Die Sprache des Herzens
Wie mehrere Sprachen das Gehirn unserer Kinder beflügeln

Symbolbild | Foto: KI-generiert
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Die Angst, das eigene Kind mit zwei oder sogar drei Sprachen zu überfordern, ist längst vom Tisch. Das Gehirn von Kindern ist ein wahres Entwicklungswunder. Die entscheidende Frage für Eltern lautet deshalb nicht, welche Sprache später im Beruf am meisten bringt, sondern in welcher Sprache das eigene Herz schlägt. Wer mit seinem Kind in der Sprache spricht, in der er sich selbst am wohlsten fühlt und sie einwandfrei beherrscht, legt das stabilste Fundament. Nur so lassen sich feine Gefühle und Nuancen ohne Barriere weitergeben.

Allerdings gilt hier ein wichtiges Aber, auf das die Logopädin Erika Lenker-Sommer eindringlich verweist: Die Herzenssprache sollte nur dann gewählt werden, wenn man die jeweilige Sprache auch wirklich nahezu perfekt beherrscht. Wer seine eigene Muttersprache nur unvollständig spricht oder sie innerlich ablehnt, sollte sie dem Kind nicht anbieten. Kleine grammatikalische Unebenheiten bügeln Kinder im Alltag zwar oft von ganz alleine aus, aber wenn Eltern eine Sprache nur holprig sprechen, geht das intuitive Gefühl verloren und das Kind übernimmt unbewusst eine falsche Grammatik.

Damit der mehrsprachige Alltag funktioniert, braucht es Struktur. Ein klassischer Weg ist das Prinzip Eine Person, eine Sprache. Hier spricht die Mama zum Beispiel nur Griechisch und der Papa nur Deutsch. Das Kind verknüpft die Sprache blitzschnell mit den Eltern und weiß genau, mit wem es wie reden muss. Ein anderes Modell ist die Familiensprache. Leben etwa zwei italienische Eltern in Deutschland, wird zu Hause konsequent Italienisch gesprochen, während das Kind Deutsch ganz von alleine und problemlos im Kindergarten lernt.

Erika Lenker-Sommer rät in der Praxis bei Mehrsprachigkeit zu einer kombinierten Struktur, bei der jedes Elternteil jeweils eine eigene Sprache abdeckt und zusätzlich eine gemeinsame Familiensprache gelebt wird. Selbst die Königsdisziplin mit drei Sprachen ist für Kinder absolut machbar. Das Gehirn öffnet dafür keine getrennten Schubladen, sondern baut ein großes, schlaues Netzwerk auf. Die einzige wichtige Zutat ist Zeit. Das Kind sollte jede der drei Sprachen zu etwa einem Drittel seiner wachen Zeit aktiv hören und sprechen, damit es sie am Ende auch wirklich selbst nutzt und nicht nur passiv versteht.

Der anfängliche Spagat im Alltag lohnt sich langfristig, denn Mehrsprachigkeit ist wie ein lebenslanges Fitnessstudio für den Kopf, auch wenn nicht jedes Kind gleich reagiert und es bei manchen einfach etwas eher fruchtet als bei anderen. Kinder, die mehrsprachig aufwachsen, entwickeln ein viel größeres Portfolio und Wissen darüber, wie Sprache aufgebaut ist und wie grammatikalische Strukturen verlaufen. Zudem wächst durch den permanenten Wechsel die Empathie, weil Sprache auch immer Kultur, Werte und Haltungen transportiert. Im Japanischen würde man beispielsweise aus Höflichkeit nie direkt sagen, dass einem etwas nicht gefällt. Mehrsprachige Kinder lernen diesen Perspektivenwechsel von klein auf und begreifen schon mit etwa drei Jahren, dass Menschen unterschiedliche Sichtweisen haben. Sie wissen genau, dass die Oma sie nicht versteht, wenn sie Deutsch reden, und wechseln ganz automatisch die Perspektive, was ihnen eine enorme soziale Kompetenz für das spätere Leben schenkt.

Um diese Entwicklung im Alltag wirklich effektiv zu fördern, müssen Eltern jedoch eine Sache verinnerlichen: Fernsehen, Tablets und digitale Medien können das echte Gegenüber bei der Sprachentwicklung auf keinen Fall ersetzen. Für den Spracherwerb braucht das Kind ein klares Gegenüber. Die Sprachentwicklung sinkt stark, wenn Kinder zu viel Zeit vor Bildschirmen verbringen, da dadurch auch die Konzentrationsfähigkeit massiv leidet. Ein vierjähriges Kind sollte daher auf keinen Fall länger als 20 Minuten am Tag vor einem Medium sitzen, wobei Experten vor dem sechsten Lebensjahr eigentlich sogar zu einer komplett medienfreien Zeit raten.

Stattdessen gelingt die beste Förderung durch viel gemeinsame Zeit, echtes Miteinander im Alltag und ganz viel Bewegung. Gemeinsames Kochen, Ausflüge in den Wald oder in den Tiergarten bieten den perfekten Rahmen, um im ständigen Dialog zu bleiben. Das persönliche Vorlesen sollte immer im Vordergrund zur digitalen Mediennutzung stehen, genauso wie das gemeinsame Singen, Reimen, Klatschen und Tanzen. Solange sich das Elternteil in der Sprache sicher fühlt, ist dieses spielerische Miteinander der beste Motor für den Geist. Ein echter Gewinn sind zudem frühe soziale Kontakte im Sportverein oder im Austausch mit Freunden, die die Zielsprache sprechen. Ganz nebenbei hört das Kind so eine korrekte Grammatik, erweitert seinen Wortschatz und verankert die Sprache tief im echten Leben.

Oft entstehen im Alltag unbegründete Sorgen, wenn Kinder plötzlich Sätze bauen, in denen die Sprachen bunt gemischt werden. Experten geben hier völlig Entwarnung, denn dieses sogenannte Code-Switching ist kein Zeichen von Verwirrung, sondern im Gegenteil ein Beweis für enorme geistige Effizienz. Das Kind greift in diesem Moment einfach nach dem am schnellsten verfügbaren Wort aus seinem gesamten Wortschatz, um sich präzise auszudrücken. Mit der Zeit sortiert sich dieses anfängliche Sprachchaos im Kopf ganz von alleine.

Symbolbild | Foto: KI-generiert
Sprache von Anfang an fördern: Logopädin Erika Lenker-Sommer (Praxis am Maffeiplatz) weiß, wie wichtig spielerische Alltagsintegration und emotionale Verbindung für den kindlichen Spracherwerb sind. | Foto: Erika Lenker-Sommer
Bürgerreporter:in:

myheimat Redaktionsteam aus Augsburg

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