Gabriele Krone-Schmalz bei den Mennoniten
Blindheit des Wollens

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Ich wollte einen Philosophen in eine Diskussion einführen. Er hatte kaum Platz genommen, da musste ich mich schon für seinen Umgang mit Frauen verantworten. Dabei hatte ich Arthur Schopenhauer lediglich zitiert. Für seine Erziehung kam ich etwas zu spät. Peter Gross hatte auf myheimat einen Auftritt Gabriele Krone-Schmalz’ bei den Mennoniten in Hamburg-Altona zum Anlass einer kritischen Betrachtung genommen. Über der Veranstaltungsreihe stand die Frage: „Kriegstüchtig oder friedensfähig?“ Eine Orientierungssuche. In der Kommentarspalte waren die Himmelsrichtungen allerdings schon weitgehend verteilt.

Ich wagte mich mit einem Satz hervor: „Die Vulgarität besteht im Grunde darin, dass im Bewusstsein das Wollen das Erkennen gänzlich überwiegt.“ Schopenhauer. Ein Mann, der die menschliche Selbstüberschätzung mit bemerkenswerter Schärfe durchschaute und für den Eigenbedarf trotzdem reichlich davon zurückbehielt. Prompt wurde mir Frauenfeindlichkeit vorgeworfen. Schopenhauer sei schließlich als Frauenfeind bekannt. Wenn ich mit einem solchen Gewährsmann die politischen Positionen von Krone-Schmalz und Sahra Wagenknecht kommentierte, müsse das ja wohl etwas zu bedeuten haben.

Das Verfahren besitzt einen gewissen Charme. Man braucht einen Gedanken gar nicht erst zu prüfen, wenn man rechtzeitig einen anrüchigen Vorbesitzer findet. Die geistige Gebrauchtwagenkontrolle erklärt den Satz zum Totalschaden, weil der frühere Halter ein Scheusal war.

Nun muss man Schopenhauers Frauenverachtung keineswegs beschönigen. Aber in diesem Satz geht es um ein menschliches Vermögen, dessen ungünstige Verwendung auch Männern gelingt. Sogar erstaunlich häufig. Wer darin unbedingt eine Aussage über Frauen entdecken möchte, muss das Geschlecht eigenhändig hineintragen. Das Wollen hilft offenbar auch beim Lesen.

Bea S. aus Gießen rückte die Sache freundlich und entschieden zurecht. Sie kenne mich anders; mein Kommentar ziele auf die politischen Thesen und das erkennbare Einvernehmen der abgebildeten Frauen. Es ging um ihre Haltung zu Russland und zur NATO. Zum Glück gibt es in hitzigen Debatten gelegentlich jemanden, der noch einmal nachschaut, worüber eigentlich gestritten wird.

Eine politische These gewinnt durch das Geschlecht ihrer Urheberin weder Beweiskraft noch Bestandsschutz. Zur Gleichberechtigung gehört, dass man Frauen ebenso ernsthaft widerspricht wie Männern. Sonst hätte ausgerechnet die Frauenbewegung eine neue Vitrine erkämpft: Bitte nicht berühren, könnte argumentieren.

Mich interessiert an Schopenhauers Satz etwas anderes. Wie oft steht unser Urteil schon fest, bevor die Tatsachen überhaupt ihren Mantel ausgezogen haben?

Das Wollen sitzt am Tischende. Das Erkennen wird hereingebeten, bekommt aber gleich einen Arbeitsauftrag: Such mir Gründe, weshalb ich recht habe. Und bitte keine Überraschungen. Wir sind hier schließlich unter Überzeugten.

Beim Streit über Russland lässt sich das gut beobachten. Die NATO darf kritisiert werden, über Waffenlieferungen und Verhandlungen muss gestritten werden. Russlands Angriff auf die Ukraine verschwindet dadurch allerdings nicht. Wer Frieden will, sollte dem Angreifer mindestens ebenso hartnäckige Fragen stellen wie den Angegriffenen.

Mich macht eine Friedensrhetorik misstrauisch, die ihre strengsten Benimmregeln den Beschossenen vorlegt. Der Angreifer schafft Tatsachen; der Angegriffene soll wenigstens die Stimmung nicht weiter verschlechtern. Am Ende wird aus dem Friedensplan eine Hausordnung für Überfallene.

Auch die Sympathisanten von BSW oder AfD müssen sich fragen lassen, ob ihr Verständnis für Moskaus Sichtweise noch Platz für die Menschen lässt, über deren Köpfe hinweg verhandelt werden soll. Mit Russland reden zu wollen, ist vernünftig. Dem Kreml schon vor dem Gespräch die Deutungshoheit zu überlassen, ist eine bemerkenswert großzügige Anzahlung.

Natürlich höre ich an dieser Stelle bereits meinen eigenen Willen zufrieden nicken.

Genau das ist das Unangenehme an diesem Schopenhauer-Satz.
Kaum hat man ihn auf die anderen gerichtet, dreht er sich um.

Schopenhauer selbst liefert dafür ein wenig rühmliches Beispiel. 1821 wurde er im Streit mit der Näherin Caroline Marquet gewalttätig. Er beförderte sie gewaltsam aus einem Raum; sie stürzte und wurde verletzt. Nach jahrelangem Prozessieren musste er unter anderem monatlich fünf Taler Unterhalt zahlen.

Der Mann wusste also, wie sich ein Wille aufführt, der das Erkennen beiseite schiebt. Er hatte ihn bereits persönlich vor Gericht vertreten.

Ob ihn das Urteil zur Einsicht brachte, weiß ich nicht. Zahlungen lassen sich gerichtlich durchsetzen. Selbsterkenntnis entzieht sich leider noch immer der Zwangsvollstreckung.

Und ich? Ich habe wenig Hoffnung, dass nach einer solchen Debatte jemand sein politisches Lager wechselt. Mich schließe ich ausdrücklich ein. Es wäre ja zu bequem, die anderen für willensgesteuert zu erklären und sich selbst als amtlich zugelassene Vernunft vorzustellen.

Das bedeutet nicht, dass jede Behauptung gleich viel taugt. Eine überprüfte Tatsache hat mehr Gewicht als eine beharrlich wiederholte Ausrede. Aber auch mit guten Gründen kann man sich eine Festung bauen, in der schließlich jedes offene Fenster als Sicherheitsrisiko gilt.

Vielleicht sollte vor dem Absenden eines Kommentars eine kleine Frage auftauchen: Was müsste ich erfahren, damit ich meine Ansicht ändere?

Der Artikel von Peter Groß: Peter Gross über Krone-Schmalz

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Didi van Frits aus Hattingen

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