Heute mal ein Märchen für die Enkelkinder
Lumi Grauso Mähni Teil 7

Die Versammlung der Reptilien-Könige

Es war ein Vormittag, an dem das Licht der Frühlingssonne besonders hell auf die weiße Wand im Wohnzimmer schien. Grauso saß auf der obersten Kante der Rückenlehne und starrte mit offenem Mäulchen nach oben.

„Ich sag’s euch“, flüsterte er aufgeregt, „das sind keine Dekorationen. Das sind Drachen! Seht euch die Muster an – diese Punkte und Kringel! Das ist eine geheime Landkarte, die nur nachts leuchtet!“

An der Wand hingen sie: eine riesige, prächtig verzierte Echse, gefolgt von zwei kleineren Gefährten. Sie sahen aus, als würden sie mitten in der Bewegung verharren, um die Riesen nicht zu erschrecken.

Lumi rückte ihre gelbe Latzhose zurecht und blickte nach oben. „Sie sehen sehr weise aus, Grauso. Aber warum sagen sie nichts? Ich habe schon den ganzen Morgen versucht, ihnen einen 'Guten-Morgen-Gedanken' zu schicken, aber es kam nur Stille zurück.“

Mähni brummte gemütlich. „Vielleicht sprechen sie eine Sprache, die wir erst lernen müssen. In der Savanne, aus der meine Vorfahren stammen, sagen die Echsen oft mehr mit einem Augenzwinkern als mit lauten Worten.“

„Ich werde sie fragen!“, entschied Grauso. Er nahm Anlauf, wirbelte über das Sofa und schaffte es mit einem gewagten Sprung auf das Sideboard, das direkt unter der Echsenwand stand. Von dort aus sah die große, bunt gepunktete Echse noch viel gewaltiger aus.

„He, du!“, rief Grauso und hielt sich an einer kleinen Kante fest. „Bist du der König der Wand? Und wo führt die Landkarte auf deinem Rücken hin? Zum Käse-Tresor?“

Die Echse blieb stumm, aber in diesem Moment wanderte ein Sonnenstrahl genau über ihr Auge. Für einen winzigen Augenblick sah es so aus, als würde sie Grauso zuzwinkern.

Lumi, die unten geblieben war, beobachtete das Spiel von Licht und Schatten. „Schaut mal!“, rief sie. „Sie bewachen gar keinen Schatz aus Gold oder Käse. Sie bewachen den Weg zur Küche! Sie passen auf, dass nachts kein böser Geist den Riesen den Appetit verdirbt.“

Sie erkannte, dass die bunten Muster auf den Körpern der Reptilien wie Schutzschilde wirkten. Jedes Pünktchen war ein kleiner Wächter, der die Harmonie im Haus bewahrte.

Mähni schaute stolz zu den Echsen hinauf. „Willkommen in unserem Team“, sagte er leise. „Wir bewachen das Sofa, und ihr bewacht die Wände. So ist das ganze Haus sicher.“

Grauso kletterte wieder hinunter, ein bisschen staubig an den Pfoten, aber sehr zufrieden. „Na gut, keine Käsekarte. Aber wenn sie Drachen sind – und ich bin mir sicher, dass sie nachts Feuer speien, wenn jemand die Keksdose klauen will – dann bin ich froh, dass sie auf unserer Seite sind.“

Lumi schloss die Augen und schickte eine letzte, weiße Lichtwolke aus Dankbarkeit nach oben. Die Reptilien-Könige an der Wand schienen im warmen Sonnenlicht fast ein wenig zu lächeln. Das Wohnzimmer war heute ein Stückchen größer und viel bunter geworden.

Bürgerreporter:in:

Wolfgang Weiss aus Untermeitingen

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