50 Jahre Turnen und ganz viel fürs Leben
Wie Edeltraud Fischer Generationen von Kindern bewegte – und warum sich viele heute noch gerne daran erinnern – Wiedersehen nach vielen Jahren
- Wiedersehen mit Edeltraud Fischer (sitzend zweite von rechts) und ehemaligen Turnerinnen
- Foto: Klaus Fischer
- hochgeladen von Helga Mohm
Manchmal braucht es einen besonderen Anlass, damit Erinnerungen wieder lebendig werden. Die 100-Jahr-Feier des TSV Königsbrunn im Juli dieses Jahres war für Edeltraud Fischer aus Königsbrunn ein solcher Moment. Die heute 87jährige war 50 Jahre Übungsleiterin im Verein und 37 Jahre ehrenamtlich Frauenwartin. Ihr Engagement war prägend für die nächste Generation. Ein halbes Jahrhundert lang leitete sie zwei- bis dreimal pro Woche Kinderturnstunden und war über Jahre hinweg eine feste Größe im Vereinsleben – als Übungsleiterin, als Organisatorin, als Motivatorin und nicht zuletzt als jemand, der den Kindern neben dem Turnen ganz selbstverständlich auch etwas fürs Leben mitgab.
Denn Turnen war für Fischer nie nur das Einüben von Bewegungsabläufen. Es ging um Freude an der Bewegung, um Gemeinschaft, aber auch um Disziplin, Fairness, Verlässlichkeit und Durchhaltevermögen. Pünktlich zur Turnstunde zu erscheinen, sich auf eine Aufgabe einzulassen, Rücksicht auf andere zu nehmen und auch dann weiterzumachen, wenn etwas nicht auf Anhieb gelang. Wer einmal versucht hat, einen Handstand zu lernen, weiß schließlich: Aufgeben ist keine besonders gute Strategie. Was damals ganz selbstverständlich erschien, erwies sich später als wertvolles Rüstzeug fürs Leben. Für Fischer bedeutete es weit mehr, als zu festen Zeiten in der Turnhalle Übungen vorzumachen. Jede Stunde musste gut vorbereitet, Geräte organisiert und Gruppen betreut werden. Besonders wichtig war ihr, die Mädchen individuell zu fördern und zu fordern. Talente wurden gezielt in Leistungsgruppen weiterentwickelt, und wer an einer Übung scheiterte, wurde ermutigt, es erneut zu versuchen.
Auch außerhalb der normalen Turnstunden war ihr Engagement groß. Als Gaufachwartin für Kinder und Jugendliche im Bereich Turnen beim BLSV war sie 37 Jahre für die Gaukindertreffen des Landkreises Augsburg aktiv. Für diese großen jährlichen Sportfeste entwickelte sie eigene Tänze, studierte diese mit allen Turnübungsleitern des Landkreises Augsburg ein, damit am Festtag alle Kinder den gleichen Tanz aufführen konnten. Selbst die Urkunden für alle teilnehmenden Kinder stammten aus Fischers Feder. Auch ihrem Ehemann Klaus Fischer gebührt großer Respekt. Wann immer seine Frau für den Turnverein im Einsatz war, hielt er ihr den Rücken frei und kümmerte sich um die vier gemeinsamen Kinder. So konnte sie ihr langjähriges Engagement für den Sportverein mit viel Herzblut ausüben.
Irgendwann veränderte sich die gemeinsame Philosophie von Fischer und dem Sportverein. Nach 50 Jahren endete ihre aktive Vereinszeit. Neue Schwerpunkte rückten in den Mittelpunkt: Ehemann und Familie, der Garten, Kunst und Seidenmalerei. Das Turnen bekam einen Platz in der Erinnerung.
Viele der Mädchen, die einst bei Fischer turnten, haben längst ihre eigenen Kinder großgezogen und ihren eigenen Weg gefunden. Was sie aus der Turnhalle mitgenommen haben, lässt sich nicht in Medaillen oder Urkunden messen. Es sind die kleinen Dinge: sich aufeinander verlassen können, pünktlich sein, durchhalten, sich etwas zutrauen, andere unterstützen und manchmal nach einem Sturz einfach wieder aufstehen. Fischer hat viele Kinder bewegt – sportlich und ein kleines Stück darüber hinaus. Vielleicht liegt genau darin eine der schönsten Seiten des Ehrenamts: Man weiß während des Tuns nicht, welche Spuren man hinterlassen wird. Denn ein Ehrenamt endet nicht unbedingt mit der letzten Turnstunde. Manchmal lebt es noch Jahrzehnte später weiter – in Erinnerungen, in Freundschaften, in weitergegebenen Werten und in Menschen, die dankbar zurückblicken.
Wie wertvoll diese gemeinsame Zeit für beide Seiten war, zeigte sich am 20. September 2026.
Ehemalige Turnerinnen kamen zu einem Wiedersehen zusammen. Frauen, die sich teilweise seit vielen Jahren nicht mehr gesehen hatten, saßen plötzlich wieder beisammen und hatten erstaunlich viel zu erzählen. Alte Geschichten über Trainingslager und Turnfeste wurden ausgegraben, Fotos betrachtet, gelacht und gestaunt. So manche Erinnerung, die längst irgendwo im Gedächtnis schlummerte, war plötzlich wieder da. In einem sehr herzlichen Brief bedankt sich eine ehemalige Turnerin für Fischers Geduld, ihrem Heranführen an Wettkampfübungen, erinnert an die erste Bodenkür mit Musik und dem Aufgrätschen am Barren.
Ganz ohne Geschenk sind die ehemaligen Turnerinnen natürlich nicht gekommen. Im Gepäck war ein ganz besonderer Erinnerungsordner. Jede hatte eine eigene Seite mit Fotos von damals und heute und persönlichen Erinnerungen zusammengestellt. Als Fischer den Ordner überreicht bekam, war sie sichtlich gerührt. Dieser Ordner erzählt von viel mehr als vergangenen Turnstunden. Es erzählt von Gemeinschaft, Freundschaft, gegenseitigem Respekt, Herausforderungen und ganz viel gemeinsamem Lachen. Und vielleicht ist genau das die schönste Bilanz von 50 Jahren Übungsleiterin: Die Turnstunden sind vorbei, die Erinnerungen bleiben.
Bürgerreporter:in:Helga Mohm aus Königsbrunn |
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