Sieben auf einen Streich
Der Mann mit den sieben Bällen
- hochgeladen von Hildegard Grygierek
Wer behauptet, Spaziergänge seien langweilig, war noch nie mit meinem Mann unterwegs. Unsere kleinere Runde führt durch ein wunderschönes Waldstück rund um einen Golfplatz. Gerade jetzt, in der Saison, herrscht dort Hochbetrieb - allerdings nicht nur auf den Fairways. Offenbar haben es etliche Golfbälle vorgezogen, sich in die Freiheit abzusetzen und ein neues Zuhause im Wald zu suchen.
Und genau dort kommt mein Mann ins Spiel.
Während ich nach meiner Grauen-Star-Operation noch mit einem leicht verschleierten Blick unterwegs bin und mich eher an den Bäumen, das satte Grün und dem Vogelgezwitscher erfreue, scheint mein Mann plötzlich über einen eingebauten Ballradar zu verfügen. Kaum sind wir ein paar Meter gegangen, ertönt es schon begeistert: „Da!“
Ich schaue nach links. Nichts.
Ich schaue nach rechts. Nichts.
„Na, da vorne! Neben dem Grasbüschel!“
Ich sehe weiterhin - nichts.
Mein Mann marschiert zielstrebig los und kommt wenige Sekunden später strahlend zurück. In der Hand - Golfball Nummer eins. Dieser Gesichtsausdruck - als hätte er gerade den Hauptgewinn im Lotto gezogen.
Und damit fing alles erst an.
Ball Nummer zwei wurde am Wegesrand erspäht.
Ball Nummer drei lugte aus dem hohen Gras hervor.
Ball Nummer vier hatte sich offenbar hinter ein paar Blättern versteckt.
Und spätestens bei Ball Nummer fünf war klar - hier läuft kein gewöhnlicher Spaziergang mehr ab. Hier war ein Mann mit einer Mission unterwegs.
Ich dagegen brachte es an diesen Nachmittag auf die stolze Ausbeute von exakt null Bällen. Nicht einen einzigen fand ich. Vermutlich liegt es tatsächlich daran, dass meine Augen nach der Operation noch nicht wieder ihre volle Schärfe erreicht haben. Anders kann ich mir jedenfalls nicht erklären, wie mein Mann die kleinen weißen Kugeln aus schätzungsweise zwanzig Metern Entfernung entdeckt, während ich froh bin, wenn ich ihn selbst nicht aus den Augen verliere.
Zwischendurch wurde es sogar brenzlig. Plötzlich sauste ein Golfball heran und hätte meinem Mann beinahe den Kopf getroffen. Im letzten Augenblick konnte er noch ausweichen. Das Erstaunliche daran - weit und breit war kein Golfer zu sehen. Nicht auf dem Weg, nicht hinter den Bäumen, nirgendwo. Da fragt man sich unwillkürlich, ob da jemand mit außergewöhnlicher Schlagsicherheit oder eher mit katastrophaler Zielgenauigkeit unterwegs war. So einen Abschlag muss man erst einmal hinbekommen.
Doch wer nun glaubt, mein Mann hätte sich mit den bereits gefundenen Bällen zufriedengegeben, kennt ihn schlecht.
Plötzlich blieb er stehen, kniff die Augen zusammen und sagte in verschwörerischem Ton: „Da liegt noch einer.“
Ich sah nur Brombeersträucher. Er sah Beute.
Und so geschah, was geschehen musste. Unerschrocken wagte er sich ins Unterholz. Dornen? Nebensache. Kratzer? Werden ignoriert. Wo andere Menschen umkehren würden, beginnt für ihn offenbar erst das Abenteuer. Wie ein Archäologe auf der Suche nach einem jahrtausendealten Schatz arbeitete er sich durch Gestrüpp und Brombeerranken. Und tatsächlich - da lag er, der Ball. Gut versteckt - offenbar nicht gut genug.
Der Triumph in seinem Gesicht war unbezahlbar. Stolz wie Oskar kam er wieder hervor und präsentierte seinen Fund, als hätte er gerade einen seltenen Diamanten geborgen. Ich musste unwillkürlich lachen. Manche Männer freuen sich über einen neuen Akkuschrauber, andere über ein gelungenes Fußballergebnis. Mein Mann hingegen strahlt wie ein Kind an Weihnachten, wenn er einen verlorenen Golfball entdeckt.
Am Ende unseres Spaziergangs waren es tatsächlich sieben Stück. Sieben - und einer davon orange! Nicht gekauft, nicht geschenkt, sondern ehrlich erbeutet. Ich glaube, wäre noch ein achter Ball aufgetaucht, hätte er wahrscheinlich spontan eine Dankesrede gehalten.
Zu Hause wurden die Schätze sorgfältig begutachtet und zu den anderen ins extra für Golfbälle gekaufte Glas gelegt.
Und während ich noch darüber nachdachte, dass andere Leute Pilze oder was auch immer sammeln, wurde mir klar .. jeder Mensch braucht offenbar ein Hobby. Das meines Mannes kostet nichts, hält fit und sorgt regelmäßig für beste Unterhaltung.
Auf jeden Fall hatte ich meinen Spaß - und er seine helle Freude an den Fundstücken
Bürgerreporter:in:Hildegard Grygierek aus Essen |
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