Wuppertal kathol. Kloster-Kita
Meine Kindergärtnerin Schwester Ancilla
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Ich bin achtzig Jahre alt und weiß noch immer, wie meine Kindergärtnerin hieß: Schwester Ancilla. Fünfundsiebzig Jahre sind vergangen. Der Name ist geblieben. Manches, was später sehr wichtig auftrat, ist längst aus meinem Gedächtnis verschwunden. Aber diese Frau hat dort noch ihren Platz. Sie war eine katholische Nonne und sah in ihrem Ordensgewand aus wie ein Pinguin. Auch heute mag ich diesen Vergleich. Er holt sie aus der feierlichen Ferne zurück in die kleine Welt eines Kindes. Schwester Ancilla: ein schwarz-weißer Pinguin in Wuppertal, der eines Tages mit mir zur Äbtissin ging.
Unser Kindergarten lag an der Briller Straße. Als Fünfjähriger erhielt ich die Ehre, Schwester Ancilla ganz allein bei diesem Besuch zu begleiten. Eine Audienz, könnte man sagen. Die 90-jährige, erblindete Äbtissin saß am hinteren Ende eines langen, sehr dunklen Raumes auf einem erhöhten Holzthron. Für einen kleinen Jungen muss schon der Weg durch diesen Raum beträchtlich gewesen sein. Erwachsene haben ja ohnehin die Angewohnheit, in einer Höhe zu leben, zu der Kinder erst hinaufwachsen müssen. Ich durfte herantreten. Die Äbtissin legte ihre Hände segnend auf meinen Kopf.
Wenn ich heute daran denke, sehe ich diesen kleinen Jungen vor dem Holzthron stehen. Er hatte noch fast sein ganzes Leben vor sich. Was darin auf ihn wartete, konnte niemand in diesem Raum wissen. Die Hände lagen für einen Augenblick auf seinem Kopf. Dann musste er wieder hinaus.
In der Nähe lag das Haus, in dem Else Lasker-Schüler ihre Jugend verbracht hatte. Heute gehört die jüdische Dichterin, die später vor den Nationalsozialisten fliehen musste, für mich zu dieser Gegend. Ihre Gedichte sind zu der frühen Erinnerung hinzugekommen. So verändert sich eine Stadt im Gedächtnis: Man liest ein Buch, und plötzlich steht hinter einem vertrauten Fenster ein anderes Leben.
Schwester Ancilla begegnete mir im Kindergarten. Else Lasker-Schüler begegnete mir später in der Literatur. Wenn ich heute durch meine Erinnerungen gehe, wohnen sie beinahe nebeneinander. Die eine begleitete ein Kind durch einen langen Raum. Die andere führt ihre Leser durch die Räume ihrer Sprache. Beide sind mir geblieben.
Und dann ist da noch Friedrich Engels, geboren in Barmen, im heutigen Wuppertal. Ich erinnere mich an einen Brief seiner Mutter, in dem sie ihn, so habe ich es im Gedächtnis, vor dem Umgang mit Karl Marx warnte. Ihre Sorge stelle ich mir ungefähr so vor: Junge, mit wem gibst du dich da ab? Engels blieb mit Marx befreundet. Die Weltgeschichte nahm ihren Lauf, ungeachtet der Bedenken aus dem Elternhaus.
Die Äbtissin hat mich vor gar nichts gewarnt. Vielleicht hatte sie nie etwas von Else Lasker-Schüler gehört, die doch so nahe bei wohnte. Und sehr wahrscheinlich rein gar nichts von Friedrich Engels, der Religion für "Opium fürs Volk" hielt.
Die Äbtissin aber ließ mir die Wahl meiner späteren Bekanntschaften, meiner Bücher und meiner Gedanken. Sie indoktrinierte nicht. Da schon eher der Bischof, der einmal das Kloster besuchte und einschüchternd auftrat mit seinem Bischofsstab. Aber irgendwie brachte mich seine hohe trapezförmige, golden gesäumte Spitzmütze ans Lachen. Sie erinnerte mich an den Kaffekannenwärmer, den man im Rheinland über die Muckefuck-Kannen stülpte. Thermoskannen gab es nicht. Fast hätte ich vom Knecht Ruprecht was um die Ohren gekriegt. Wegen unerlaubter Albernheit.
Die Äbtissin trat demgegenüber sanft auf. Nicht bedrohlich. Mut gebend. Was sie mit ihrem Segen leise verband, kann ich nicht sagen. Ich war fünf Jahre alt. Aber heute lese ich in ihrer Geste etwas, das mir gefällt: Du darfst gehen. Dein Leben wartet draußen.
Ein Segen kann einem die Irrwege nicht ersparen. Auch mit gesegnetem Kopf muss man selbst herausfinden, welche Türen man öffnet, wem man vertraut und wann man besser umkehrt. Ich habe gelesen, geschrieben, gefragt und längst nicht auf alles eine Antwort gefunden.
Schwester Ancilla würde ich heute gern erzählen, dass ich ihren Namen noch weiß. Vielleicht würde sie sich wundern, wie weit er mitgereist ist: von einem Kindergarten an der Briller Straße bis an den Schreibtisch eines alten Mannes.
Und die Äbtissin hat es mir selbst überlassen, wie ich durchs Leben komme.
Das ist mal so gerade noch gut gegangen.
Bürgerreporter:in:Didi van Frits aus Hattingen |
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