Buchbesprechung
Hugo Marcus - ein vergessener Autor?
Wolfram Setz (Hrsg.): Hugo Marcus Einer sucht den Freund und andere Texte Ein Lesebuch; Männerschwarm - Verlag Berlin 2022; 480 seiten, ISBN: 978-3-86300-080-6
Mit Magnus Hirscheld spazierte er durch den Tiergarten, mit Kurt Hiller war er über Jahrzehnte hinweg (eng?) befreundet. Aus einer jüdischen Industriellenfamilie in Posen stammend, studierte Marcus (1880 - 1966) in Berlin Philosophie, konvertierte Anfang der 1920er Jahre zum Islam (ohne jemals aus der jüdischen Kultusgemeinde auszutreten) und wirkte an der ersten Koran-Übersetzung ins Deutsche von mohammedanischer Seite mit
Die Nationalsozialisten stempelten ihn weiterhin als Juden ab. Im Jahre 1939 gelang ihm die Ausreise in die Schweiz, wo er weiterhin journalistisch und publizistisch tätig war und dann in Basel verstorben ist.
Hier sind alle wichtigen literarischen Werke von Marcus, der auch den Vornamen "Hamid" führte, vertreten. Der titelgebende Text dieser Anthologie ("Einer sucht den Freund") stammt dem Jahre 1961, Der Sekundärliteratur zufolge "kreist seine Arbeit um ein zentrales Thema: die Sehnsucht nach dem Freund und die (Un-)Möglichkeit, wahre Freundschaft zu leben."
Auch Hans Alienus, das alter ego, der Künstlername von Marcus, ist in diesem Buch vertreten.
Dies ist Band 80 der "Bibliothek rosa Winkel".
Er beginnt mit einer umfangreichen Einleitung. Darin wird der Lebenslauf von Marcus beschrieben, als Publizist, Schriftsteller, als jüdischer Muselmane / muslimischer Jude, und Homosexueller. Die Herangehensweise ist literaturwissenschaftlich - das aktive Liebesleben des Menschen Hugo Marcus bleibt Außen vor, sein gesellschaftliches Engagement zu diesem Thema steht im Vordergrund.
Dann folgt der umfangreiche literarische Teil. Hier gibt es keine spannenden Abenteuerromanbe. DIe Stärke von Marcus liegt woanders - in der Moral, Ethik und Religion. Der Leser braucht schon seine Zeit, um sich in die Aussagen einzuarbeiten und auf sich wirken zu lassen. Es würde zu weit führen, hier jeden abgedruckten Text einzeln vorzustellen und zu besprechen. Das können ausgebildete, studierte Literaturwissenschaftler eh' besser.
Man kann Marcus als Wanderer zwischen den Welten bezeichnen. Was (und vor allem: wer) ist er? Viel Naivität, viel Gutgläubigkeit ist zu spüren, wenn Marcus seinen Übertritt zum Islam begründet und rechtfertigt. Der Islam rechtfertigt es beispielsweise bestimmt nicht, daß man / Mann mannmännerliebend seinen Samen verschleudert.
Hugo "Hamid" Marcus ist heute der Vergessenheit anheimgefallen. Ob der gleich doppelte Außenseiter, religiös wie sexuell, wiederentdeckt gehört, kann ja jeder Leser selbst entscheiden.
Bürgerreporter:in:Andreas Rüdig aus Duisburg |
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