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Gewalt an Schulen

Foto: Didi van Frits mit ChatGPT Thinking 5.5
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Als Grundschullehrer habe ich vieles erlebt, was in keiner pädagogischen Handreichung vorkam. Nicht im Lehrplan. Nicht im Schulgesetz. Nicht einmal im Lehrerzimmer, wo sonst alles vorkam: defekte Kopierer, kranke Hamster, Elternbriefe, Wandertage und die ewige Frage, wer schon wieder den Kaffeefilter nicht entsorgt hatte.

Einmal gingen wir mit der Klasse in die Stadtbücherei. Ein pädagogisch wertvoller Ausflug. Bücher, Bildung, Kultur. Die Kinder sollten erfahren, dass Lesen Türen öffnet. Eine meiner neunjährigen Schülerinnen, nennen wir sie Sema, verstand diesen Satz auf ihre Weise. Sie lieh sich das dickste Buch aus, das sie finden konnte, und benutzte es anschließend nicht als Türöffner, sondern als Schlagwerkzeug.

Nach dem Büchereibesuch schlug sie ihren Mitschüler Yahja mit diesem Band zu Boden. Der Vater von Sema war Gewerkschafter. Der Vater von Yahja wurde im Kollegium mit den „Grauen Wölfen“ in Verbindung gebracht. Auf dem Schulhof verdichtete sich also in Sekundenschnelle die Weltgeschichte: Arbeiterbewegung gegen Nationalismus, Stadtbücherei gegen Rudelbildung, Alphabetisierung gegen Schädelprellung.

Sema stand da, das Buch noch in der Hand, und rief empört: „Die Yahja hat mich angemeckert!“

Yahja, ebenfalls auf sicherem Weg zur deutschen Grammatik, aber noch nicht ganz angekommen, antwortete vom Boden: „Der Sema haut mich mit dem Buch!“

Ich stand daneben und dachte: Wenn Sprache eine Heimat ist, dann befanden wir uns gerade im Grenzgebiet. Und wenn Bücher Waffen werden, hat die Leseförderung einen gewissen Umweg genommen.

Heute, Jahrzehnte später, liest man von Gewaltbarometern, Konfliktstudien, Eskalationsdynamiken und multiprofessionellen Teams. Alles richtig. Alles notwendig. Alles längst überfällig. Aber damals hätte ich schon ein sehr einfaches Barometer liefern können: Wenn ein Kind nach dem Büchereibesuch ein Lexikon als Argument benutzt, zieht pädagogisch ein Tiefdruckgebiet auf.

Die neue Berliner Studie zur Gewalt an Schulen klingt, als hätte jemand endlich ein Thermometer in den Maschinenraum der Gesellschaft gehalten. Das Ergebnis: Fieber. Gewalt, Mobbing, Bedrohung, Diskriminierung. Besonders an Grundschulen. Also dort, wo Kinder eigentlich lernen sollen, dass ein Satz stärker sein kann als eine Faust. Und dass ein Buch nicht dazu da ist, jemanden zu Fall zu bringen, sondern Gedanken aufzurichten.

Natürlich ist die Versuchung groß, jetzt wieder nach Disziplin zu rufen. Nach Durchgreifen. Nach Regeln. Nach Konsequenzen. Als hätte die Schule nur vergessen, den Rohrstock rechtzeitig aus dem Museum zurückzuholen. Aber Gewalt in der Schule ist selten ein Schulproblem allein. Sie ist ein Familienproblem, ein Wohnungsproblem, ein Armutsproblem, ein Bildschirmproblem, ein Sprachproblem, ein Respektproblem, ein Vorbildproblem. Die Schule bekommt nur alles morgens um acht Uhr geliefert — in Ranzenform.

Kinder erfinden die Welt nicht. Sie üben sie.

Sie üben, was sie zu Hause hören. Sie üben, was sie im Netz sehen. Sie üben, wie Erwachsene streiten. Sie üben, wie Talkshows brüllen. Sie üben, wie Politiker verächtlich über Schwächere sprechen. Sie üben, wie man beleidigt, bevor man zuhört. Und dann wundert sich die Gesellschaft, dass auf dem Schulhof plötzlich ihre eigene Karikatur herumläuft.

Der Lehrer soll dann reparieren, was draußen täglich neu kaputtgemacht wird. Er soll Psychologe sein, Sozialarbeiter, Sprachförderer, Streitschlichter, Integrationsbeauftragter, Ersatzvater, Ersatzmutter, Deeskalationstrainer, Demokratiepädagoge und nebenbei noch den Unterschied zwischen Dativ und Akkusativ erklären.

„Die Yahja hat mich angemeckert.“

„Der Sema haut mich mit dem Buch.“

So klang damals mein kleines Gewaltbarometer. Falscher Artikel, richtige Katastrophe.

Vielleicht beginnt Bildung genau dort: Nicht bei der Forderung, dass Kinder gefälligst friedlich sein sollen. Sondern bei der Einsicht, dass wir Erwachsenen ihnen endlich eine friedlichere Welt vormachen müssten.

Bis dahin bleibt die Stadtbücherei ein gefährlicher Ort. Nicht wegen der Bücher. Sondern weil in ihnen steht, was aus Menschen werden könnte, wenn sie nicht dauernd lernen müssten, sich zu verteidigen.

AKTUELL:
Das Berliner Konflikt- und Gewaltbarometer wurde am 22. Juni 2026 vorgestellt; es beruht auf Angaben von mehr als 14.000 Schülerinnen und Schülern sowie über 2.500 Lehrkräften und pädagogischen Mitarbeitenden. Mehr als die Hälfte der Lehrkräfte bewertet Gewalt und Konflikte als großes oder sehr großes Problem, fast zwei Drittel berichten von einer Zunahme seit der Corona-Pandemie. Besonders auffällig seien die Entwicklungen an Grundschulen. Der Tagesspiegel nennt zusätzlich: An jeder vierten Grundschule werde Gewalt von Beschäftigten als „sehr großes Problem“ beschrieben; als wichtiges Kernergebnis werden eine geringere Impulskontrolle und Frustrationstoleranz genannt — „Kleinigkeiten eskalieren schnell“.

Bürgerreporter:in:

Didi van Frits aus Hattingen

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