Hans-Ulrich Treichels Roman „Das Karussell“
Träne im Augenwinkel

Hans-Ulrich Treichel hat ein großes Herz für Außenseiter, für Figuren, denen im Leben einiges misslungen ist und die sich mit einer Träne im Augenwinkel durch den Alltag bewegen.

Der 74-jährige Schriftsteller, der von 1995 bis 2018 als Professor am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig tätig war, reüssierte in der Vergangenheit mit den Romanen "Der Verlorene" (1998), "Tristanakkord" (2000), "Der irdische Amor" (2002) und „Grunewaldsee“ (2010). In seinem letzten Roman „Schöner denn je“ (2021) stand der von manischen Selbstzweifeln geplagte Großstadtneurotiker Andreas Reiss im Mittelpunkt.
Sein Protagonist Bernhard aus dem neuen Roman „Das Karussell“ befindet sich im Ruhestand, ist geschieden und finanziell abgesichert. Kurz vor seinem 70. Geburtstag beginnt der ehemalige Hochschullehrer für Wirtschafts- und Politikwissenschaft zu grübeln: „Hatte er die letzten Jahre vertrödelt und verbummelt? Die guten letzten Jahre? Jahre, in denen er frei von allen Verpflichtungen, aber noch einigermaßen gesund und beweglich war. Er hatte sich schon länger darauf gefreut, endlich einmal Zeit für sich zu haben und einmal all das tun zu können, wozu er bisher keine Zeit und keine Gelegenheit gehabt hatte. Doch was war das eigentlich? Wofür hatte er keine Zeit gehabt? “
Eine Einladung nach Salerno (60 km südöstlich von Neapel gelegen) bringt die Wende im ziemlich eintönigen Alltag und löst höchst disparate Gefühle aus. Anfang der 1980er Jahre hatte Bernhard in Salerno „Deutsch als Wirtschaftssprache“ unterrichtet und sich dort in Arianna verliebt. Autor Treichel hat selbst an der dortigen Universität als Lektor gearbeitet, kennt die Stadt also aus eigenem Erleben.
Der erste Teil des Romans kreist um die Erinnerungen an Salerno aus den 1980er Jahren, im zweiten Teil folgt Bernhard rund vierzig Jahre später einer Einladung seines ehemaligen Studenten Alfredo nach Salerno. Es werden Erinnerungen an ein Karussell wieder wach, das Alfredo (mit dem er einen lockeren Mail-Kontakt pflegte ) vor der Verschrottung retten will. Ein Kinderkarussell aus dem 19. Jahrhundert mit Pferden, Delphinen, Mond und Kutsche. Es liegt, in Einzelteile verpackt, in einer Lagerhalle.
Träume, Wunschbilder und die latente Hoffnung, Vergangenheit und Gegenwart verbinden zu können, prägen Bernhards Denken und Fühlen. Da ist vor allem die unerwiderte Liebe zur Ingenieurin Arianna, von der er seit seiner Zeit als Dozent in Salerno nichts mehr gehört hatte.
Äußerst behutsam nähert sich Autor Treichel der Figur der verheirateten Arianna und dem symbolträchtigen, defekten Karussell. Treichel lässt es erzählerisch sanft geschehen – ohne jede Hektik, nur Bernhards antriebsloser Zurückhaltung und seiner selbstzufriedenen Mittelmäßigkeit gehorchend.
Das liest sich herrlich melancholisch, ohne jedoch in den Kitsch abzugleiten. Es geht um verpasste Lebenschancen, um ein imaginäres Glück, das sich Bernhard in seinem Kopf auf der Schwelle zwischen Erinnerung und Gegenwart konstruiert hat. „Mal leise und fast unhörbar. Doch gegebenenfalls auch laut und deutlich. Manchmal lärmte es geradezu in seinem Kopf vor lauter Schweigen und Kontaktlosigkeit.“
Hans-Ulrich Treichels Roman präsentiert uns eine fein austarierte „Reise“ ins Innere seines Protagonisten, eine leicht wehmütige Suche eines gealterten Mannes nach sich selbst.
„Dann erblickte er auf dem angrenzenden Gelände: das Karussell. Es stand dort wie selbstverständlich. In aller Ruhe gewissermaßen und im besten Einvernehmen mit sich und der Welt.“ Ein Bild, das zu Tränen rührt.

Hans-Ulrich Treichel: Das Karussell. Roman. Suhrkamp Verlag, Berlin 2026, 203 Seiten, 25 Euro

Bürgerreporter:in:

Peter Mohr

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