Noch immer nicht Wirklichkeit
Deutschland einig Vaterland
Gestern traf ich eine Wirtschaftshistorikerin der ehemaligen DDR, Jahrgang 1962.
Auf meine Frage, ob sie Stasi-Kontakte gehabt habe, antwortete sie, nein, man habe sie nicht mal gefragt.
Es ist eher wahrscheinlich, dass sie gelogen hat, es ist eher wahrscheinlich, dass sie es nicht geschafft hat, ehrlich zu werden.
Im Büro musste ich erleben, wie ein Brandenburger Kollege, der weit vor dem Mauerfall geboren wurde eine Westperson, die sich nicht klar in das Mann-Frau-Schema einordnen ließ in der Probezeit so hart gemobbt hat, dass sie gerade mal zwei Wochen durchgehalten hat.
„Individualismus“ hatte es schwer in der DDR.
Mein Vater war ein sehr hoher deutscher Beamter, selbstständig hatte mich die Stasi von kleinauf unter Beobachtung.
Mir wurde davon abgeraten, meine Autobiografie zu schreiben, weil ich reihenweise Agenten auffliegen lassen würde.
Ich schreibe an dieser Stelle deshalb besser nicht weiter über meine Vergangenheit.
Einer meiner Werte ist Toleranz.
Man darf in diesem schönen Lande homosexuell leben. Sexualität ist Privatsache.
Im Erzkatholischen Polen haben es bekennende Homosexuelle sehr, sehr schwer. Es ist ein offenes Geheimnis, dass Papst Franzikus, Gott hab ihn seelig, sich bei ihnen im Namen der Kirche eigentlich entschuldigen wollte wegen all der Unterdrückung, die sie ihnen im Laufe der Geschichte angetan hat.
Es macht mich fassungslos wie dämlich sich grobe Erwachsenen auch heute noch verhalten.
Es galt nach dem zweiten Weltkrieg, und es galt auch nach dem Ende der DDR.
„Ihr werdet nicht mehr nach Eurer Vergangenheit befragt, arbeitet jetzt an einer guten Gegenwart und Zukunft.“
Die Wirtschaftshistorikerin, die ich gestern traf, hat ganz offensichtlich diese Chance nicht wahrgenommen.
Es sollte nicht so sein, aber es wird noch sehr, sehr lange dauern, bis die alten Wunden zwischen Ost und West verheilt sind.
So sehe ich es.
Bürgerreporter:in:Lorenz George aus Berlin |
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