Fotos Studio Wohnen
Der Schutz des Schreibens - mein Leben am Fenster

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Auf den alten Fotografien sieht man, dass dieses Fenster einmal mehr war als eine rechteckige Öffnung in einer Hauswand. Es war ein kleines Biotop, eine Bühne des stillen Lebens. Draußen drängten sich Zweige und Blätter bis beinahe an die Scheibe. Darin saßen die Vögel, besonders gern dort, wo die roten Vogelbeeren leuchteten. Drinnen schwammen die Goldfische durch ihr gläsernes Zimmer, Efeuranken spiegelten sich im Wasser, und unsere Katze balancierte auf einer roten Schachtel, um das Geschehen im Aquarium nicht aus den Augen zu verlieren.

Auf einem zweiten Foto sitze ich mit der Gitarre vor diesem Fenster. Hinter mir das Aquarium, über ihm zwei rote Holztiere, draußen das dichte Grün. Eigentlich ist auf diesem Bild mein ganzes Arbeitsstudio versammelt: Musik, Tiere, Bücher, Pflanzen und eine Scheibe, die nicht trennte, sondern behütete. Das Fenster war offen zur Welt, ohne mich der Welt auszuliefern.

Ich brauche Schutz zum Schreiben.

Das klingt vielleicht empfindlich. Andere Menschen schreiben in Großraumbüros, in Bahnhofshallen oder im Café, während ringsum Tassen klappern und fremde Gespräche durcheinanderlaufen. Ich aber brauche einen Rand um meine Gedanken. Einen stillen Saum. Etwas, das zwischen mir und den Blicken der anderen wächst.

Vor dem Fenster meiner Parterrewohnung stand viele Jahre ein großer Strauch mit roten Vogelbeeren. Er war keine kostbare botanische Rarität. Kein Schild erklärte seinen lateinischen Namen. Kein Gartenführer blieb vor ihm stehen. Aber für mich war er eine Art lebende Gardine.

Im Frühjahr trieb er sein frisches Grün aus. Im Sommer verdichtete er sich zu einer sanft bewegten Wand. Im Herbst leuchteten seine Beeren wie kleine rote Satzzeichen. Und im Winter saßen die Vögel in seinen immergrünen Zweigen und erinnerten mich daran, dass selbst eine scheinbar leere Seite nicht wirklich leer ist.

In seinem Schutz schrieb ich meine Bücher.

Ich hörte das Rascheln der Blätter und manchmal das kurze Flattern eines Vogels. Ich musste nicht hinausgehen, um mit der Welt verbunden zu sein. Die Welt kam zu mir, aber sie kam in einer erträglichen Gestalt: als Amsel, als Lichtfleck, als Regentropfen, als Schatten eines Zweiges auf der Fensterscheibe.

Dann sägte ein Nachbar den Strauch ab.

Nicht vorsichtig, nicht nach einem Gespräch, nicht mit Bedauern. Er tat es mit jener höhnischen Selbstverständlichkeit, mit der manche Menschen glauben, alles Lebendige müsse sich ihrem Begriff von Ordnung unterwerfen. Was ihnen nicht gehört, behandeln sie, als gehöre es ihnen. Was anderen Schutz gibt, erscheint ihnen als überflüssiges Gestrüpp.

Mir gehört ja nichts, dachte ich.

Die Wohnung gehört mir nicht. Der Garten gehört mir nicht. Der Strauch gehörte mir nicht. Nicht einmal der Blick aus meinem Fenster gehörte mir offenbar. In einem Mietshaus kann ein Mensch jahrzehntelang an einem Ort leben und dennoch erfahren, dass seine vertraute Welt mit wenigen Sägeschnitten beseitigt werden kann.

Im Hinterhof fielen außerdem drei Bäume. Meine Birke, meine Weide, mein geliebter Ahornbaum, von einer freundlicheren Nachbarin geschenkt.

Für den anderen, höhnischen Nachbarn waren es vermutlich nur Stämme, Äste und Laub. Vielleicht Arbeit. Vielleicht Schatten. Vielleicht ein Ärgernis. Für mich aber waren sie Bewohner meines Lebens. Sie standen dort, während ich schrieb, spielte, älter wurde, mich erinnerte und versuchte, aus schmerzhaften Erfahrungen Sätze zu machen, die nicht nur Schmerz enthielten.

Als sie verschwanden, verschwand nicht bloß ein Stück Grün. Der Raum verlor seine Haut.

Plötzlich lagen die vierundzwanzig Fenster des Hochhauses auf der anderen Straßenseite offen vor mir. Vierundzwanzig dunkle oder helle Rechtecke. Vierundzwanzig mögliche Augenpaare. Wahrscheinlich sahen die meisten Menschen gar nicht zu mir herüber. Doch das Wissen, gesehen werden zu können, genügt manchmal, um einen Gedanken zu verscheuchen.

Ein Blick braucht keinen bestimmten Beobachter. Schon seine Möglichkeit kann genügen.

Ich saß nicht mehr an meinem Schreibtisch, sondern scheinbar auf einer Bühne. Jede Bewegung konnte betrachtet werden: wie ich ein Buch aus dem Regal nahm, wie ich die Gitarre stimmte, wie ich einen Satz schrieb, wieder strich und lange aus dem Fenster sah. Selbst das Nachdenken fühlte sich plötzlich öffentlich an.

Dabei ist Schreiben etwas sehr Ungeschütztes.

Wer schreibt, öffnet innere Schubladen, in denen Erinnerungen liegen, die jahrzehntelang niemand berührt hat. Er nimmt alte Fotografien heraus, hört Stimmen, die längst verstummt sind, und geht noch einmal durch Zimmer, die es nicht mehr gibt. Manchmal sitzt beim Schreiben das Kind neben dem alten Mann. Manchmal steht die verlorene Mutter hinter dem Stuhl. Manchmal legt eine Katze ihre Pfote auf ein Blatt Papier, als wolle sie sagen: Bis hierhin und nicht weiter.

Dafür braucht man einen geschützten Ort.

Der Anblick der abgesägten Pflanzen traf mich mit solcher Wucht, dass mein Körper den Dienst verweigerte. Ich geriet in eine Schockstarre und kam ins Krankenhaus. Erst später begriff ich, dass nicht allein ein Strauch gefällt worden war. Es war die vertraute Grenze zwischen meinem inneren Raum und der äußeren Welt zerstört worden.

Ich kehrte erst nach Hause zurück, als wirklich jedes Fenster unserer Wohnung bis zum letzten Zipfel mit Gardinen verhängt war.

Seitdem haben Gardinen für mich nichts Spießiges. Sie sind keine Dekoration und kein Zeichen der Weltabgewandtheit. Sie sind meine neuen Blätter. Mein künstliches Laub. Sie ersetzen, so gut Stoff es vermag, den Strauch mit den roten Vogelbeeren.

Manchmal ziehe ich sie ein wenig auseinander. Dann fällt ein schmaler Lichtstreifen ins Zimmer. Gerade breit genug für einen Gedanken. Die vierundzwanzig Fenster gegenüber bleiben draußen. Das Aquarium leuchtet. Die Fische ziehen ihre ruhigen Kreise. Vielleicht springt meine Katze wieder auf die rote Schachtel. Vielleicht nehme ich die Gitarre und spiele einige Takte.

Und vielleicht beginne ich wieder zu schreiben.

Denn Schreiben braucht Offenheit. Aber Offenheit ist nicht dasselbe wie Schutzlosigkeit. Eine Tür kann offen stehen, ohne dass jeder eintreten darf. Ein Fenster kann Licht hereinlassen, ohne den Menschen dahinter auszustellen. Auch eine Seele braucht manchmal Gardinen.

Früher schützte mich ein Strauch mit roten Vogelbeeren.

Heute schützt mich ein Stück Stoff.

Und hinter diesem Stoff wachsen weiter meine Sätze.

Bürgerreporter:in:

Didi van Frits aus Hattingen

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