Gedanken zum späten Abend
Der Meister des leisen Handwerks
- hochgeladen von Winfried Paltian
Es war einmal in einer kleinen, beschaulichen Stadt ein altes Uhrmacheratelier. Der Meister dort verstand sein Handwerk wie kaum ein anderer. Doch seine wertvollste Arbeit machte er nicht am hellen Tag, wenn der Lärm der Straßen durch die Fenster drang. Seine liebste Zeit war die späte Stunde kurz vor Mitternacht.
Wenn das geschäftige Treiben draußen verstummte, setzte sich der alte Meister an seinen Holztisch. Draußen war es still geworden, nur das sanfte, gleichmäßige Ticken von dutzenden feinen Zahnrädern erfüllte den Raum.
Ein junger Lehrling fragte ihn einmal:
„Meister, warum arbeitest du an den feinsten Rädern am liebsten kurz vor Mitternacht?“
Der alte Mann lächelte, legte seine Lupe zur Seite und antwortete:
„Weißt du, mein Junge, tagsüber macht man das Laute und Sichtbare. Aber die wirklich feinen Räder – die, die das Werk im Inneren zusammenhalten und gleichmäßig laufen lassen – die baut man in der Ruhe. Wenn der Lärm des Tages nachlässt, sieht und hört man erst, was wirklich Wert hat.“
Er setzte ein winziges, perfekt geschliffenes Unruh-Rad in die Taschenuhr ein. Das Ticken wurde sofort ruhig, harmonisch und tief.
„So ist es auch mit den eigenen Gedanken“, fuhr der Meister leise fort. „Wenn die Nacht hereinbricht, legt sich der Staub des Tages. Man schaut auf das zurück, was man geschaffen hat, räumt den Werkstatt-Tisch auf und weiß: Das Tagewerk ist vollbracht. Jetzt darf alles ruhen.“
Er löschte die kleine Messinglampe auf dem Tisch. Das sanfte Ticken der Uhren begleitete die Stille, während draußen der Mond die Straßen in ein ruhiges, silbernes Licht tauchte. Alles war an seinem Platz. Der Tag durfte gehen – und die Nacht brachte die wohlverdiente Rast.
Schlaf gut und gute Nacht!
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