„Geschichtsorte Günzburg“
Die Günzburger NS-Vergangenheit ist jetzt digital erlebbar
- Oberbürgermeister Michael Jahn, Petra Dobler-Zanghi, Museumsleiterin Sarah Maria Lorenz und der ehemalige Museumsleiter Dr. Raphael Gerhardt präsentierten die neue App „Geschichtsorte Günzburg“.
- Foto: Michael Lindner/ Stadt Günzburg
- hochgeladen von Madlen Ellmenreich
Die App „Geschichtsorte Günzburg“ ist ein Kooperationsprojekt zwischen dem Heimatmuseum und dem Maria-Ward-Gymnasium.
Schüler machen NS-Geschichte digital erlebbar
Günzburg. Ein mehrjähriges Kooperationsprojekt zwischen dem Maria-Ward-Gymnasium und dem Heimatmuseum Günzburg bringt die lokale Geschichte direkt auf das Smartphone. Im feierlichen Rahmen des Rokokosaals des Heimatmuseums wurde vor rund 50 Gästen die neue Web-App „Geschichtsorte Günzburg“ offiziell vorgestellt. Jugendliche haben dafür in intensiver Recherchearbeit im Stadtarchiv einzelne Stationen und bewegende Biografien der NS-Zeit zwischen 1933 und 1945 aufgearbeitet. Das Ergebnis des Projekts ist ein digitales Angebot, das an knapp 40 Schwerpunkten die Gräueltaten, aber auch den vielschichtigen Alltag während des Nationalsozialismus in Günzburg greifbar und sichtbar macht.
Museumsleiterin Sarah Maria Lorenz begrüßte neben den engagierten Schülern und Initiatoren auch Lehrer, Vertreter der Lokalpolitik, der örtlichen Vereine sowie der Volkshochschule. Oberbürgermeister Michael Jahn würdigte in seiner Ansprache das außerordentliche Engagement der Jugendlichen, die sich tief in die historischen Quellen eingearbeitet haben. Besonders für Günzburg sei es von zentraler Bedeutung, sich der eigenen Historie zu stellen. Michael Jahn betonte in seiner Rede: „Es ist von unschätzbarem Wert, wie empathisch und gründlich sich die Schülerinnen und Schüler durch die intensive Recherchearbeit im Stadtarchiv der Kriegszeit angenähert haben.“
Wie das Projekt vor zwei Jahren seinen Anfang nahm, skizzierte der Leipheimer Bürgermeister Dr. Raphael Gerhardt, der das Vorhaben in seiner damaligen Funktion als Günzburger Museumsleiter initiiert hatte. Auch Monica Bayer-Kulle, Schulleiterin des Maria-Ward-Gymnasiums, hob die tiefere Bedeutung der Arbeit hervor: Die Jugendlichen leisteten einen aktiven, unschätzbaren Beitrag zur Demokratiebildung, um wachsam zu bleiben und fundiert zu verhindern, dass so etwas jemals wieder passiert wie im Jahr 1933.
Bewegende Einzelschicksale und mutiger Widerstand
Wie grausam das NS-System bis in den engsten Alltag der Jugendlichen hineinwirkte, verdeutlicht eine der zentralen Stationen der App, die sich mit dem Schicksal von Erna Dobler befasst. Sie hatte im Pausenhof einer Mitschülerin in wenigen Worten ihre kritische Einschätzung zum Kriegsverlauf anvertraut und Zweifel an den von Hitler genannten, vermeintlich zu niedrigen Gefallenenzahlen geäußert. Die Konsequenz war ein Alptraum: Dobler wurde denunziert, noch am selben Abend von der Gestapo zum Verhör abgeholt und fortan von ihren Mitschülerinnen rigoros geschnitten. Zur Vorstellung der App reiste ihre Tochter, Petra Dobler-Zanghi, extra aus Italien an. Spontan und sichtlich bewegt teilte sie beim Festakt die emotionale Lebensgeschichte ihrer vor einigen Jahren verstorbenen Mutter mit dem Publikum und verlieh der digitalen Station eine zutiefst menschliche Stimme.
Neben Einzelschicksalen wie dem von Erna Dobler beleuchtet die App auch kollektiven Widerstand, wie den der Untergruppe des Katholischen Frauenbundes in Günzburg. Als Anerkennung und in Reminiszenz an diese mutigen jungen Frauen erhielten die jungen Autoren von der wissenschaftlichen Mitarbeiterin und Mitinitiatorin Julya Berzen eine weiße Rose überreicht. Einen filmischen Höhepunkt steuerte der Filmemacher Hermann G. Abmayr bei: Seine für die App bereitgestellten Kurzinterviews mit Zeitzeugen machen die Geschichte fast schon erschreckend erlebbar.
App soll weiter wachsen und zur Mitarbeit einladen
Die neue Museumsapp „Geschichtsorte Günzburg“ kann ab sofort kostenfrei per QR-Code auf das Smartphone geladen werden. Das digitale Projekt ist explizit noch keineswegs abgeschlossen: Die App enthält bewusst freigelassene Lücken und bietet Raum für weitere Stationen. Bürger und Schulklassen sind aufgerufen, sich an der weiteren Aufarbeitung zu beteiligen. Die Quellen des Stadtarchivs sowie die wissenschaftliche Begleitung stehen bereit. Bei Interesse oder für weitere Informationen können sich Interessierte per E-Mail an museum@rathaus.guenzburg.de oder telefonisch unter 08221/38828 an das Heimatmuseum wenden.
(PM Stadt Günzburg)
myheimat-Team:Madlen Ellmenreich aus Augsburg |
Sie möchten kommentieren?
Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.