AfD Sachsen-Anhalt Wahl
Zum Beispiel Querfurt - gefährliche Männer
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Die Welt schaut heute nach Magdeburg, wo vielleicht eine Partei die Regierungsgeschäfte übernehmen könnte, die der Verfassungsschutz in Sachsen-Anhalt als gesichert rechtsextremistisch einstuft. Ich möchte den Blick für einen Augenblick nach Querfurt lenken. Denn große politische Veränderungen beginnen nicht immer in Hauptstädten. Manchmal beginnen sie unter einem blauen Partyzelt zwischen Bratwurst, Waffel und Filzstift. Dort sitzt Ulrich Siegmund an einem kleinen Tisch und signiert das SPIEGEL-Cover mit seinem Porträt: „Der gefährlichste Mann Deutschlands“. Normalerweise soll eine solche Überschrift vor einem Menschen warnen. In Querfurt dient sie ihm als Autogrammkarte. Der gefährlichste Mann Deutschlands unterschreibt eigenhändig, dass er der gefährlichste Mann Deutschlands ist. Nur Selfies kosten nichts.
Man muss „Sieg (Pause) Mund“ lassen: Er versteht etwas von Produktpflege. Als Unternehmer handelte er unter anderem mit Raumbeduftung. Nun beduftet er Sachsen-Anhalt. Die politische Duftnote besteht aus Bratwurstqualm, Permanentmarker und einem kräftigen Schuss Größenwahn. Im Abgang bleibt Viktor Orbán. Vielleicht ist der gefährlichste Mann aber gar nicht der lächelnde Spitzenkandidat, der seine Gefährlichkeit wie ein neues Herrenparfüm vorführt. Vielleicht ist es der Mann, der etwas abseits steht und das Drehbuch geschrieben hat: Hans-Thomas Tillschneider, AfD-Vordenker, Kulturkämpfer und möglicher künftiger Bildungsminister.
„Mir ist in der AfD noch nie ein Rechtsextremist begegnet“, sagt Tillschneider. Das ist ungefähr so beruhigend, als würde der Burgherr von Querfurt erklären, ihm sei auf seiner Burg noch nie ein Ritter begegnet. Vielleicht lag es daran, dass alle dieselbe Rüstung trugen. Tillschneider beklagt, die 68er hätten viel zu lange die Kulturpolitik bestimmt. Nun komme eine konservative Zeitenwende. Ich frage mich allerdings, welcher Konservatismus da eigentlich zurückkehren soll. Der rheinisch-katholische Konservatismus kann es kaum sein. Bei Merz und Söder riecht die Politik noch gelegentlich nach Weihrauch, Pfarrheim und CSU-Frühschoppen. Tillschneiders Konservatismus scheint ohne Kirche auszukommen. Er braucht keine Heiligen. Ihm genügen Helden. Er braucht keinen Altar. Ihm genügt eine Burgzinne.
Vielleicht ist die Burg Querfurt deshalb der passende Wallfahrtsort dieser neuen Rechten. An die Stelle der Kirche tritt die Festung, an die Stelle des Heiligenbildes das SPIEGEL-Cover, an die Stelle des Weihrauchs der Bratwurstdampf. Das Sakrament ist das Selfie mit dem Spitzenkandidaten. Und die Hostie wird mit Senf gereicht.
Die Burg selbst kann nichts dafür. Sie ist eine ausgezeichnete Schauspielerin. Mehr als fünfzig Film- und Fernsehproduktionen wurden dort gedreht: Der Medicus, Die Päpstin, Märchenfilme und Til Schweigers "1 ½ Ritter – Auf der Suche nach der hinreißenden Prinzessin Herzelinde". Der Titel ließe sich mühelos für den gegenwärtigen Wahlkampf umarbeiten: "1 ½ Demokraten – Auf der Suche nach der hinreißenden absoluten Mehrheit."
Auch das übrige Personal steht bereits bereit. Ulrich Siegmund spielt den freundlichen Burgherrn, der am Zugtor Autogramme gibt. Hans-Thomas Tillschneider übernimmt die Rolle des finsteren Hofgelehrten. Er entscheidet, welche Bücher in die Bibliothek und welche Ansichten in den Burggraben gehören. Für die Statisten liegen blaue AfD-T-Shirts bereit. Für die Bevölkerung 1.400 Bratwürste.
Sollte Tillschneider tatsächlich Bildungsminister werden, könnte aus der Filmkulisse bald ein pädagogisches Modell werden. Die Schule wäre dann keine Werkstatt des selbstständigen Denkens mehr, sondern eine historische Kostümabteilung. Die 68er kämen in den Kerker, das Bauhaus unter Denkmalschutzverdacht und die Aufklärung müsste am Burgtor ihren National-Pass vorzeigen.
Geschichte wäre dann nicht mehr das, was geschehen ist, sondern das, was dem Burgherrn gefällt.
Bislang konnten Filmteams auf Burg Querfurt das Mittelalter aufbauen und nach Drehschluss wieder abbauen. Die Holzhütten verschwanden, die Kostüme wurden zurückgegeben, der künstliche Schmutz zusammengefegt. Niemand hielt die Kulisse für eine Staatsform.
Das ist der entscheidende Unterschied zur Politik.
Denn der gefährlichste Mann Deutschlands ist vielleicht nicht derjenige, der diese Bezeichnung auf einem Titelblatt signiert. Der gefährlichste Mann ist derjenige, der eines Tages darüber bestimmen könnte, was unsere Kinder überhaupt noch gefährlich nennen dürfen.
Zum Beispiel in Querfurt.
Bürgerreporter:in:Didi van Frits aus Hattingen |
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