Kunsthistorische Detektivarbeit
Verschwundene Kunst Ferdinand Wagners

Foto aus dem Nachlass Richard Wagner

 | Foto: Kulturbüro & Museum und Galerie (MUGS)
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Auf den Spuren von Ferdinand Wagners verschwundenen Gemälden

Eine kunsthistorische Entdeckungsreise von Schwabmünchen

Manchmal beginnt eine spannende Geschichte nicht etwa in einem Archiv, sondern in einem Treppenhaus: Im „Pilgerhaus“ in Maria Vesperbild, ein Ortsteil der Gemeinde Ziemetshausen, befinden sich – unzugänglich für die meisten Besucher – ein Ölgemälde der Maria Immaculata und eine Kreuzigungsszene. Bei einer groß angelegten Recherche von Museum und Galerie der Stadt Schwabmünchen verdichteten sich nun die Hinweise: Beide Gemälde sind dem Schwabmünchner Maler Ferdinand Wagner (1819-1881) zuzuschreiben und stammen wohl aus dem Privatbesitz des ehemaligen Kreisheimatpflegers Richard Wagner. Über eine kunsthistorische Detektivarbeit, die längst noch nicht abgeschlossen ist.

In Museum und Galerie der Stadt Schwabmünchen befindet sich eine außergewöhnlich umfangreiche Sammlung von Werken des in Schwabmünchen geborenen Historien- und Freskomalers Ferdinand Wagner. Dazu kommt ein großes Konvolut von rund 600 Skizzen, Entwürfe, Wandaufrissen und Modelli in der städtischen Graphischen Sammlung des Stadtarchivs Schwabmünchen. Viele davon warten noch darauf, mit den dazugehörigen Gemälden und ihren ursprünglichen Standorten in Verbindung gebracht zu werden.

Dr. Doris Hafner hat sich dieser Aufgabe mit großer Akribie verschrieben. Von rund 80 Prozent der Blätter hat sie inzwischen Arbeits- und Detailaufnahmen angefertigt, die Zeichnungen wurden beschriftet und – soweit möglich – zeitlich und örtlich zugeordnet und liegen digitalisiert vor. Mehr als 60 Standorte von Werken Ferdinand Wagners waren bereits bekannt. Doch längst nicht alle Fragen zur Herkunft und zum Verbleib der Gemälde sind heute beantwortet.

Spuren im Nachlass Richard Wagners

Eine besonders wichtige Quelle fand sich im Bezirksarchiv Schwaben: Der Nachlass des ehemaligen Kreisheimatpflegers Richard Wagner. Wagner hatte sich zu Lebzeiten intensiv mit dem Schwabmünchner Maler beschäftigt. Er dokumentierte Werke, spürte bislang unbekannte Standorte auf und bewahrte Gemälde davor, in Vergessenheit zu geraten. Mehr noch: Er kaufte Werke Ferdinand Wagners selbst an.

Im Nachlass fanden sich rund 20 prall gefüllte Aktenordner allein zum Thema „Ferdinand Wagner“. Auch diese wurden von Dr. Hafner mit Hilfe eines Praktikanten digitalisiert. In diesen Unterlagen entdeckte Dr. Doris Hafner die Fotografien zweier Gemälde, die sich einst im Privatbesitz Richard Wagners befanden: eine Maria Immaculata auf der Weltkugel und eine große Kreuzigungsszene. Doch woher stammen diese Bilder? Und wohin waren sie später gelangt?

Vom Pfarrstadel in die Kunstsammlung

Das Aktenstudium aus dem Nachlass Wagners führte Dr. Hafner zur Pfarrkirche Steindorf. Dort befanden sich einst zwei größere Ölgemälde von Ferdinand Wagner: eine Immaculata auf der Weltkugel, flankiert von zwei Engeln, sowie die „Auffindung des Heiligen Kreuzes durch Kaiserin Helena“.

Bei einer Renovierung der Kirche im Jahr 1956 wurden diese Gemälde in den Pfarrstadel ausgelagert. Dort blieben sie offenbar jahrelang unbeachtet. Anfang der 1970er-Jahre gelangten sie schließlich an einen Kunsthändler aus Lechhausen.

Und nun beginnt der vielleicht ungewöhnlichste Teil der Geschichte: Die „Auffindung des Heiligen Kreuzes“ wurde weiterverkauft und gelangte zu einem Käufer aus Königsbrunn. Dieser bot das Gemälde später Richard Wagner an. Wagner erkannte seinen Wert und kaufte es. Eine Fotografie aus seinem Nachlass dokumentiert das Bild bis heute. Nach Wagners Tod wurde das Gemälde einem Pfarrer vermacht. Dieser setzte sich später auch mit Dr. Hafner in Verbindung. So konnte zumindest das ehemalige Steindorfer Altarbild „Auffindung des Heiligen Kreuzes“ wiedergefunden und eindeutig zugeordnet werden. Es befindet sich heute in Privatbesitz.

Das zerschnittene Marienbild

Noch abenteuerlicher verlief jedoch die Geschichte über das Ölgemälde mit der Darstellung der Maria Immaculata auf der Weltkugel: Auch dieses Gemälde gelangte den Aufzeichnungen nach aus Steindorf zu dem Kunsthändler nach Lechhausen. Einer Überlieferung zufolge hatte das Bild eine Beschädigung. Statt es fachgerecht restaurieren zu lassen, hatte es der Händler anscheinend kurzerhand zerschnitten und die einzelnen Teile separat verkauft.

Übrig blieb die Darstellung der Maria auf der Weltkugel – allerdings ohne Signatur Ferdinand Wagners und ohne die beiden flankierenden Engel. Einige Jahre hing dieses Fragment in der Privatwohnung des Händlers. Schließlich konnte Richard Wagner das Bild erwerben. Eine Fotografie aus seinem Nachlass hielt den Zustand des Gemäldes fest. Und genau dieses Foto wurde Jahrzehnte später zu einem entscheidenden Puzzleteil.

Eine andere Recherche von Museum und Galerie verband den Akten-Fund schließlich mit Maria Vesperbild: Bei ihren Nachforschungen über lokale Bildschnitzer und kirchliche Skulpturen entdeckte wiederum Alina Krüger im Kirchenführer zu Maria Vesperbild einen Hinweis auf zwei Wagner-Gemälde. Wie so oft waren keine Fotos der Werke zu finden. Bei einem Besuch von Maria Vesperbild nahm Krüger deshalb Arbeitsfotos von Gemälden im Flur des Pilgerhauses auf, auch die Immaculata. Diese konnte Dr. Hafner wiederum mit den Akten-Funden vergleichen.

Der Vergleich mit dem historischen Foto aus dem Nachlass Richard Wagners war extrem verblüffend. Komposition, Haltung und Darstellung stimmen so weit überein, dass kaum ein Zweifel daran besteht: Hierbei handelt es sich um jenes Gemälde, das einst in Steindorf hing und später Teil von Richard Wagners Privatsammlung wurde.

Auf diese Weise ließ sich feststellen: Die Immaculata im Pilgerhaus von Maria Vesperbild weist eine fast vollständige Übereinstimmung mit der historischen Aufnahme aus dem Nachlass Richard Wagners auf.

Auch bei der Kreuzigungsszene war die Sache eindeutig: Das Gemälde im Treppenhaus von Maria Vesperbild stimmt mit dem auf der alten Fotografie dokumentierten Werk überein

Doch die Geschichte der beiden Bilder ist weitaus kurioser, als man zunächst vermuten würde.

Der Ursprungsort der Kreuzigungsszene

Der Besuch in Maria Vesperbild brachte eine weitere Überraschung mit sich.

Denn auch die dortige Kreuzigungsszene stammt aus dem Nachlass Richard Wagners. Sie ist ebenfalls durch ein privates Foto dokumentiert, das von Dr. Hafner mit dem heutigen Original im Treppenhaus abgeglichen und als übereinstimmen befunden wurde.

Für die Forschung über den Schwabmünchner Künstler ist das besonders wertvoll, denn damit ließ sich auch eine Verbindung zu den Zeichnungen in der Schwabmünchner Graphischen Sammlung herstellen: Eine von Ferdinand Wagner signierte Skizze mit der Nummer 249 trägt die Beschriftung „Hafenreuth“. Zwei weitere Zeichnungen zeigen ebenfalls Varianten dieser Kreuzigungsszene. Die Skizzen konnten somit erstmals einem erhaltenen Gemälde zugeordnet werden. Gleichzeitig war mit der Zuordnung der Skizzen der Ursprungsort des Ölgemäldes aus Maria Vesperbild gefunden. Die Kreuzigungsszene hing demnach einst in Hafenreut.

Doch auch hier wartete eine Überraschung: Eine weitere Skizze, Nummer 248 (und Nr. 249), trägt die Aufschrift „Altarbild in Hafenreuth anno 1858 Ferd. Wagner“. Die Darstellung ähnelt der Kreuzigungsszene von Maria Vesperbild, weist aber Veränderungen in der Haltung einzelner Figuren auf.

Zunächst lag der Verdacht nahe, es könne sich lediglich um unterschiedliche Entwürfe für ein und dasselbe Gemälde handeln. Die Recherche von Dr. Hafner ergab jedoch: Es existiert ein weiteres Ölgemälde Ferdinand Wagners, das ebenfalls aus dem Nachlass Richard Wagners stammt und sich heute in Privatbesitz befindet.

Damit deutet Vieles darauf hin, dass die Kirche St. Georg in Hafenreut einst sogar zwei Kreuzigungsdarstellungen Ferdinand Wagners besaß.

Ein Puzzle aus Bildern, Fotos und Archivalien

Was heute wie eine glückliche Aneinanderreihung von Zufällen erscheint, ist in Wahrheit das Ergebnis jahrelanger akribischer Recherche. Alte Fotografien, Schriftwechsel, Archivakten, Handschriften, private Nachlässe, Skizzen und erhaltene Gemälde mussten miteinander verglichen werden.

Eine besondere Rolle spielt dabei Richard Wagner. Ohne seine Leidenschaft für Ferdinand Wagner und seine sorgfältige Dokumentation wären manche dieser Spuren heute vermutlich nicht mehr nachvollziehbar.

Gerade deshalb ist der Fall auch für die Öffentlichkeit interessant: Die Gemälde waren nicht einfach verschwunden. Sie wechselten ihren Standort, wurden verkauft, verschenkt, teilweise sogar zerstört – und tauchten Jahrzehnte später an anderen Orten wieder auf.

Die Geschichte zeigt zugleich, welchen Schatz Schwabmünchen mit der Sammlung Ferdinand Wagners besitzt. Der Maler war europaweit vernetzt und schuf zahlreiche sakrale Werke. Viele seiner Gemälde und Entwürfe sind noch vorhanden, doch ihre Zusammenhänge müssen erst wieder sichtbar gemacht werden.

Im Museum und in der Galerie der Stadt Schwabmünchen wird deshalb hinter den Kulissen weitergeforscht. Ziel ist es, die bestehende Ferdinand-Wagner-Galerie aufzuwerten und zu erweitern.

Und vielleicht findet sich dabei auch noch das eine oder andere bislang unbekannte Puzzleteil.

Foto aus dem Nachlass Richard Wagner

 | Foto: Kulturbüro & Museum und Galerie (MUGS)
Arbeitsfoto, Skizze Ferdinand Wagners für Hafenreuth, Inv Nr. 503 Graph Slg Schwabmünchen | Foto: Kulturbüro & Museum und Galerie (MUGS)
Foto: Kulturbüro & Museum und Galerie (MUGS)
Bürgerreporter:in:

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