Schulpolitik Vergleich Deutschland Frankreich
Gewalt gegen Schulmisere
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Als ehemaliger Grundschullehrer habe ich ein schlichtes Verständnis von Bildungspolitik: Vorne sollte jemand stehen, der unterrichten kann. Hinten sollten Kinder sitzen, die genug Platz haben. Und von oben sollte möglichst kein Regen kommen. Ein erstaunlich anspruchsvolles Programm. Jedenfalls, wenn man bedenkt, wie viele Ministerreden schon unter intakten Dächern gehalten wurden. In Deutschland fehlt es an Personal, an Platz und an vernünftigen Lernbedingungen. Den gewaltigen Investitionsrückstand bei Schulgebäuden dokumentiert das KfW-Kommunalpanel. „Bildung ist unsere Zukunft“, heißt es in Festreden. Die Zukunft hat bloß gerade Vertretungsunterricht.
In Frankreich fordern Schülerinnen und Schüler ebenfalls mehr Personal und bessere Lernbedingungen. Doch am Rand der Proteste wurden nach Angaben von Bildungsminister Édouard Geffray 24 Bildungseinrichtungen angezündet oder verwüstet. 78 Beschäftigte im Bildungswesen seien verletzt worden. Für diesen Montag kündigte er an 400 bis 500 Oberschulen einen vollständigen oder teilweisen Unterrichtsausfall an, weil die Sicherheit nicht gewährleistet sei.
Das muss man erst einmal fertigbringen: Man beklagt fehlende Lehrer und greift jene an, die noch da sind. Man fordert mehr Unterricht und sorgt dafür, dass er aus Sicherheitsgründen ausfällt. Man verlangt bessere Schulgebäude und liefert der Feuerwehr zusätzliche Arbeit.
Eine bemerkenswerte Methode, einen undichten Eimer zu reparieren: Man schlägt ihm den Boden heraus.
Wer Lehrkräfte angreift, trifft Menschen, die den Mangel täglich ausgleichen sollen. Die Kollegin vor der Klasse hat den Bildungsetat nicht zusammengestrichen. Sie versucht, aus dem, was übrig geblieben ist, noch einen Schultag zu machen. Ihr nun Gewalt anzutun, dürfte selbst nach einem äußerst großzügigen Lehrplan als Denkfehler gelten.
Geffray wirft insbesondere „ultralinken“ Aktivisten vor, die Schülerbewegung gekapert zu haben. Wer auch immer für die Taten verantwortlich ist: Mit einem revolutionären Etikett wird aus einer verbrannten Schule noch keine aufgeklärte Gesellschaft. Und wer im Namen der Jugend handelt, sollte ihr wenigstens das Klassenzimmer lassen.
Für die Regierung wäre es allerdings bequem, nun sämtliche Kritik zusammen mit den Trümmern wegzuräumen. Dann bräuchte sie keine zusätzlichen Lehrer einzustellen, sondern nur schärfere Pressemitteilungen zu verfassen. Solange Eltern klagen, Lehrkräfte warnen und Schüler auf Missstände hinweisen, kann man das Thema offenbar vertagen. Sobald eine Barrikade brennt, findet sich sofort ein Mikrofon. Welch armselige Einladung zur Eskalation.
Eine Demokratie sollte ihre Aufmerksamkeit früher einschalten können.
Die Antwort auf die Schulmisere braucht öffentlichen Druck, friedliche Proteste und Zusagen, an denen man die Verantwortlichen messen kann: besetzte Stellen, finanzierte Sanierungen, verbindliche Termine. Ein Kind hat seine Schulzeit nur einmal. Man kann ihm mit achtzehn schlecht mitteilen, die zuständige Arbeitsgruppe sei jetzt fast so weit.
Als früherer Lehrer schlage ich deshalb eine kleine Prüfung für die politisch Verantwortlichen vor: „Erklären Sie den Unterschied zwischen einer Absichtserklärung und einer besetzten Lehrerstelle.“
Wer die Antwort nicht weiß, darf gern nachsitzen.
Bürgerreporter:in:Didi van Frits aus Hattingen |
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