MVV Industriepark Gersthofen
Vom Indigo-Traum zum modernen Industriepark

Luftaufnahme | Foto: MVV Industriepark Gersthofen
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Die Geschichte des Industrieparks Gersthofen ist die Geschichte eines erfolgreichen Wandels. Aus einem Chemiewerk, das ursprünglich für die Produktion des damals revolutionären Indigo-Farbstoffs gebaut wurde, entwickelte sich über die Stationen Hoechst, IG Farben, Lech-Chemie, Clariant und IGS ein moderner Industriepark. Seit fast 125 Jahren wird in Gersthofen produziert, investiert und transformiert – und heute betreibt die MVV Industriepark Gersthofen GmbH, Tochtergesellschaft der Mannheimer MVV Energie AG, den Standort.

Die Geschichte des Industrieparks Gersthofen seit 1902
Die Geschichte des Industrieparks Gersthofen ist zugleich die Geschichte der Industrialisierung einer ganzen Region. Was heute ein moderner Chemie-, Logistik- und Dienstleistungsstandort mit rund 1.200 Beschäftigten ist, begann vor mehr als 120 Jahren als ehrgeiziges Industrieprojekt der Farbwerke Hoechst. Aus einem Dorf am Lech entwickelte sich ein bedeutender Chemiestandort, der mehrere weltwirtschaftliche Umbrüche, zwei Weltkriege und die Auflösung des Hoechst-Konzerns erlebte und schließlich in die Entstehung eines Industrieparks mündete.

Die Vorgeschichte: Warum ausgerechnet Gersthofen?
Der Ursprung des heutigen Industrieparks liegt bereits im Jahr 1899. Damals errichtete die Firma Lahmeyer & Co., die spätere Lechwerke AG, ein Wasserkraftwerk am Lech. Für die chemische Industrie war Elektrizität ein entscheidender Standortfaktor. Die vergleichsweise günstige und sichere Stromversorgung überzeugte die Farbwerke Hoechst, ihr neues Filialwerk nicht in Frankfurt, sondern in Gersthofen anzusiedeln.

1902: Die Produktion beginnt
Der 7. März 1902 gilt als offizieller Startpunkt der industriellen Produktion in Gersthofen. Zunächst nahm der Chromsäurebetrieb seine Arbeit auf. Schon wenige Jahre später kamen weitere Produkte hinzu.
Eigentlich sollte das Werk einen wichtigen Beitrag zur Herstellung des synthetischen Indigo leisten. Die Entwicklung der Chemieindustrie verlief jedoch dynamisch, und schon bald konzentrierte sich der Standort auf verschiedene chemische Zwischenprodukte. Die Chlorchemie entwickelte sich dabei zum Herzstück des Werks und bildet bis heute die Grundlage zahlreicher Produktionsketten im Industriepark.

Die IG-Farben-Ära
1925 schloss sich die Farbwerke Hoechst AG mit anderen großen Chemieunternehmen zur I.G. Farbenindustrie AG zusammen. Damit wurde auch das Werk Gersthofen Teil des damals größten Chemiekonzerns Europas.
Eine wichtige Erweiterung erfolgte 1927 mit dem Beginn der Wachsproduktion. Aus zunächst überwiegend braunkohlebasierten Rohstoffen entstand ein neues Geschäftsfeld. Noch heute gehören Wachse zu den traditionellen Produkten in Gersthofen.

Kriegsjahre und Neubeginn
Wie die gesamte deutsche Chemieindustrie wurde auch der Standort durch den Zweiten Weltkrieg tiefgreifend beeinflusst. Nach Kriegsende stand das Werk unter amerikanischer Verwaltung. Zwischen 1945 und 1952 firmierte es als „Lech-Chemie“.
Erst nach der Entflechtung der IG Farben kehrte das Werk zu Hoechst zurück. 1952 erfolgte die Wiedereingliederung in die Farbwerke Hoechst AG. Damit begann eine neue Wachstumsphase.
Wirtschaftswunder und Expansion
Die 1950er-, 1960er- und 1970er-Jahre waren von starkem Wachstum geprägt. In dieser Zeit entwickelten sich auch die Produktionsschwerpunkte weiter. Neben der Chlorchemie gewannen Wachse, Polymeradditive sowie Vorprodukte für die Polyesterherstellung zunehmend an Bedeutung. 1966 begann die Polyesterproduktion am Standort, die heute durch Indorama fortgeführt wird.
Ende der 1960er-Jahre beschäftigte das Werk mehr als 2.000 Menschen und gehörte damit zu den wichtigsten Arbeitgebern der Region.
1974 erfolgte die Umbenennung in „Hoechst AG, Werk Gersthofen“.

Der Zerfall des Hoechst-Konzerns
In den 1990er-Jahren begann die Auflösung der klassischen Hoechst-Strukturen. Zahlreiche Geschäftsbereiche wurden ausgegliedert, verkauft oder in eigenständige Unternehmen überführt.
Ein entscheidender Einschnitt kam 1997: Die Schweizer Clariant übernahm das Werk Gersthofen von Hoechst. Nach fast 100 Jahren endete damit die direkte Zugehörigkeit des Standorts zum Hoechst-Konzern.

2002: Aus dem Chemiewerk wird ein Industriepark
Das Jahr 2002 markiert den wohl wichtigsten Wendepunkt der jüngeren Geschichte. Die Serviceeinheiten wurden aus dem Chemieunternehmen herausgelöst und in einer eigenständigen Gesellschaft – der Industriepark Gersthofen Servicegesellschaft mbH & Co KG (IGS) organisiert. Gleichzeitig entstand offiziell der Industriepark Gersthofen.
Der Gedanke dahinter war neu: Nicht mehr ein einzelnes Chemieunternehmen sollte den Standort prägen, sondern mehrere unabhängige Unternehmen sollten gemeinsam Infrastruktur, Versorgungssysteme und Dienstleistungen nutzen. Dieses Modell etablierte sich deutschlandweit als erfolgreiches Konzept für ehemalige Chemie- und Industriestandorte.

Die MVV als Standortbetreiber
Mit dem Einstieg der Mannheimer MVV Energie AG im Jahr 2006 begann die Entwicklung zu einem modernen Standortbetreiber-Modell.
Ein wichtiger Meilenstein war die Inbetriebnahme des Ersatzbrennstoff-Kraftwerks im Jahr 2009. Es sichert bis heute einen erheblichen Teil der Energieversorgung des Standorts und stärkt die energetische Unabhängigkeit.
2013 erfolgte die Umbenennung zur MVV Enamic IGS Gersthofen GmbH, 2017 schließlich zur heutigen MVV Industriepark Gersthofen GmbH. Parallel entstand die Netzgesellschaft IGS Netze GmbH.

Der Industriepark heute
Heute umfasst der Industriepark rund 35 Hektar Industriefläche. Zwölf Unternehmen aus Chemie, Logistik und technischen Dienstleistungen nutzen die gemeinsame Infrastruktur. Schwerpunkte sind weiterhin Spezialchemikalien, Wachse, Polymeradditive, Polyesterprodukte und chemische Synthesebausteine. Rund 1.200 Beschäftigte und etwa 100 Auszubildende arbeiten am Standort.
Mehr als 120 Jahre nach dem Produktionsstart der Farbwerke Hoechst hat der Industriepark Gersthofen vor Kurzem ein neues Kapitel aufgeschlagen: Mit dem 2025 gegründeten Technologietransferzentrum Gersthofen (TTZ) der Technischen Hochschule Augsburg sind Forschung, Wasserstofftechnologie und digitale Innovation direkt auf das historische Werksgelände eingezogen. Wo einst die industrielle Chemieproduktion begann, entstehen heute Ideen für die klimafreundliche Industrie von morgen.
Hier eine Übersicht über die Unternehmen im Industriepark:
• Archroma Germany GmbH (Spezialchemikalien)
• Bilfinger Engineering & Maintenance GmbH (technische Dienstleistungen)
• CABB GmbH (Synthesebausteine auf Basis von Essigsäure)
• Clariant Plastics & Coatings (Deutschland) GmbH (Wachse und Polymeradditive)
• CVG Chlorgas Vertriebs GmbH
• DP World (Logistik)
• IGS Netze GmbH
• Infraserv Logistics GmbH (Logistik)
• INDORAMA Ventures Polymers Germany GmbH (Polyesterproduktion)
• Kraton Chemical GmbH (Naturharze und Spezialchemie)
• Technologietransferzentrum Gersthofen (TTZ) (Forschung)
• MVV Industriepark Gersthofen GmbH (Standortbetreiber, Infrastruktur und Service)

(Text: MVV Gersthofen)

Luftaufnahme | Foto: MVV Industriepark Gersthofen
Kraftwerk Ost | Foto: MVV Industriepark Gersthofen
Luftaufnahme Industriegebiet Nord | Foto: Stadt Gersthofen, Marcus Merk
Bürgerreporter:in:

Florian Handl aus Augsburg

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