Vergessenes Wahrzeichen?
Die wahre Geschichte der Germania von Langendreer

Germania-Rekonstruktion von EGO3D. | Foto: Rechte von EGO3D erhalten.
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Es begann mit einer alten Postkarte.
Ein vergilbtes Stück Geschichte, das mir zufällig in die Hände fiel: Es zeigt eine kolorierte Ansicht des Marktplatzes in Langendreer mit einer mächtigen Statue im Zentrum. Germania, die Personifikation Deutschlands – aufrecht und stolz trägt sie die Kaiserkrone mit Siegeskranz empor. Mit der anderen Hand hält sie das Schwert nach unten – bereit zur Abwehr, falls nötig – aber weder martialisch noch kampflustig. Daneben stehen gepflegte Backstein- und Fachwerkhäuser. Diese Postkarte hatte mich neugierig gemacht. 

Doch im Internet finde ich alte Fotos mit einer merkwürdigen Szene: Die Germania, in der Senkrechten und mit Schnüren an einem Kran hängend, wird von mehreren Männern langsam auf eine Ladefläche gehievt – zum Abtransport. Ich fragte mich: Wo genau stand diese Statue? Und was ist heute noch von ihr übrig?

Es war schon nachmittags, als ich an der Straßenbahnhaltestelle „Langendreer Markt“ ausstieg und über den belebten Parkplatz des Marktes blickte. Ich suchte nach Orientierung – das alte Postkartenmotiv fest im Kopf. Das Gebäude des heutigen „Derpart“-Reisebüros stach mir sofort ins Auge. Tatsächlich hat sich dessen Fassade in all den Jahrzehnten kaum verändert. Rechts daneben jedoch begann das Rätsel. Der Platz, an dem die Germania von Kanonen aus den Einigungskriegen gesäumt wurde, gleicht heute eher einer zugewucherten Denkmalruine – ein Lost Place, mitten im belebten Bochum-Langendreer. Zwischen dichten Büschen und den dunkelgrünen, weit ausladenden Ästen mehrerer Eiben, erkannte ich schemenhaft einen hellen Quader. Ich ging näher heran.

Dort, halb verborgen im Schatten des überwucherten Grüns, lag er: der Sockel der Germania-Statue. Die einstige Pracht war kaum noch zu erahnen. Die vier Figuren, die einst den Sockelfries zierten, wurden beschädigt – ihnen wurden die Köpfe abgeschlagen. An den Stufen spross Gras und zwischen den Fugen wuchs Moos. Der Sockel war feucht und fleckig vom permanenten Schatten der Eiben. Auf dem Stein zeichnete sich ein verblasstes Graffiti ab und die Inschrift war nur noch bruchstückhaft zu entziffern. Irgendjemand hatte sogar eine alte Matratze daneben entsorgt. Die Germania selbst ist vom Marktplatz verschwunden. Die Fläche, die früher mit einer Einfassung aus Stein und einem schmiedeeisernen Zaun versehen war, ist heute Teil eines schmalen Gehwegs. Die Straßenecke wirkt auf einer alten Postkarte sauber, ordentlich und ruhig im Gegensatz zum heutigen hektischen Treiben. Ab und zu hält quietschend die Straßenbahn an der Haltestelle am Markt, Fußgänger überqueren schnellen Schrittes die Straße, dann donnern wieder Autos vorbei – und keiner beachtet das, was einst Mittelpunkt eines ganzen Stadtteils war. Was steckt hinter dieser Statue, deren Überrest heute im Halbschatten der Geschichte vor sich hingammelt?

Am 4. Juli 1886 wurde die Germania-Statue feierlich auf dem Marktplatz in Langendreer enthüllt. Entworfen und ausgeführt vom Bochumer Bildhauer Wilhelm Gardy, war sie ein Denkmal für dreizehn Männer aus Langendreer, die während der Deutschen Einigungskriege ihr Leben verloren. Ein Soldat fiel im Krieg zwischen Preußen und Österreich im Jahr 1866. Die zwölf anderen kamen im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 ums Leben. Damals hatte Frankreich Preußen den Krieg erklärt – ein Krieg, der mit der Niederlage Frankreichs und der Gründung des Deutschen Reiches endete.

Als die Märkische Straßenbahngesellschaft in unmittelbarer Nähe eine zentrale Haltestelle einrichtete, trug diese den Namen „Langendreer Denkmal“. Viele Ausflügler nutzten die Verbindung, um das Denkmal zu besuchen. Die Germania von Langendreer wurde schnell zum identitätsstiftenden Treffpunkt gesellschaftlicher Einheit. Die Langendreer Version lehnte sich bewusst an das große Niederwalddenkmal bei Rüdesheim am Rhein an. Germania – die Allegorie des jungen, geeinten Deutschlands – war in jener Zeit mehr als ein Symbol. Die Langendreer Bürger sahen in ihr einen Ausdruck ihrer eigenen Beteiligung an der Reichsgründung, ihrer Opfer und ihres Stolzes.

Mit dem Sturz der Wilhelminischen Epoche kam auch der Fall der Germania. Nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg begann die langsame Zerstörung eines einst stolzen Symbols. Die erste Attacke kam früh: Während der Novemberrevolution 1918, als auf den Straßen das Chaos tobte und sozialistische Kräfte die Macht ergreifen wollten, traf es die Germania mit brutaler Symbolkraft. Unbekannte schlugen ihr die rechte Hand ab – jene Hand, die einst die Kaiserkrone mit dem Lorbeerkranz hoch in den Himmel hielt. Die Krone verschwand. Als Beute. Die Täter blieben unbekannt. Doch ihr Werk war klar: Der Mythos Germania – entmachtet, entstellt, gedemütigt.

1945. Deutschland liegt in Trümmern. Auch in Langendreer wird geplündert, zertrümmert, entweiht.

Ich stoße im Archiv auf einen nüchternen Nebensatz: „Relief mit dem Langendreerer Wappen von der Rückseite des Germania-Sockels entwendet.“ Kein Täter. Keine Aufklärung. Nur ein weiteres Puzzlestück in der langen Demontage einer Statue, die einst als Symbol des Bürgertums, der Opfer und der Einheit gedacht war.

Was mich bei der Recherche besonders erschütterte, war nicht diese einzelne Tat, sondern das, was danach kam. Es war kein Akt der Wut mehr, sondern ein systematischer Prozess. Mit der Gründung des Langendreer Stadtrats Ende der 1940er-Jahre setzte eine langsame, kalkulierte Auslöschung der Denkmäler vom Typ „preußischer Militarismus“ ein. Ich stieß auf Ratsprotokolle, in denen auffällig oft die Rede davon war, dass beschädigte Denkmäler sich nicht mehr „lohnten“. Man sprach nicht mehr über Restaurierung, sondern nur noch über Entfernung.

Es war ein perfides Spiel: Zuerst wurden die Statuen im Schutz der Dunkelheit verstümmelt. Köpfe, Hände, Insignien – alles, was das Symbol stark machte, wurde abgebrochen oder abgeschlagen. Danach stellten politische Vertreter scheinheilige Anträge. In den Begründungen hieß es stets, der Zustand der Denkmäler sei zu schlecht, eine Sanierung sei unverhältnismäßig. So wurde Zerstörung zur Legitimation.

Die Germania blieb davon nicht verschont. Zwischen 1951 und 1981 wurde ihre Restaurierung immer wieder vertagt. Nicht vergessen – sondern bewusst ignoriert. Wind und Wetter nagten an ihr. Der saure Regen von Jahrzehnten fraß sich in den Stein. Ihr Gesicht verwitterte, der Brustpanzer begann zu bröckeln. Ein Denkmal stirbt langsam – durch Abwarten und Verfall. Aber es ist kein Zufall. Es ist Absicht.

Ich begann meine Nachforschungen im Bochumer Stadtarchiv. Ich wollte wissen, wann genau das Schicksal der Germania besiegelt wurde. Was ich dort fand, war aufschlussreich – und schockierend.

Offiziell hieß es, es gehe um eine Neugestaltung des Marktplatzes. Man sprach von einer Ruhezone mit Parkbänken. Federführend war der SPD-Kommunalpolitiker Norbert Busche (✝ 2015). Ihm zur Seite stand Verwaltungsstellenleiter Horst-Dieter Kuligga. Doch hinter dem harmlosen Vorhaben verbarg sich etwas anderes. Der eigentliche Plan war die Entfernung der Germania vom Sockel.

Im Mai 1981 fasste die Bezirksvertretung Bochum-Ost einen Beschluss, der noch heute Gültigkeit hat. Die Statue sollte „schnellstmöglich“ ins Stadtarchiv gebracht werden. Offiziell lautete die Begründung, man wolle sie vor Witterung und weiterer Beschädigung schützen. Doch bei genauerem Hinsehen entlarvte sich dieser Schritt als Vorwand.

Denn derselbe Beschluss enthielt auch eine klare Auflage in Ziffer 4: Die Statue sollte nach erfolgter Restaurierung wieder an ihren ursprünglichen Platz zurückkehren. Der Wiedereinbau war ausdrücklich in Ziffer 5 vorgesehen. Allerdings erst, nachdem der Marktplatz umgestaltet worden war.

Ich suchte tiefer. Was wäre nötig gewesen, um die Germania zu retten? Die Antwort war schlicht: Eine gründliche Reinigung und eine konservierende Behandlung. Das wäre technisch machbar und finanziell tragbar gewesen. Dennoch erklärte die SPD-Fraktion in mehreren Sitzungen, dass eine Konservierung „unter keinen Umständen“ stattfinden solle. Die Statue sei nicht erhaltenswert.

Der Ton wurde rauer. Kulturdezernent Dr. Ronte ließ keinen Zweifel an seiner Haltung. In einer Sitzung sagte er unverblümt: „Die lädierte Dame muss weg.“ Das war kein technisches Urteil. Es war ein politisches Signal.

Doch es regte sich Widerstand. Die Junge Union stellte sich quer. Der CDU-Politiker und Heimatforscher Clemens Kreuzer widersprach der Einschätzung der SPD. Der Zustand der Statue sei keinesfalls ein Argument gegen ihre Erhaltung. Im Gegenteil. Auch der Stadtarchivar Dr. Wagner und der Museumsleiter Dr. Jellinek hielten einen Erhalt am Standort für möglich. Beide betonten, dass der Sockel und die Statue unter Schutz gestellt werden könnten. Das wäre rechtlich durch das Denkmalschutzgesetz gedeckt gewesen.

Was mich dabei besonders irritierte: All diese Fachmeinungen wurden ignoriert. Der Wille zur Entfernung stand offenbar längst fest. Die Argumente der Denkmalpfleger wurden beiseitegeschoben. Die Entscheidung war gefallen. Man wollte die Germania nicht retten. Man wollte sie loswerden.

Im Archiv stieß ich auf die entscheidende Passage. SPD-Fraktionschef Norbert Busche hatte im Stadtrat erklärt, es gebe keinerlei öffentliche Unterstützung für den Erhalt der Germania. Die Bevölkerung interessiere sich nicht mehr für dieses Denkmal. Es klang überzeugend. Fast zu glatt.

Doch kurz darauf kam es zu einer Reaktion, mit der Busche nicht gerechnet hatte. Die Junge Union legte eine Unterschriftenliste vor. 720 Menschen hatten unterzeichnet. Sie forderten, die Germania zu erhalten.

Busche schlug sofort zurück. Er warf den Initiatoren vor, ein Teil der Unterschriften sei gefälscht worden. So sollte das Engagement der Bürger delegitimiert und ins Zwielicht gerückt werden. Es wurde öffentlich, dass vier Einträge tatsächlich fehlerhaft waren. Doch statt das demokratische Signal anzuerkennen, wurde die gesamte Liste diskreditiert.

Die Debatte eskalierte. Die Junge Union warf dem damaligen Bezirksvorsteher Dr. Heinemann vor, seine Neutralität aufgegeben zu haben. Man warf ihm Parteinahme für den Abriss vor. Die Atmosphäre war vergiftet.

Dann kam der November 1981. In einer Nacht, ohne große Vorankündigung, rückte eine Dortmunder Firma an. Ein Spezialkran wurde aufgebaut. Innerhalb von neunzig Minuten war die Germania verschwunden.

Ich habe den Ablauf rekonstruiert. Beim Abheben und Kippen der Statue entstanden neue Schäden. Das Fundament bekam Risse. Die Statue selbst war nicht gesichert. Nur eine letzte Kontrolle der Vertäuung verhinderte, dass sie ihren Kopf verlor. Der Abtransport glich einer überhasteten Bergung. Doch geplant war er längst.

Dieser Moment war nicht einfach ein technischer Vorgang. Es war ein symbolischer Schnitt. Die Germania wurde von ihrem Platz entfernt. Schnell, still und endgültig. Für viele wirkte es wie ein heimlicher Sieg über ein missliebiges Denkmal. Für andere war es ein Schlag gegen Erinnerung und Geschichte.

Was bleibt, ist die Frage: Warum diese Eile? Warum dieser Aufwand – wenn angeblich niemand mehr an ihr hing?

Ich las das Protokoll der entscheidenden Sitzung. Es war die Ratsdebatte, die über das Schicksal der Germania entschied. Norbert Busche, SPD-Fraktionsvorsitzender, spielte plötzlich eine andere Karte. Noch wenige Wochen zuvor hatte man behauptet, die Statue sei unrettbar. Jetzt war die offizielle Begründung eine ganz andere. Man wolle Geld sparen.

Es ginge nicht mehr um Erinnerung. Nicht um Ideologie. Nicht um Erhalt oder Abriss. Nur noch um Kosten.

Doch ich hatte die Zahlen. Und sie erzählten eine andere Geschichte.

Clemens Kreuzer, CDU-Politiker und Heimatforscher, konfrontierte den Rat mit konkreten Berechnungen. Eine Konservierung der Statue direkt vor Ort hätte weniger als 2.000 D-Mark gekostet. Der Abtransport per Spezialkran, das Zwischenlagern und eine mögliche Rückführung hingegen lagen zwischen 12.000 und 13.000 D-Mark. Es war ein Schildbürgerstreich. Teurer Abriss statt günstiger Pflege. Kreuzer sprach es offen aus.

Trotzdem versprach Busche, die Germania solle eines Tages zurückkehren. Sobald das Geld da sei, werde man sie restaurieren und wieder auf den Sockel stellen. Ein Satz, der wie ein Kompromiss klang. Doch ich hatte Zweifel.

Also recherchierte ich weiter. Ich fand ein internes Gutachten, das zu diesem Zeitpunkt bereits vorlag. Es bestätigte, dass die Restaurierung teurer werden würde als zunächst angenommen. Das Gutachten war dem Fraktionsvorsitzenden bekannt. Dennoch hatte er öffentlich Hoffnung gemacht. Das Versprechen war nichts weiter als eine Beruhigungspille für Kritiker.

Und noch etwas fand ich: eine „Mitteilung der Verwaltung“ vom 2. Juli 1981. Sie enthielt einen bemerkenswerten Hinweis. Das Westfälische Amt für Denkmalpflege hatte bereits im April desselben Jahres empfohlen, die Germania unter Schutz zu stellen. Paragraf 4 des Nordrhein-Westfälischen Denkmalschutzgesetzes sah diese Möglichkeit ausdrücklich vor. Es handelte sich um ein Baudenkmal mit „örtlicher Bedeutung“.

Ich fragte bei der Unteren Denkmalbehörde Bochum nach. Die Antwort war ernüchternd. Weder die Statue noch ihr Sockel wurden je unter Denkmalschutz gestellt. Der Beschluss wurde schlicht ignoriert. Man wusste genau, was das bedeutet hätte. Eine Unterschutzstellung hätte den Abbau rechtlich blockiert.

Für mich steht fest: Der Abriss war politisch gewollt. Die Zahlen wurden verdreht, die Verantwortung verschoben, die Fakten ignoriert. Die Germania sollte verschwinden. Und das Denkmalrecht stand dabei nur im Weg.

Ich wollte wissen, wo sie geblieben ist. Die einst stolze Germania, Sinnbild bürgerlicher Erinnerungskultur. Seit 2007 fristet sie ihr Dasein im Foyer des Stadtmuseums Bochum. Nicht aufrecht und frei, sondern entmachtet. Zwischen Broschürenständern und hämischen Erklär-Tafeln. Wer kommt, läuft an ihr vorbei. Manchmal bleibt jemand stehen. Die meisten tun es nicht.

Doch das ist nur das Ende ihrer Reise. Ich habe die Spuren zurückverfolgt.

Nach dem Abtransport 1981 verschwand die Germania aus dem öffentlichen Raum. Doch sie wurde nicht vergessen. Man stellte sie aus. Nicht als Denkmal, sondern als Projektionsfläche. Für politische Botschaften, für fragwürdige Kunstaktionen. Immer wieder. Immer radikaler.

1983 war sie plötzlich Teil einer Ausstellung mit dem Titel „Hakenkreuz über Bochum“. Thema: die nationalsozialistische Machtergreifung. Die Statue wurde zur stummen Statistin in einem Szenario, das nichts mit ihr zu tun hatte. Die Botschaft war klar: Germania war hier nicht mehr Objekt des Gedenkens, sondern Symbol staatlicher Verirrung. Ihre ursprüngliche Bedeutung wurde ausgeblendet.

1987 folgte der nächste Schlag. Die Ausstellung hieß „Vom Trümmerfeld ins Wirtschaftswunderland“. Wieder wurde die Statue zweckentfremdet. Diesmal als „Dokument der schädlichen Umwelteinflüsse“. Ich starrte ungläubig auf das Ausstellungsmotiv. Germania mit verbundenen Augen. Blut tropfte von ihrem Schwert. Die Tropfen flossen in knallbunt bemalte Giftfässer mit der Aufschrift „Seveso“. Die Germania wurde zum Sündenbock gemacht. Sie wurde symbolisch entstellt, funktional missbraucht. Ihre Geschichte wurde neu geschrieben, ohne sie je erzählen zu wollen.

Ich suchte nach Reaktionen. Die Kyffhäuser-Kameradschaft Langendreer hatte protestiert. Ihr Argument war simpel. Es gebe keinen historischen Zusammenhang zwischen dem Chemieunfall in Seveso und einer Statue aus dem Jahr 1886. Der Ausstellungsleiter Dr. Enno Neumann (✝ 2019) reagierte mit Hohn. Er erklärte sinngemäß, die Kameradschaft habe der Germania mehr geschadet, indem sie jahrelang mit ihren Autos am Denkmal vorbeigefahren sei. So einfach ließ sich ein ernst gemeinter Einwand abservieren. Mit Spott statt Argumenten.

Mich ließ dieser Zynismus nicht los. Jahre später, 2019, erfuhr ich, dass Neumann ein entscheidendes Detail zurückgehalten hatte. Er besaß eine Fotografie. Diese Aufnahme war der Schlüssel zu jeder möglichen Rekonstruktion. Doch sie lag in seinem Privatarchiv. Niemandem zugänglich. Niemandem bekannt.

Warum hat er das Bild zurückgehalten? Aus Vergessen? Aus Absicht? Ich kann es nicht beweisen. Aber ich kann sagen, was dieses Bild zeigt. Es zeigt, dass die Germania von Langendreer mit der berühmten Niederwald-Germania fast identisch war. Das Gesicht, die Haltung, die Symbolik – alles war Teil eines bewussten kulturellen Zitats. Ein Ausdruck von Einheit, nicht von Überheblichkeit.

Heute steht sie unter künstlichem Licht. Ohne Sockel. Ohne Kontext. Und ohne Würde.

Aber das war kein Versehen.

Das war Strategie.

Fazit: Die wahre Gefahr

Am Ende meiner Recherche stellte sich mir eine einfache Frage: Was war eigentlich so gefährlich an dieser Statue? Warum wollte man sie zerstören? Warum wurde sie über Jahrzehnte ignoriert, beschädigt, instrumentalisiert?

Die Antwort ist so einfach wie unbequem: Nichts an der Germania war gefährlich. Gefährlich war nur, was man in sie hineinprojizieren wollte.

Die Statue prägte das Ortsbild von Langendreer über Generationen. Sie war Treffpunkt, Orientierung, Ort des Gedenkens. Jugendgruppen trafen sich dort. Vereine feierten dort. Für viele war sie selbstverständlich. Bis sie es plötzlich nicht mehr war.

Was hatte sich verändert?

Ich fand einen möglichen Auslöser in einem Buch von 1973. Es war Zufall, dass ich es in die Hand nahm. Der Titel lautete „Das Deutsche Kaiserreich 1871–1918“. Der Autor war Hans-Ulrich Wehler. Ein Name, der bis heute Debatten prägt. Wehler hatte eine These, die viel Einfluss gewann. Die Rede ist vom sogenannten „Deutschen Sonderweg“. Sein Argument lautete, der preußische Nationalstaat sei nicht normal gewesen. Er habe zwangsläufig in den Nationalsozialismus geführt.

Diese These wurde zur Waffe. Alles, was an das Kaiserreich erinnerte, stand plötzlich unter Verdacht. Auch Denkmäler wie die Germania. Plötzlich galt sie nicht mehr als Ort der Trauer, sondern als Vorläufer politischer Verirrung. Der Zusammenhang war konstruiert. Aber er wirkte.

Ich las weiter. Wehler stellte viele Thesen auf. Doch er lieferte keine Antworten. Was genau wäre denn ein „normaler“ Weg gewesen? Welcher Maßstab soll gelten? Wer legt fest, welche Erinnerung legitim ist? Ich fand keine Klarheit, nur Interpretationen.

Wehlers Theorie wurde benutzt. Sie bot die perfekte Legitimation, um historische Spuren zu tilgen. Wer sie verteidigte, galt als reaktionär. Wer sie hinterfragte, als geschichtsvergessen. Die Debatte war nicht mehr offen. Sie war moralisch aufgeladen. Und sie hatte Folgen.

Ich ertappte mich bei einem Gedanken. Man sollte Wehlers Bücher einstampfen. Aus den Regalen nehmen. Vergessen machen. Doch dann wurde mir klar: Das wäre dieselbe Methode, die ich kritisiere. Nicht das Vergessen hilft. Nur das Verstehen.

Die These vom „Sonderweg“ muss nicht unterdrückt werden. Sie muss widerlegt werden. Und sie wird widerlegt.

Ich fand einen Text, der das tat. In einem alten „Spiegel Special Geschichte Nr. 3/2007“ zum Thema Preußen wurde der renommierte Historiker Christopher Clark interviewt. Seine Analyse war klar: Preußen und der Nationalsozialismus stünden in einem absoluten Gegensatz! Zwischen den beiden Weltkriegen sei Preußen ein Bollwerk der Demokratie gewesen. Mit einem sozialdemokratischen Ministerpräsidenten: Otto Braun.

Was für ein Kontrast!

Je länger ich recherchierte, desto klarer wurde mir: Nicht die Germania ist das Problem. Die eigentliche Bedrohung für unsere Demokratie ist nicht die Statue aus Stein. Es ist die Haltung, die Geschichte nur noch als Last sieht und Erinnerung am liebsten ausradieren möchte. Wer Denkmäler entfernt, schafft keine gerechtere Welt. Er schafft nur ein leeres Fundament. Man nennt es heute „Cancel Culture“. Ich nenne es das Gegenteil von historischer Verantwortung. Geschichte lässt sich nicht aufarbeiten, indem man sie verdrängt. Und Erinnerung lässt sich nicht bewahren, wenn man ihre Symbole zerstört.

Die Germania von Langendreer gehört zur historischen Identität dieses Ortes. Sie ist Teil unserer Erinnerungskultur. Und sie war über Jahrzehnte selbstverständlicher Bestandteil des öffentlichen Raums. Generationen von Bürgern kannten sie, gingen an ihr vorbei, trafen sich unter ihr, legten Kränze nieder, erinnerten sich.

Ich habe viele Argumente gegen das Denkmal gelesen. Fast alle beruhen auf moralischer Umwertung. Natürlich spricht die Germania nicht mehr unsere heutige Bildsprache. Sie stammt aus einer anderen Zeit, einem anderen politischen Denken. Aber gerade deshalb hat sie einen Wert. Sie zeigt, wie Menschen damals fühlten. Wie sie dachten. Wie sie gedenken wollten. Wer sie mit heutigen Maßstäben verurteilt, blendet ihren historischen Kontext aus. Und damit ihre eigentliche Aussage.

Die Germania-Statue war nie Ausdruck von Kriegslüsternheit oder nationalistischer Überheblichkeit. Sie war ein Zeichen von lokaler Trauer, gesellschaftlichem Zusammenhalt und bürgerlicher Erinnerung. Ihr Wesen war defensiv, nicht aggressiv. Ihr Schwert war gesenkt, ihr Blick ging nicht nach vorn in den Krieg. Er ging zurück auf Verluste, auf Trauer, auf Opfer. Sie war ein Ort für Menschen, die ihre Gefallenen ehren wollten. Nicht um Krieg zu verherrlichen, sondern zu verarbeiten. Die Statue ist vielmehr örtlicher Ausdruck des politischen Denkens und Fühlens einer geschichtlichen Epoche.

Wer solche Zeugnisse tilgt, im Namen der politischen Korrektheit, löscht nicht nur Stein. Er reißt Erinnerung aus dem Gedächtnis. Und er stellt an ihre Stelle nichts als Leere. Es ist ein stiller, schleichender Prozess. Aber er hat dieselbe Wirkung wie ein radikaler Umsturz. Erinnerung verschwindet. Geschichte wird fragmentiert.

Im „Wörterbuch der Völkerkunde“ fand ich den Begriff, der genau das beschreibt: kultureller Ethnozid. Gemeint ist damit die gezielte Auslöschung kultureller Identität. Aber ohne Vergangenheit fehlt jede Grundlage, um die Gegenwart zu verstehen. Wer keine historischen Maßstäbe mehr kennt, ist anfällig für jede totalitäre Ideologie, die sich gerade anbietet. Und das ist die wahre Gefahr.

Wir leben in einer Zeit, in der vieles global geworden ist. Umso mehr brauchen wir die verankernde Kraft von Erinnerungskultur und keine künstlich moralisch gereinigten Kulissen, sondern ehrliche Zeugnisse der Vergangenheit. Sie stiftet Identität. Sie gibt Halt. Und sie schützt uns davor, im Jetzt die Orientierung zu verlieren. Nur so kann man verstehen. Nur so kann man einordnen.

Ein verantwortungsvoller Umgang mit Geschichte bedeutet nicht ihre Entfernung. Er bedeutet ihre kritische, aber respektvolle Präsenz im öffentlichen Raum. Der getrennte Zustand von Sockel und Statue nimmt dem Denkmal seine Aussage. Die Statue ohne Kontext der Namen der Gefallenen ist bedeutungslos. Erst gemeinsam entfalten sie Bedeutung.

Eine Wiederherstellung wäre kein Rückschritt. Sie wäre ein Zeichen. Ein Signal, dass Erinnerung nicht verhandelbar ist. Sie könnte ein Ort der Versöhnung werden. Vielleicht sogar ein Ort, an dem Vertreter französischer und deutscher Städte gemeinsam Kränze niederlegen. Nicht um einen Krieg zu ehren. Sondern um dem Frieden zu gedenken, der daraus erwachsen ist. Die „Friedenszeit des Kaiserreichs“ von 1871 bis 1914 betrug 43 Jahre, davon 33 „wilhelminische“ Friedensjahre. Auch darüber wird geschwiegen.

Ein Gedanke blieb mir am Ende meiner Recherche besonders haften. Im öffentlichen Raum fehlt es an weiblichen Figuren. Es gibt kaum Plastiken, die Frauen würdevoll darstellen. Die Germania könnte diese Lücke füllen. Nicht als Kriegsfigur. Sondern als Mahnmal. Als stille Zeugin einer Zeit, die nicht verdrängt, sondern verstanden werden muss.

Nicht die Statue ist die Gefahr. Sondern das Vergessen.

Die Erinnerungswende

Lange war es still um die Germania von Langendreer. Jahrzehnte vergingen. Die Statue war aus dem Blick verschwunden. Der Sockel war verwildert, das Thema verdrängt. Doch jetzt kommt Bewegung in die Sache.

Ein Gutachten liegt vor. Erstellt von unabhängigen Historikern des Westfälischen Geschichtsvereins. Ihre Analyse ist eindeutig: Die Rekonstruktion der Statue sei nicht nur denkmalpflegerisch gerechtfertigt. Sie sei auch gesellschaftlich wünschenswert. Als Zeichen von historischer Kontinuität. Als Ausdruck von kulturellem Selbstverständnis. Und als gelebte Demokratie im besten Sinne.

Ich blätterte zurück. Noch einmal las ich den zentralen Satz. Er blieb hängen:

„Die Germania von Langendreer ist weder ein Denkmal des Militarismus noch ein Relikt veralteter Ideologie. Sie ist Ausdruck einer bürgerlichen Erinnerungskultur, die ihren Gefallenen würdevoll gedenken wollte.“

Diese Sätze stellen vieles infrage. Sie rücken das Bild gerade, das über Jahre verzerrt worden war.

Doch das Gutachten bleibt nicht bei der Theorie. Es geht einen Schritt weiter. Der Westfälische Geschichtsverein will handeln. Er plant eine Bürgerinitiative. Und ein Bürgerbegehren.

Auf dem noch erhaltenen Sockel soll eine neue Germania errichtet werden. Eine Kopie, aber historisch fundiert. Der Sockel soll seine ursprüngliche Funktion zurückerhalten. Das Ensemble würde den Marktplatz aufwerten. Es würde ihm Würde zurückgeben. Und ein Zeichen setzen. Für Erinnerung. Für Identität. Für eine ehrliche Auseinandersetzung mit Geschichte.

Ich spürte beim Lesen, dass hier mehr als ein Denkmal auf dem Spiel steht. Es geht um die Frage, wie wir mit unserer Geschichte umgehen. Verdrängen wir sie? Oder geben wir ihr Raum?

Jetzt entscheidet nicht der Stadtrat allein. Jetzt entscheidet die Stadtgesellschaft.

Wer das Projekt unterstützen möchte, kann sich direkt an den Geschichtsverein wenden. Die Initiatoren haben eine Kontaktadresse eingerichtet: germaniabo@gmail.com.

Florian S.

Bürgerreporter:in:

Florian S.

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