Baumschutz Berlin Bäume mit Namen
Die Linde Linda 1972-2026
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Ich habe kein Haus. Wir leben in einem Mietshaus, seit bald sechzig Jahren. Auch der Garten gehört mir nicht. Er ist dem Haus als „Gemeinschaftsgarten“ zugeordnet. Jede Mietpartei hat sich eine Ecke genommen. Wir auch.
In so vielen Jahren wächst man mit einer solchen Ecke zusammen. Man pflanzt etwas ein, wartet, sieht nach. Ein dünner Stamm wird kräftiger. Man selbst wird älter. Irgendwann gehört der Baum zum Blick aus dem Fenster, so selbstverständlich, dass man ihn erst richtig bemerkt, wenn er fehlt.
Ein Nachbar hat die Bäume in unserer Ecke immer wieder abgesägt. Ein Birnbaum fiel und ein Kirschbaum. Unsere Birken verschwanden. Eine Eiche wurde vergiftet. Eine Tanne musste dran glauben, ebenso ein stattlicher Ahorn. Auch die Weide überlebte die Zerstörungslust nicht.
Das liest sich wie eine Liste. Für mich sind es lauter Lücken.
Wo eine Baumkrone war, ist plötzlich sehr viel Himmel. Der kann noch so blau sein. An dieser Stelle fehlt etwas.
„Mir gehört ja nichts“, sage ich dann. Ein kleiner Satz, der sich vernünftig anhört und mich doch traurig macht. Als dürfte man nur an dem hängen, wofür man einen Kaufvertrag vorweisen kann.
Ein Baum macht sich über solche Dinge keine Gedanken. Sein Schatten fällt auch auf den Stuhl eines Mieters. Ein Vogel erkundigt sich vor dem Nestbau nicht nach den Eigentumsverhältnissen. Und die Wurzeln wachsen, ohne zu wissen, wo wir Menschen unsere Gartenecken voneinander abgeteilt haben.
Ich pflanze trotzdem immer wieder einen Baum.
Manchmal kommt mir das selber merkwürdig vor. Ich kenne doch die Geschichte. Aber wenn ich einen jungen Baum in die Erde setze, möchte ich ihm eine Zukunft zutrauen. Irgendjemand muss das schließlich tun.
In Berlin gießt eine Frau eine Straßenlinde vor ihrer Haustür und nennt sie Linda.[1]
Das Projekt „Gieß den Kiez“ hilft dabei, solche Bäume zu umsorgen. Auf einer Karte sind mehr als 900.000 Berliner Bäume verzeichnet. Man kann ihren geschätzten Wasserbedarf nachsehen, sie adoptieren und eintragen, wann man sie gegossen hat.[2]
Mich beschäftigt vor allem dieser Name.
Linda.
Ich stelle mir vor, wie jemand mit einer Gießkanne vor dem Baum steht und ein Nachbar vorbeikommt.
„Was machen Sie da?“
„Ich gieße Linda.“
„Wer ist Linda?“
Sie zeigt auf die Linde.
Vielleicht lächelt er. Vielleicht bleibt er einen Augenblick stehen. Schon hat ein Baum, an dem man gestern noch achtlos vorbeiging, eine kleine Geschichte.
Ich sollte meinen Bäumen auch Namen geben.
Bernd, die Buche.
Birgit, die Birke.
Erich, die Eiche.
Tanja, die Tanne.
Karin, die Kirsche.
Werner, die Weide
Ute, die Ulme.
Eine Gesellschaft, die mit wenig auskommt: Erde, Wasser, Licht und der Aussicht, morgen noch da zu sein.
Zunächst habe ich dabei an kleine Kreuze gedacht. Sollte wieder das Hinrichtungskommando erscheinen, könnte ich wenigstens aufschreiben, wer hier gestanden hat. Ein Name, zwei Jahreszahlen. Birgit, die Birke 1980-2019. Ein wenig Erinnerung für ein Leben, das niemand um Erlaubnis gefragt hatte, bevor es zu wachsen begann.
Aber ich möchte die Namen schon vorher benutzen können.
„Guten Morgen, Birgit.“
Das klingt für einen erwachsenen Mann vielleicht etwas sonderbar. Mit achtzig darf man sich allerdings ein paar Freiheiten herausnehmen. Und Birgit wird gewiss niemandem erzählen, dass ich mit ihr spreche.
Ein Name hält keine Säge auf. Das weiß ich. Er gibt auch kein verlorenes Blatt zurück. Aber er hilft mir, genauer zu sagen, wer mir fehlt. Und solange der Baum lebt, hilft er mir, nach ihm zu sehen.
Vielleicht ist das überhaupt der Anfang der Fürsorge: dass etwas einen Namen bekommt und wir uns am nächsten Morgen noch daran erinnern.
Der Gemeinschaftsgarten könnte ein guter Ort dafür sein. Ein Ort, an dem mehrere Menschen darauf achten, dass etwas wachsen darf. Die Bäume würden ihren Schatten weiterhin großzügig verteilen. Sie haben darin mehr Übung als wir.
Ich habe kein Haus. Wir wohnen zur Miete. Und ich pflanze immer wieder einen Baum.
Vielleicht bekommt der nächste ein kleines Schild. „Konrad, die Kastanie“, steht darauf. Dann könnte ich morgens mit der Gießkanne in den Garten gehen und sagen: „Guten Morgen, Konrad.“
Quellen zum Berliner Beispiel:
[1] [The Guardian, 2. Oktober 2026]
(https://www.theguardian.com/environment/2026/oct/02/open-source-tree-map-berlin-water-urban-forest)
[2] [CityLAB Berlin: Gieß den Kiez]
(https://citylab-berlin.org/projekte/giess-den-kiez/)
Bürgerreporter:in:Didi van Frits aus Hattingen |
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