Biermann bei Maischberger im ARD
Der Wolf braucht keine Gitarre
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Gestern Abend saß Wolf Biermann bei Sandra Maischberger im Ersten. Fast neunzig Jahre alt, ohne Gitarre. Bei manchen Talkshowgästen wartet man darauf, dass endlich die nächste Frage kommt. Bei ihm hofft man, dass die Antwort noch ein wenig weitergeht. Biermann erzählt von drei Leben: der Kindheit in Hamburg, dem Leben in der DDR, dem Leben in der Bundesrepublik. Sein Vater, Kommunist und Jude, wurde in Auschwitz ermordet. Der Sohn ging 1953 voller Hoffnung in die DDR. Er wollte beim Aufbau einer besseren Welt helfen. Später bekam er Auftrittsverbot. 1976 wurde er ausgebürgert.
Eine bemerkenswerte Karriere der Staatskunst: Erst verspricht man einem jungen Menschen das Paradies. Dann verbietet man ihm, darüber zu singen, wie es dort tatsächlich aussieht. Die SED hatte Polizei, Gefängnisse, Spitzel und eine ganze Verwaltung des richtigen Denkens. Biermann hatte eine Gitarre. Dass die Staatsmacht sich vor sechs Saiten fürchtete, bleibt eines ihrer unfreiwillig komischsten Selbstporträts. Auch über das heutige Deutschland wird gesprochen. Die Vorgänge in Sachsen-Anhalt überraschen ihn offenbar wenig. In seiner schroffen Deutung begegnen sich da politische Erbschaften: auf der einen Seite das nationalsozialistische Erbe, das er in der AfD sieht; auf der anderen die Schatten der SED, die er bei Linken und BSW wiedererkennt. Wer selbst unter einer Diktatur gelebt hat, hört womöglich früher, wenn deren alte Melodie wieder angestimmt wird.
Die konkrete Rollenverteilung muss man allerdings genau benennen: Das BSW unterstützte in Sachsen-Anhalt die Wahl des AfD-Politikers Tobias Rausch zum Landtagspräsidenten. Die Linke hatte ihre Ablehnung erklärt. Politische Stammbäume ersetzen keinen Blick auf den einzelnen Abstimmungszettel. Aber es bleibt eine beklemmende Frage: Wie leicht findet man zueinander, wenn die Bewunderung für starke Männer größer wird als die Geduld mit einer widerspenstigen Demokratie? Eine Brandmauer ist schnell überwunden, wenn von der anderen Seite jemand freundlich einen Stuhl herüberschiebt.
Mein eigener Lebenslauf ist nicht viel kürzer als Biermanns. Auch für mich sind die Ideologien des vergangenen Jahrhunderts keine sauber beschrifteten Kästen im Geschichtsbuch. Ihre Gewalt reicht in Lebensläufe hinein, in Familien, in das Gedächtnis eines Kindes. Wer das am eigenen Leib erfahren hat, schaut genauer hin, wenn wieder große Erlösungsversprechen ausgegeben werden. Man möchte wissen, wer diesmal dafür bezahlen soll.
Und dann dringt durch den politischen Biermann immer wieder der Liedermacher. Die Gitarre fehlt, aber die Lieder sind da. Mitten im Gespräch öffnet sich eine kleine Bühne.
Er lässt Paare aus der Weltgeschichte auftreten: Adam und Eva, Romeo und Julia. Dann wird die Gesellschaft finsterer: Hitler neben Stalin, Schröder neben Putin. Bei solchen Männerfreundschaften möchte man ungern den Hochzeitstisch decken. Zu viele andere müssten hinterher die Scherben auflesen.
Am Ende aber landen wir bei ihm und Pamela. Nach den Diktatoren, den Parteiapparaten, den historischen Katastrophen steht da plötzlich wieder ein Mensch neben einem Menschen. Ein langes Leben findet für einen Augenblick Platz in einer Zuneigung.
Ich muss Biermann nicht in jedem politischen Urteil folgen, um ihm gern zuzuhören. Mich berührt, dass da einer sitzt, der seine Hoffnungen, Irrtümer und Kämpfe noch immer in Sprache verwandeln kann. Das Gespräch hat Ecken. Man kann daran hängen bleiben. Und manchmal bleibt ein Lied hängen. Und manchmal taucht der Lebenspartner auf. Seine heißt Pamela, meine heißt Barbara.
Manchmal höre ich eben lieber einem Fast-Neunzigjährigen zu als einem Neunzehnjährigen auf einem Schwalbe-Moped.
Die Schwalbe braucht einen Auspuff. Biermann braucht nicht einmal mehr eine Gitarre. Meine Gitarre habe ich jetzt auch zur Seite gestellt. Meine Stimme und mein Mut versickert. Aber ich schreibe noch.
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Diese Glosse ist auch in mein Archiv gewandert: BIERMANN mit 90
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