Tag der nicht sichtbaren Behinderungen
Man sieht es nicht jedem an
- Peter Ries über Nicht sichtbare Behinderung
- Foto: Ries
- hochgeladen von Peter Ries
Wenn man die Behinderung nicht sieht: Warum Verständnis im Alltag zählt
Wer an Behinderung denkt, hat oft zuerst ein sichtbares Bild vor Augen: einen Rollstuhl, einen Blindenstock oder eine Prothese. Doch viele Behinderungen und chronische Erkrankungen sind von außen nicht zu erkennen. Dazu zählen unter anderem Autismus, ADHS, ME/CFS, Depressionen, chronische Schmerzerkrankungen sowie Hör- und Sehbehinderungen. Die damit verbundenen Barrieren bleiben anderen häufig verborgen - obwohl sie den Alltag der Betroffenen wesentlich beeinflussen können.
Der 20. Oktober, der Tag der nicht sichtbaren Behinderungen, lenkt den Blick auf diese Lebensrealität. Für mich ist das Thema auch persönlich: Ich habe selbst eine "Nicht sichtbare Behinderung". Man sieht mir nicht unbedingt an, womit ich lebe. Gerade deshalb ist es mir wichtig, darüber zu sprechen: Eine Einschränkung wird nicht dadurch weniger real, dass sie für andere nicht auf den ersten Blick erkennbar ist.
"Du siehst doch gar nicht krank aus"
Chronische Erkrankungen, Schmerzsyndrome, psychische Belastungen und neurologische Einschränkungen hinterlassen nicht immer sichtbare Spuren. Das kann dazu führen, dass ein Unterstützungsbedarf übersehen oder sogar infrage gestellt wird. Sätze wie "Du siehst doch gar nicht krank aus" oder "Man muss sich einfach nur zusammenreißen" können verletzen und die Belastung zusätzlich verstärken. Besonders deutlich wird das in alltäglichen Situationen: wenn jemand im Bus einen Sitzplatz braucht, im Beruf um Anpassungen bittet oder einen Nachteilsausgleich beantragt. Fehlen sichtbare Anzeichen, begegnen Betroffene mitunter Skepsis. Manche sprechen deshalb nicht über ihre Einschränkung. Das kann eine zusätzliche Last sein: Zur Erkrankung kommt die Sorge, nicht ernst genommen zu werden - und sich immer wieder erklären zu müssen. Ich wünsche mir, dass wir Menschen nicht nach ihrem äußeren Erscheinungsbild beurteilen. Niemand sollte erst beweisen müssen, dass die eigene Einschränkung "schlimm genug" oder sichtbar genug ist, um Verständnis und Unterstützung zu verdienen.
Barrierefreiheit ist mehr als eine Rampe
Barrierefreiheit wird häufig mit baulichen Maßnahmen wie Rampen oder Aufzügen verbunden. Doch sie endet nicht an der Gebäudetür. Auch grelles Licht, laute Geräusche oder starke Gerüche können eine Umgebung für manche Menschen schwer zugänglich machen. Dazu kommen kommunikative Hürden, soziale Überforderung und komplizierte bürokratische Abläufe, die den Zugang zu Unterstützung erschweren können. Werden solche Barrieren nicht berücksichtigt, kann das zu Überlastung, Rückzug und Isolation beitragen. Eine inklusive Gesellschaft muss deshalb auch sensorische, kommunikative und soziale Hindernisse in den Blick nehmen - neben den sichtbaren und baulichen Barrieren. Psychische Erkrankungen verursachen in Deutschland volkswirtschaftliche Gesamtkosten von 149 Milliarden Euro, was sie zu einer der größten ökonomischen Herausforderungen für die Gesellschaft macht. Diese Kosten setzen sich aus direkten Ausgaben für das Gesundheitssystem und indirekten Kosten durch Arbeitsausfälle, Präsentismus sowie Frühverrentungen zusammen.1)
Was sich ändern muss
Inklusion darf nicht bei sichtbaren Maßnahmen stehen bleiben. Hinweise wie das grüne Sonnenblumen-Band ("Hidden Disabilities Sunflower") oder ein blau-weißer Pin - den ich selbst trage - können im öffentlichen Raum diskret signalisieren, dass eine Person möglicherweise Unterstützung oder mehr Verständnis benötigt. Solche Symbole können hilfreich sein, ersetzen aber keine grundlegenden Veränderungen. Dazu gehören zum Beispiel flexible Arbeitszeitmodelle, verständliche und zugängliche Verwaltungsverfahren, eine verlässliche medizinische Versorgung ohne lange Wartezeiten und mehr Forschung. Ebenso wichtig ist eine Haltung, die zunächst zuhört, statt vorschnell zu urteilen. Gesundheit, Belastbarkeit und Unterstützungsbedarf lassen sich nicht zuverlässig auf den ersten Blick einschätzen.
Aktionen machen Erfahrungen sichtbar
Der Tag der "nicht sichtbaren Behinderung" wurde vom Verein gemeinsam zusammen e. V. ins Leben gerufen. Rund um den Aktionstag finden bundesweit verschiedene Veranstaltungen statt - darunter Vorträge, Informationsstände, Kirchenkonzerte, Schulaktionen, besondere "Stille Stunden" im Einzelhandel und ein Aktionsspieltag bei Hannover 96. Auch eine Online-Demonstration mit Live-Übertragung ist vorgesehen, damit Menschen teilnehmen können, die das Haus nicht verlassen können. Begleitet werden die Aktionen unter anderem von den Hashtags #wirsindviele, #dubistnichtallein und #28leben.
Genau hinsehen - gerade dort, wo man nichts sieht
Ob jemand neurodivergent ist, chronisch oder psychisch erkrankt: Betroffene brauchen Verständnis, eine verlässliche Versorgung und den Abbau von Barrieren, die im Alltag oft unsichtbar bleiben. Für mich bedeutet der 20. Oktober auch, daran zu erinnern, dass eine Behinderung nicht erst dann zählt, wenn andere sie erkennen können. Denn eine inklusive Gesellschaft beginnt damit, Menschen zuzuhören, sie ernst zu nehmen und nicht vorschnell über das zu urteilen, was von außen sichtbar ist. Manchmal ist der wichtigste erste Schritt ganz einfach: nicht anzunehmen, dass es jemandem gut geht, nur weil man ihm nichts ansieht.
--------------------
INFO:
Diskrete Zeichen statt auffälliger Symbole
Um im öffentlichen Raum ohne lange Erklärungen auf Unwohlsein oder Unterstützungsbedarf aufmerksam zu machen, gibt es verschiedene Ansätze. Bekannt ist etwa das grüne Umhängeband mit Sonnenblumen (Hidden Disabilities Sunflower).
Viele Betroffene - auch ich - tragen solche auffälligen, bunten Bänder oder Karten jedoch ungern. Sie wirken oft sehr plakativ, verspielt und ziehen ungewollte Blicke auf sich. In Großbritannien wurde das Sonnenblumensymbol entwickelt, das jedoch ein Copyright hat und nicht auf kommunaler Ebene genutzt werden kann.
Als eine deutlich neutralere Alternative trage ich seit Jahren daher einen blau-weißen Pin mit dem englischen Schriftzug Invisible Disability...
Nun hat "gemeinsam zusammen e. V." anlässlich des 2. Tags in Kooperation mit "pro plus rlp e.V." insgesamt 10.000 Muster an alle 401 Landkreise und kreisfreien Städte verschickt.
Wenn ich die Wahl hätte, wäre ich für den blau-weißen Pin!
Peter Ries
Weitere Informationen:
www.stille-stunde.com/presse
1) Deutsches Ärzteblatt
Bürgerreporter:in:Peter Ries aus Düsseldorf |
Sie möchten kommentieren?
Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.