Heute mal ein Märchen für die Enkelkinder
Die Plauderstunde der Wolken
- Foto: Symbolbild by KI
- hochgeladen von Wolfgang Weiss
Es war einmal ein lauer Nachmittag über dem Marktplatz von Untermeitingen. Die Menschen unten auf der Erde wussten es nicht, aber hoch über ihren Köpfen – genau dort, wo der Kirchturm fast den Himmel berührt – trafen sich die Wolken zu einer großen, gemütlichen Plauderstunde.
Wenn Oma und Opa und Du genau hinschauten, konntet Ihr sehen, wie sich die dicken weißen Bäuche der Wolken im Wind hin und her wiegten.
An diesem Tag gab es drei ganz besondere Wolken, die im sanften Wind über die Lech-Ebene segelten:
Flöckchen: Eine ganz kleine, flauschige Wolke, die aussah wie ein entlaufenes Schaf.
Donnerbold: Eine riesige, grau-blaue Riesenwolke mit einer Stimme wie tiefes Orgelbrummen.
Wanda: Eine elegante, langgezogene Wolke, die immer etwas eilig wirkte.
„Hejo, Donnerbold!“, rief das kleine Flöckchen und hüpfte von einem Windstoß zum nächsten. „Wo kommst du denn so plötzlich her? Gerade war der Himmel über den Untermeitinger Spielplätzen doch noch ganz blau!“
Donnerbold lachte, und das klang wie ein ganz fernes Sommergewittern. „Ich bin ein echter Cumulus, kleines Flöckchen! Unten auf den Wiesen hat die Sonne heute Mittag die Erde nämlich so richtig schön warm geschubst. Und wisst ihr, was dann passiert ist?“
Die anderen Wolken lauschten gespannt.
„Wenn die Sonne den Boden aufheizt, wird die Luft dort unten warm“, erklärte Donnerbold stolz. „Und warme Luft ist leicht, viel leichter als kalte Luft! Sie steigt nach oben, wie ein unsichtbarer Heißluftballon. Das nennen die Menschen Thermik. Und je höher diese warme Luft fliegt, desto kälter wird es ihr. Da fängt sie an zu zittern und verwandelt sich in lauter winzige, glitzernde Wassertröpfchen. Tja, und schwups – war ich geboren!“
„Und du, Wanda?“, fragte Flöckchen die lange Wolke. „Du riechst so herrlich nach Abenteuer!“
„Oh, das tue ich!“, flüsterte Wanda und streckte sich lang aus. „Ich komme von ganz weit her, über die Alpen geflogen. Ich habe den großen Bergen Guten Tag gesagt und bin jetzt auf dem Weg nach Norden. Ich will sehen, wie die Schiffe auf dem Meer tanzen!“
„Und was hast du im Gepäck?“, wollte Flöckchen wissen. „Bringst du den Kindern Regen für ihre Pfützen?“
Wanda schüttelte ihre weißen Locken. „Nein, heute nicht. Ich habe nur den Wind im Schlepptau! Ich puste gleich ein bisschen durch die Kronen der Bäume, damit die Blätter lustig tanzen oder die bunten Drachen steigen können.“
„Aber ich!“, brummte Donnerbold und plusterte seinen dicken, grauen Bauch noch ein bisschen mehr auf. „Ich habe heute jede Menge Regentropfen gesammelt. Die Blumen beim Schloss und in den Gärten und Feldern haben schrecklichen Durst. Wenn ich gleich über den Ort ziehe, mache ich Plitsch-Platsch und schenke ihnen eine Dusche!“
Plötzlich zeigte das kleine Flöckchen nach unten. „Schaut mal! Da unten sitzen Kinder mit ihren Großeltern im Garten und schauen zu uns hoch! Sie sehen ein Stückchen blauen Himmel zwischen uns.“
„Das ist unser Abschiedsfenster“, sagte Wanda leise. Der Wind wurde frisch und schubste die Wolken sanft weiter. „Es ist Zeit für uns, weiterzuziehen obwohl es hier wunderschön ist!“
Donnerbold schickte ein paar erste, dicke, kühle Regentropfen nach unten, während Wanda die Blätter der Bäume zum Rascheln brachte. Das kleine Flöckchen winkte noch einmal mit einem weißen Zipfel, bevor es sich langsam auflöste und im großen, blauen Himmel verschwand.
Und wenn die Kinder jetzt aus dem Fenster schauen und die Wolken am Himmel wandern sehen, dann wissen sie ganz genau: Jede von ihnen hat eine Geschichte im Gepäck – und die Sonne baut ihnen gerade wieder eine neue Aufstiegsleiter aus warmer Luft.
Bürgerreporter:in:Wolfgang Weiss aus Untermeitingen |
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