanischen Aufstiegs: vorn eine berühmte Sängerin am Steuer, hinten die Erinnerung an das Kind an den Bahngleisen – und vor der Haustür ein Polizist, weil eine schwarze Frau es gewagt hatte, reich zu werden.
Mahalia Jackson vergaß ihre Herkunft nicht. Sie sang nicht nur für Präsidenten und in Konzertsälen, sondern weiterhin in schwarzen Kirchen, gelegentlich ohne Honorar. Sie unterstützte die Bürgerrechtsbewegung und stand Martin Luther King nahe. Bereits 1957 sang sie bei der großen „Prayer Pilgrimage for Freedom“ in Washington; 1963 war ihre Stimme auch beim Marsch auf Washington zu hören.
Bei einem Fest zur Amtseinführung John F. Kennedys sang sie ebenfalls. Doch man darf sich nicht täuschen: Mahalia Jackson war keine dekorative Sängerin, die man zwischen Festrede und Abendessen auf die Bühne stellte. Wenn sie sang, kam eine ganze Geschichte mit ihr in den Saal. Die Geschichte der versklavten Großeltern, der armen Kinder von New Orleans, der schwarzen Hausangestellten, Fabrikarbeiter und Predigerinnen, der Menschen, die offiziell kaum etwas besaßen und sonntags dennoch sangen, als gehöre ihnen der Himmel.
Beim Newport Jazz Festival 1958 stand sie vor einem Publikum, das vielleicht eher Trompeten, Saxophone und elegante Improvisationen erwartet hatte. Doch dann kam Mahalia. Sie sang Gospel auf einem Jazzfestival und machte damit deutlich, wie unsinnig solche Schubladen sein können. Jazz, Blues und Gospel waren ohnehin Verwandte. Sie waren in verschiedenen Häusern aufgewachsen, aber sie kannten dieselben Straßen.
Auf einer meiner Sammel-CDs singt Mahalia auch "Jesus Met the Woman at the Well" – die Geschichte jener Frau am Brunnen, mit der Jesus spricht, obwohl Herkunft, Geschlecht und gesellschaftliche Ordnung gegen dieses Gespräch stehen. Jesus sieht keinen Fall, kein abschreckendes Beispiel und keine Sünderin, die man öffentlich vorführen müsste. Er sieht einen Menschen.
Mahalia Jackson fiel auf, dass bei den traditionellen Begräbnissen in New Orleans zwar Männer mit großen musikalischen Ehren verabschiedet wurden, aber offenbar niemals eine Frau. Auch die Trauer hatte ihre Rangordnung. Männer bekamen die Kapelle, Frauen wahrscheinlich ein stilles Gebet und anschließend den Abwasch.
Doch als Mahalia Jackson 1972 starb, kehrte sie noch einmal nach New Orleans zurück. Zehntausende Menschen nahmen in Chicago und in ihrer Heimatstadt Abschied von ihr. Und schließlich erhielt auch sie jenes traditionelle, vom Klang der Bläser getragene New-Orleans-Begräbnis, das Frauen so lange vorenthalten worden war.
So kam das Mädchen, das einst Kohlen von den Gleisen gesammelt hatte, nach Hause zurück. Nicht in einem lavendelfarbenen Cadillac. Nicht unter Polizeischutz. Sondern getragen von einer Stadt, die nun endlich begriffen hatte, was für eine Stimme einst aus einem ihrer ärmsten Häuser aufgestiegen war.
Und vermutlich hätte Mahalia nach einer Weile selbst gerufen:
Nun spielt nicht mehr so traurig.
Wir haben lange genug geweint.
Bürgerreporter:in:Didi van Frits aus Hattingen |
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