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Im A49-Wunderland bei Dannenrod

    Homberg (Ohm): Danni |

Die Autobahn A49 polarisiert momentan die Umgebung von Stadtallendorf: Einige Leute warten sehnsüchtig darauf, während andere sich über jedes Jahr ohne Auobahn im Herrenwald freuen. Der in naher Zukunft geplante Autobahnbau hat Anfang Oktober für einige ungewöhnliche Baumbewohner bei Dannenrod gesorgt. Die folgenden Bilder zeigen, dass sich ein Ausflug in den Danni lohnt.

In Lehrbach finden wir zunächst einmal Spuren, dass es tatsächlich Leute gibt, die sich über eine Autobahn freuen: Jemand hatte einige blaue Aufkleber mit der Aufschrift "A49 wir brauchen dich" an verschiedenen Stellen angebracht. Man sollte aber bedenken, dass viele Leute nicht wirklich wissen, was sie brauchen. Das kamm man am Stadtallendorfer Bahnhof sehen, wo Tafeln mit den Buchstaben von A bis E markieren, wo man am besten in einen ICE steigt. Die Tafeln wird man demnächst nicht mehr brauchen, weil kein ICE mehr an diesem Bahnsteig halten wird. Die Nachfrage nach einem Fernverkehrshalt, den Stadtallendorf laut Politiker, Bundeswehr und Unternehmen brauchte, war offensichtlich nicht so groß.

Ein A49-Aufkleber war auf einem Verkehrschild zu finden, wo auf eine Bushaltestelle und Kinder hingewiesen wurde. Brauchen Kinder wirklich noch mehr Verkehr auf der Straße? Ein anderer Aufkleber klebte neben einem vergammelten Naziaufkleber. Bekanntlich konnten die Nazis früher Autobahnen gebrauchen, um schneller in den Krieg ziehen zu können. Inzwischen führt man Kriege mit anderen Mitteln, und glücklicherweise gibt es auch nicht mehr so viele Nazis.

Zum A49-Wunderland kann man von Norden her gelangen, wenn man An der B62 in der Nähe von Niederklein in den Dannenröder Forst fährt, wo gerade der Radweg nach Lehrbach einen frischen Bodenbelag erhalten hat. Man fährt aber stattdessen geradeaus weiter in den Wald und biegt an der zweiten Kreuzung (mit gut befestigten Wegen) links ab. Auf diesem Weg fährt man immer weiter, bis man zur Rechten einen Weg mit ziemlichen vielen Holzhaufen findet. In diesen Weg muss man nun abbiegen.

Nach einigen Holzhaufen geht es nach rechts zu einem ersten Baumhaus, in welchem Anfang November 2019 noch fleißig gehämmert und gebohrt wurde. Die Abdeckung mit einer Plastikplane ließ anfangs noch erahnen, dass es hier noch viel zu tun gab. Das Baumhaus befindet sich in großer Höhe in einer Eiche, sodass es nicht sofort auffällt. Man erkennt jedoch an Bäumen mit weißen Zetteln an den Stämmen, dass man in der Nähe ist. Auf den Zetteln steht drauf:


Hallo Mensch,
Dieser Baum, so wie andere hat sich das anders überlegt mir der Wirtschaftlichen Nutzung. Es
fand Freunde die ihm halfen sich zu verteidigen.
Nun ist seine Krone mit mehreren anderen umstehenden Kronen Verbunden. Die Verbindung
wurden aus reißfestem Polypropylen Seil installiert. Dieses hat eine Bruchlast von 2.8 Tonnen.
Wenn dieses Wesen also gefällt werden soll bedarf es der Kronenkletterei.
Sollte dieser Warnhinweis missachtet werden und der Fällschnitt passieren ohne vorher die
Verbindungen in der Krone zu kappen besteht große Gefahr von Herabstürzenden Kronenteilen
verletzt oder erschlagen zu werden.
Die Sicherheitsfälltechnik wird hier auch nicht weiterhelfen da die Seile in der Krone halten.
Daher die bitte das hier gelesene an alle Mitarbeitenden weiter zu geben und sofort die Arbeiten
einzustellen. Alle Bäume mit roten Markierungen im Trassenverlauf verfügen über diese
Installationen also hier nochmals die Aufforderung die Arbeiten auf dem gesamten
Trassenverlauf sofort einzustellen, es besteht höchste Verletzungs- oder Lebensgefahr.
Ihre Kinder und unser gemeinsamer Wohn und Lebensraum Erde werden es Ihnen danken.
Heute kannst du Held sein und die Welt ein bisschen besser machen.
MfG PachaMama


Ob das so stimmt, lässt sich nicht erkennen. Klar ist jedoch, dass die Rechtschreibungs nicht stimmt. Korrekturlesen lohnt sich sicher vor dem Vervielfältigen.

Um zu den anderen Baumhäusern zu kommen, folgt man am besten weiter dem Wag mit den Holzhaufen. Anfang November konnte man dabei in wenigen Metern Entfernung schöne Steinpilze sehen. Man kommt an einem Holzhaufen vorbei, auf dem eine alte Wurzel wie eine Riesenspinne über einem Betonrohr liegt.

Der Abzweig zu den nächsten Baumhäusern ist schön durch Pfosten und Wegweiser markiert. Allerdings ist es an dieser Stelle durch die zahlreichen schon vorbeigekommenden Besucher richtig matschig. Nach einigen Metern ist der mit Stöcken umrandeten Weg aber trocken.

Hier gibt es viel zu sehen:
Ein hübsches Baumhaus mit blauen Brettern und andere Häuser
Verschiedene Banner ("Wald statt Asphalt", "Up with trees, down with capitalism", "Irgendwer muss es ja tun...", "Straßenbahn, Nulltarif, Fahrradstraßen statt Autos", "Für das Klima: Verkehrswende jetzt!", "Nieder mit dem motorisierten Individualverkehr, Fahrräder und Trams für die Straße, Autos in die Geschichtsbücher", "Stau Lärm Beton Dreck Tod")
Kunst in Form von Bildern und Gegenständen
Texte zum Lesen
Einen selbstgebauten Waldspielplatz

Mit einigen Forderungen werden die Baumbesetzer jedoch bei einem Großteil der Bevölkerung auf Ablösung stoßen. Nulltarif statt Auto? Autos sind sehr beliebt, eine Nullrunde bei den Tarifverhandlungen hingegen kommt gar nicht gut. Nieder mit dem motorisierten Individualverkehr? Nicht nur bei Rentnern erfreuen sich Elektrofahrräder großer Beliebtheit. Die Elektroradler würden sicherlich auf die Straße gehen, wenn man ihnen den Motor wieder abnähme.

Es sei noch ein Text genannt, der merkwürdige Anreden wie "Hallo Mensch" erklärt:
HALLO MENSCH!
Du kannst mir mein Geschlecht nicht ansehen!
Wir sind es gewohnt, von einem bestimmten Aussehen auf ein bestimmtes Geschlecht, Charaktereigenschaften und eine sexuelle Orientierung zu schließen. Körper, Charakter & sexuelle Orientierung können sich allerdings unabhängigkeit voneinander entwickeln. So kann ein Mensch, der für dich wie ein Mann erscheint, sich als Frau identifizieren. Außerdem gibt es Menschen, die sich weder als Mann noch als Frau sehen. So kann das Geschlecht als Teil der Identität von Mensch zu Mensch variieren.
Praktisch macht sich das darin bemerkbar, dass einige Menschen mit einem anderen Pronomen angesprochen werden wollen. Neben "er" und "sie" können das z.B. "ix", "es", "mensch", ... sein.
Es ist schön, wenn du dein Gegenüber fragst, wie es angesprochen werden möchte.
Um alle Menschen einzuschließen, versuchen wir auch im Alltag eine geschlechtsneutrale Sprache zu nutzen, z.B.: "mensch" statt "sie" oder "er"
"Aktivisti" statt "Aktivistin" oder "Aktivist"


Da bleibt zu hoffen, dass die Aktivisti von Wutz und Watz lernen, dass man auch mit den bauartbedingten zwei Geschlechtern glücklich sein kann. Und dass kein Klingone vorbeikommt, der wegen der fehlenden Ausfertigung in Klingonisch ausrastet.

Wer sich auf dem ausgetretenen Pfaden weiter Richtung Dannenrod bewegt, wo es noch eine Mahnwache im Bauwagen am Waldrand gibt, findet an der Strecke bemalte Bäume, einige Bohrstellen (wobei aus einer im November sogar Luft herauskam) und manches Kunstwerk.

Abseits dieses Weges finden sich zudem einige Vorboten der A49: Niströhren für Haselmäuse und Nistkästen für Vögel und Fledermäuse. Für letztere wurde sogar eine ganze Siedlung angelegt - natürlich nicht auf der zukünftigen Autobahntrasse, wo man die kleinen Flieger nicht haben möchte.

Es sei noch ein Musikstück genannt, dass bei einer der sonntäglichen Kundgebungen gesungen wurde und der älteren Generation vielleicht noch bekannt ist: Das macht doch nichts, das merkt doch keiner (https://www.youtube.com/watch?v=tNpdfpmSoeM).
Die Baumbesetzer wollen noch weiter Hütten bauen, und es wird sicherlich noch das eine oder andere Kunstwerk entstehen und vergehen.

Man hofft darauf, etwas mehr Erfolg zu haben als bei den Demontrationen gegen Kernkraftwerke, die allen Protesten zum Trotz doch gebaut wurden. Die Autobahn in ihrem Lauf halten weder Fuchs noch Kammmolch auf.

Links:
A49-Schlepperdemo: https://www.myheimat.de/kirtorf/politik/demonstrat...
Bilder von der A49: https://www.myheimat.de/stadtallendorf/politik/auf...
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