Tag der Arbeit
1. Mai - als Feiertag bald abgeschafft?

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Heraus zum 1. Mai! Nutzen Sie ihn, solange es ihn noch gibt. Denn der Tag der Arbeit steht neuerdings selbst auf der Abschussliste der Arbeit. Berichten zufolge soll bei der jüngsten schwarz-roten Krisengymnastik in der Villa Borsig die Idee aufgetaucht sein, ausgerechnet den 1. Mai als Feiertag abzuschaffen. Also jenen Tag, an dem die arbeitende Bevölkerung traditionell nicht arbeitet, um daran zu erinnern, dass Arbeit nicht alles ist. 

Kanzler Friedrich Merz, CDU, soll den Vorschlag nicht gerade in Flüsterton vorgetragen haben. SPD-Chef und Bundesfinanzminister Lars Klingbeil sagte Nein. Für seine Partei ist der Tag der Arbeit ungefähr so heilig wie der Karfreitag für die Union, nur mit mehr Transparenten und weniger Orgel. Daraufhin, so Klingbeil sinngemäß, habe man ihn angebrüllt. Merz dementierte später staatsmännisch: „Ich brülle niemanden an.“

Das ist beruhigend. Es war also vermutlich nur ein marktwirtschaftlich beschleunigter Meinungsaustausch mit erhöhter Dezibel-Erscheinung.

Wie dem auch sei: Dieses Jahr gibt es ihn auf jeden Fall noch. Den 1. Mai. Den Feiertag, nicht den Lärm. Wobei beides in Berlin traditionell schwer voneinander zu trennen ist. Vor dem Brandenburger Tor oder sonstwo darf also noch einmal demonstriert werden, als sei Geschichte kein Kostenfaktor. Fahnen, Trillerpfeifen, Gewerkschaftswesten, Pappschilder, Parolen. „Heraus zum 1. Mai!“ klingt plötzlich weniger wie ein Aufruf als wie ein Räumungsbescheid: Bitte verlassen Sie geordnet den Feiertag, die Wirtschaft braucht eine fleißige Bevölkerung.

Natürlich ist die Sache aus Sicht der politischen Betriebswirtschaft bestechend einfach. Wenn Deutschland zu wenig wächst, streicht man einen freien Tag. Wenn es dann immer noch nicht wächst, streicht man den nächsten. Danach vielleicht die Mittagspause, den Sonntag, den Feierabend und schließlich den Begriff „frei“ aus dem Duden. Am Ende bleibt ein Land übrig, das rund um die Uhr arbeitet, aber keine Zeit mehr hat, sich zu fragen, wofür.

Der 1. Mai war dabei nie irgendein Kalendertürchen mit Grillwurst. Er ist der Tag, an dem an Arbeitskämpfe erinnert wird, an Acht-Stunden-Tag, Mitbestimmung, Tarifverträge und die eher revolutionäre Idee, dass Menschen keine Verschleißteile sind. Dass ausgerechnet dieser Tag zur Streichung stehen soll, hat eine gewisse unfreiwillige Komik. Es ist, als würde man den Weltspartag abschaffen, um mehr über Haushaltsdisziplin zu reden. Oder den Valentinstag streichen, weil Blumenschenkereien der Arbeitszeit fehlen. .

Die Gewerkschaften reagierten entsprechend humorlos. Was verständlich ist. Humor ist zwar eine schöne Sache, aber Tarifautonomie wurde selten durch Kabarett allein erkämpft. IG-Metall-Chefin Christiane Benner sagte sinngemäß, den 1. Mai abzuschaffen sei, als würde man bei der CDU das C streichen. Ein Satz, der vermutlich sofort in mehreren Grundsatzkommissionen auf seine Koalitionsverträglichkeit geprüft wurde.

Die SPD wiederum darf sich freuen, endlich wieder einen Feiertag verteidigen zu können, der nicht im Parteivorstand erfunden wurde. Klingbeil sagte Nein (oder: dann schaffen wir aber den Karfreitag auch gleich ab), und das ist in einer Koalition mit Friedrich Merz offenbar bereits eine Form von Widerstandskultur. Früher brauchte man Barrikaden, heute reicht ein Widerspruch in der Villa Borsig.

Merz hingegen hat ein Kommunikationsproblem, das in Wahrheit ein Temperamentproblem sein könnte, das wiederum selbstverständlich keines ist. Denn er brüllt ja niemanden an. Vielleicht spricht er nur in Großbuchstaben. Vielleicht ist seine Stimme einfach an die Dringlichkeit der Agenda angepasst. Vielleicht war es auch gar kein Brüllen, sondern ein akustischer Ausdruck von Führungswillen.

Man muss der Idee dennoch dankbar sein. Selten hat ein politischer Vorschlag so sauber erklärt, wozu der 1. Mai noch da ist. Er erinnert daran, dass soziale Rechte nicht vom Himmel gefallen sind, sondern erstritten wurden — und dass sie offenbar auch 2026 noch nicht selbstverständlich sind. Manchmal braucht ein Feiertag erst seine mögliche Abschaffung, damit man wieder merkt, warum er frei ist.

Also: Heraus zum 1. Mai. Solange er noch im Kalender steht und nicht als „ungenutztes Wachstumspotenzial“ in einer Excel-Tabelle des Kanzleramts auftaucht.

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Bürgerreporter:in:

Didi van Frits aus Hattingen

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