Journalismus Glosse
Schreiben mit Angst, Zögern und Löschtaste
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Jeden Morgen lese ich zehn Newsletter. RND/Redaktionsnetzwerk Deutschland, FAZ, Frankfurter Rundschau, Tagesspiegel, taz, DER SPIEGEL, DIE ZEIT. Dann kommen noch die Engländer und die Amerikaner hinzu. Der Guardian, die New York Times, die Washington Post. Man möchte ja nicht uninformiert irren. Anschließend schreibe ich eine Glosse. Ich suche mir etwas aus diesem Weltgetümmel, einen Satz, einen Menschen, eine Merkwürdigkeit. Etwas, an dem mein Blick hängen bleibt. Während ich schreibe, ordnen sich die Dinge. Das ist angenehm. Manchmal verdächtig angenehm. Die Welt bekommt einen Anfang, eine Mitte und eine Pointe. So ordentlich ist sie sonst nie.
Ein paar Tage später lese ich weiter. Und gelegentlich wünsche ich mir, ich hätte das vor dem Schreiben tun können. Neulich war Philipp Amthor an der Reihe. Sein nach Berlin mitgebrachter Ostsee-Strandkorb hatte es mir angetan. Ein junger Mann, der schon früh aussieht, als könne er sich an die Gründung der Bundesrepublik persönlich erinnern, und dazu dieses Möbel der wohlverdienten Ruhe. Die Versuchung war groß. Ich gab ihr nach.
Florian Handl, Redakteur bei myheimat in Augsburg, gab mir etwas zu bedenken. Ob der fortgesetzte Spott über führende CDU-Leute nicht irgendwann auch denen nützen könnte, die die demokratische Mitte ohnehin zerlegen möchten.
Das hörte ich nicht gern. Einen Einwand gegen eine gelungene Pointe empfindet ihr Verfasser zunächst ungefähr so wie Regen beim Grillen.
Aber der Gedanke blieb.
Dann las ich von Martin Sellners „Institut für Remigration“ mit gesellschaftsrechtlichem Sitz in Magdeburg. Es hatte bereits Vorschläge für die Politik einer möglichen AfD-geführten Landesregierung in Sachsen-Anhalt vorgelegt.[1]
Ein Institut. Das klingt nach Lesesaal, Schreibtischlampe und sorgfältig gesetzten Fußnoten. Manchmal genügt offenbar ein wissenschaftlich klingendes Türschild, damit eine politische Absicht im weißen Kittel erscheint.
Ich dachte wieder an meinen Strandkorb.
Amthor war inzwischen kein anderer geworden. Aber ich sah ihn anders. Angesichts dessen, was sich da rechts außen vorbereitete, erschien mir der eben noch verspottete CDU-Politiker plötzlich als jemand, auf dessen demokratische Standfestigkeit ich hoffen wollte. Es war eine merkwürdige Erfahrung: Der Mensch blieb, meine Beleuchtung hatte gewechselt.
Ich löschte die Glosse.
Damit war weder bewiesen, dass sie unzulässig gewesen war, noch dass man künftig CDU-Politiker in Watte packen müsste. Eine Demokratie, die keinen Spott verträgt, wäre ein trauriges Unternehmen. Und wer jede Kritik an ihren Vertretern für gefährlich erklärt, macht ihre Verteidigung auch nicht leichter.
Trotzdem wollte ich diesen Text so nicht mehr stehen lassen.
Vielleicht hatte ich an Amthor etwas Komisches gesehen und mich damit zufriedengegeben. Der Strandkorb war im Bild. Was ringsherum geschah, hatte nicht mehr hineingepasst.
Barbara Kingsolver erzählt im New Yorker, dass ihr auch nach vielen Büchern der Anfang schwerfällt. Nach ihrem Pulitzer-Erfolg erlebte sie eine Schreibblockade, die sie lieber Schreibangst nennen würde. Und sie gibt einen handfesten Rat, sinngemäß: Lernt eure Löschtaste lieben.[2]
Mit dieser Taste bin ich inzwischen näher bekannt.
Natürlich ist ihre Angst vor einem neuen Roman nicht dieselbe wie mein Unbehagen vor einer alten Glosse. Aber ich erkenne etwas wieder: Auch jahrzehntelanges Schreiben befreit einen offenbar nicht davon, dem eigenen Satz noch einmal misstrauisch über die Schulter zu schauen.
Ich schreibe seit über sechzig Jahren. Es wäre schön, wenn man dafür irgendwann einen Ausweis bekäme: Dieser Mann hat genügend geübt. Seinen Urteilen ist bis auf Weiteres zu vertrauen.
Leider wird ein solcher Ausweis nicht ausgestellt. Jedenfalls nicht von einer zuständigen Stelle. Manche drucken ihn sich selbst.
Ich möchte weiter spotten dürfen. Auch über Amthor. Ich möchte aber ebenso den Augenblick bemerken, in dem mir ein Mensch hinter meiner Beschreibung abhandenkommt. Und ich möchte einem Leser zuhören können, der etwas sieht, was ich übersehen habe.
Die Angst, etwas Falsches zu schreiben, macht noch keinen guten Text. Sie kann einen auch zum Schweigen bringen. Hilfreich wird sie vielleicht dort, wo sie eine kleine Unterbrechung bewirkt: Schau noch einmal hin. Stimmt das? Ist es gerecht? Gefällt dir der Satz nur deshalb so gut, weil er von dir ist?
Morgen früh werde ich wieder meine Newsletter lesen. Dann werde ich schreiben.
Das nächste Blatt ist wieder weiß.
Und die Löschtaste liegt in Reichweite.
Quellen:
[1] Alexander Schmalz, Berliner Zeitung, 25. September 2026: [Nach AfD-Sieg: Rechter Aktivist Sellner gründet „Institut für Remigration“ mit Sitz in Magdeburg](https://www.berliner-zeitung.de/article/martin-sellner-institut-remigration-magdeburg-sachsen-anhalt-10431602).
[2] Casey Cep, The New Yorker, online 21. September 2026, Heft vom 28. September 2026: [What Barbara Kingsolver Believes the Novel Can Do](https://www.newyorker.com/magazine/2026/09/28/barbara-kingsolver-profile).
Bürgerreporter:in:Didi van Frits aus Hattingen |
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