AfD Erziehung Sachsen-Anhalt
Worte wie Arsen-Dosen - vergiftete Reden
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Ulrich Siegmund lächelt. Das gehört zum Angebot. Sachsen-Anhalts politischer Sunny-Boy versteht sich auf eine Verpackung, bei der man beinahe vergisst, die Inhaltsstoffe zu lesen. Nun hat er die Produktion von Rüstungsgütern mit einer späteren „Remigrations- und Abschiebeoffensive“ in Verbindung gebracht. Dafür brauche man schließlich entsprechende „Hilfsmittel“. Hilfsmittel. Bei diesem Wort denke ich an eine Lesebrille, einen Gehstock, vielleicht an einen Haltegriff neben der Badewanne. Siegmund spricht im Zusammenhang mit Rüstungsproduktion davon. Welche Geräte er für welchen Einsatz meint, bleibt offen. Gerade diese Unbestimmtheit hat es in sich: Die Drohung steht im Raum, und ihr Urheber hat die Hintertür gleich mitgeliefert. Wer erschrickt, könnte am Ende noch als derjenige dastehen, der wieder einmal alles falsch verstanden hat.
So lassen sich die Grenzen des Sagbaren verschieben, ohne dass jemand den Möbelwagen bemerkt. Gestern stand der Satz noch draußen vor der Tür. Heute sitzt er in der Talkshow. Morgen wird gefragt, ob man ihn nicht wenigstens probeweise an den Kabinettstisch lassen sollte. Victor Klemperer, der von den Nationalsozialisten verfolgte Philologe, beschrieb die Wirkung solcher sprachlichen Gewöhnung in seinem 1947 erschienenen Buch „LTI. Notizbuch eines Philologen“: „Worte können sein wie winzige Arsendosen: sie werden unbemerkt verschluckt, sie scheinen keine Wirkung zu tun, und nach einiger Zeit ist die Giftwirkung doch da.“
Das Heimtückische ist die kleine Menge. Ein einzelner Satz, heißt es dann, werde doch wohl noch erlaubt sein. Ein einzelner Vergleich. Eine einzelne Entgleisung. Merkwürdig nur, dass der Zug bei so vielen Entgleisungen immer in dieselbe Richtung fährt. Der SPIEGEL berichtet von einem AfD-Mann, der im Zusammenhang mit Schulen von „Wölfen“ gesprochen und damit Kinder mit Migrationsgeschichte gemeint habe. Ich bleibe an diesem Bild hängen. Ein Kind kommt mit einem Schulranzen zur Tür herein. Es kann rechnen oder noch nicht gut rechnen, ist schüchtern oder vorlaut, hat sein Frühstück vergessen oder freut sich auf die Pause. Und ein erwachsener Politiker hat ihm bereits ein Raubtierfell übergeworfen.
Wer Kinder zu Wölfen erklärt, verändert den Blick auf sie. Plötzlich erscheinen Zuwendung und Geduld als gefährliche Nachlässigkeit. Ein Lehrer, der das Kind schützt, gerät in den Verdacht, die Gefahr zu verkennen. Die sprachliche Verwandlung erledigt einen Teil der Ausgrenzung, bevor überhaupt jemand eine Verordnung unterschrieben hat.
Auch die Erinnerung soll offenbar umetikettiert werden. Der für Sachsen-Anhalt vorgesehene Bildungsminister Hans-Thomas Tillschneider sprach auf dem AfD-Parteitag von einem aus der NS-Zeit abgeleiteten „Schuldkomplex“, der über achtzig Jahre danach noch „mit allen Mitteln wachgehalten“ werde. Damit bekommt das Erinnern eine Diagnose. Die Gesellschaft soll sich gesund fühlen, sobald sie aufhört, an das Verbrechen zu denken. Eine erstaunliche Therapie: Man erklärt den Rauchmelder zur Krankheit.
Ich habe nie verstanden, warum ausgerechnet diejenigen, die so gern stolz auf die Leistungen längst verstorbener Deutscher sind, bei deren Verbrechen plötzlich auf größtmöglichem zeitlichem Abstand bestehen. Für Goethe reicht die Verwandtschaft über Jahrhunderte. Bei Auschwitz möchte man möglichst gestern erst eingewandert sein.
Niemand muss mit einer ererbten persönlichen Schuld zur Schule gehen. Aber jeder sollte dort lernen dürfen, was Menschen anderen Menschen angetan haben – und wie sie zuvor über sie gesprochen haben. Gerade das könnte vor neuen Arsendosen schützen.
Mir fällt bei alledem ein anderes Buch ein, das ich mit großem Interesse und Genuss gelesen habe: Jean Pauls „Levana oder Erziehlehre“, erstmals 1807 erschienen. Jean Paul, geboren in Wunsiedel (eigentlich Johann Paul Friedrich Richter, 1763–1825), schrieb:
„Heiterkeit oder Freudigkeit ist der Himmel, unter dem alles gedeihet, Gift ausgenommen.“
Gift ausgenommen. Diese beiden Wörter haben mir immer besonders gefallen. Jean Paul baut mit einem einzigen Satz einen Himmel über die Erziehung und lässt ausgerechnet dem Gift keinen Platz darunter. Man stelle sich vor, ein Bildungsministerium würde diesen Gedanken ernst nehmen. Es müsste bei jeder Maßnahme fragen, ob Kinder darunter aufatmen können.
Mit dem einstudierten Lächeln eines politischen Verkäufers hat diese Heiterkeit wenig zu tun. Sie zeigt sich daran, wie es den anderen in ihrer Nähe geht. Ob ein Kind eine Frage stellen darf, ohne ausgelacht zu werden. Ob es nach einem Fehler noch einmal anfangen kann. Ob sein Name für den Lehrer ein Name bleibt und nicht zum Herkunftsnachweis wird.
An anderer Stelle schreibt Jean Paul über das Kind, „der freudigen Seele hüpfet noch der lustige Körper nach“. Ich sehe darin eine kleine Bewegung, die jeder Erziehungsgewalt entwischt: Ein Kind hüpft, weil es sich freut. Die Freude hat ihm Beine gemacht. Dafür musste niemand eine nationale Gesinnung überprüfen.
Als ehemaligem Grundschullehrer sind mir solche Sätze näher als alle martialischen Ankündigungen einer patriotisch-pädagogischen Wende. Sie haben mich ein Leben lang begleitet, wie winzige Arznei-Dosen gegen die Unfreundlichkeiten des Zeitgeistes. Auch ein freundliches Wort kann sich festsetzen. Auch Zutrauen kann zur Gewohnheit werden. Vielleicht erinnert sich ein Mensch Jahrzehnte später noch daran, dass ihm jemand etwas zugetraut hat, als er selbst davon wenig überzeugt war.
Deshalb macht mir die Vorstellung Angst, eine Partei mit dieser Sprache könnte ein Bildungsministerium übernehmen. Dann bekäme die tägliche Dosis womöglich einen Dienststempel. Aus dem Blick auf das Kind könnte ein Kriterium für seine Behandlung werden; aus der Verächtlichmachung des Erinnerns eine Vorgabe für den Unterricht. Es müsste nicht einmal überall jemand laut werden. Ein Erlass kann sehr leise sein.
Ich möchte, dass Kinder Wörter kennenlernen, mit denen sie die Welt genauer sehen und einander besser verstehen können. Dass sie eine Drohung auch dann erkennen, wenn sie als Hilfsmittel angeboten wird. Und dass sie sich von keinem Erwachsenen einreden lassen, ihr Mitschüler sei ein Raubtier.
An die Tür eines Bildungsministeriums würde ich deshalb gern Jean Pauls zwei Wörter schreiben:
Bitte eintreten.
Gift ausgenommen.
Bürgerreporter:in:Didi van Frits aus Hattingen |
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