Poesie Essay Erinnerung Literatur
Statt Meinung besser Erzählung
- Foto: Didi van Frits mit ChatGPT WORK 5.6
- hochgeladen von Didi van Frits
Wir leben in einer Zeit der Meinungen. Kaum hat jemand etwas erlebt, besitzt er bereits eine Position dazu. Die sozialen Medien verlangen nach Urteilen. Die Politik lebt von Standpunkten. Talkshows fragen selten nach Geschichten. Sie wollen Thesen.
Ich merke, dass mich das immer weniger interessiert. Nicht weil Meinungen unwichtig wären. Sondern weil sie oft das Ende eines Gedankens markieren. Eine Erzählung dagegen ist ein Anfang. Sie lädt den anderen ein. Ich glaube inzwischen, dass Würde dort beginnt, wo ein Mensch nicht auf seine Meinung reduziert wird, sondern seine Geschichte erzählen darf.
Vielleicht erklärt das, warum ich in letzter Zeit so oft über scheinbar unbedeutende Dinge schreibe. Über eine dreisaitige Cigar-Box-Gitarre. Sie ist kein Instrument, mit dem man in einem großen Sinfonieorchester Karriere macht. Sie besteht aus einer alten Zigarrenkiste, einem Holzbrett und drei Saiten. Fast jeder könnte sie bauen. Und doch erzählt sie eine Geschichte. Von Menschen, die wenig Geld hatten, aber Musik machen wollten. Von Einfallsreichtum statt Perfektion. Von Würde trotz Armut. Sie ist keine Gitarre. Sie ist eine Erzählung.
Oder ich denke an Manhattan. Wenn ich meine alten Fotografien betrachte, sehe ich längst keine Wolkenkratzer mehr. Ich sehe den alten Fotografen mit seiner Polaroidkamera. Ich höre den Blues auf dem Schiff während des Sonnenuntergangs. Ich rieche den Regen vor der New York Public Library. Ein Reiseführer würde dieselben Straßen beschreiben müssen. Aber eine Erinnerung erzählt etwas völlig anderes. Sie erzählt, was ein Ort mit einem Menschen gemacht hat.
Auch Walter Kempowski hat mich das gelehrt. Viele kannten ihn als Chronisten deutscher Geschichte. Ich bewunderte ihn als Lehrer. Nicht weil er Antworten gab. Sondern weil er sammelte. Briefe. Tagebücher. Gespräche. Kleine Erinnerungen. Er wusste, dass Geschichte nicht nur aus den Entscheidungen der Mächtigen besteht. Sie besteht aus den Stimmen derjenigen, die sonst niemand fragt.
Vielleicht ist genau das der Unterschied zwischen Meinung und Erzählung. Eine Meinung möchte recht behalten. Eine Erzählung möchte verstanden werden.
Deshalb stehen in meiner Wohnung heute Dinge, die andere vielleicht für Gerümpel halten würden. Ein altes Schiffssteuerrad. Der schwarze Hühnergott von Rügen. Zwanzig Gitarren. Alte Fotoapparate und Schreibmaschinen. Delft-Kacheln. Sie sind keine Dekoration. Sie sind Zeugen. Nicht der Weltgeschichte. Sondern der kleinen Geschichte eines Menschen.
Walter Benjamin schrieb sinngemäß, dass Vergangenheit erst dann Bedeutung gewinnt, wenn sie unsere Gegenwart verändert. Vielleicht geschieht genau das beim Erzählen. Nicht jede Erinnerung verändert die Welt. Aber jede Erinnerung kann verhindern, dass ein Mensch vergessen wird. Vielleicht schreibe ich deshalb inzwischen lieber Essays als politische Glossen. Nicht weil die Politik unwichtig geworden wäre. Sondern weil ich glaube, dass Politik ihren menschlichen Sinn verliert, wenn sie die Geschichten vergisst.
Die Würde einer Mutter. Die Würde eines Kindes. Die Würde eines Wehrdienstverweigerers. Die Würde eines Flüchtlings. Die Würde eines alten Industriegebäudes. Die Würde eines Bluesmusikers. Die Würde einer kleinen Katze auf einer Fensterbank.
Ich glaube, Literatur beginnt genau dort.
Nicht mit der großen Meinung.
Sondern mit der kleinen Erzählung.
Vielleicht braucht unsere Zeit deshalb nicht noch mehr Menschen, die sofort erklären, wie die Welt funktioniert. Vielleicht braucht sie mehr Menschen, die sagen: „Setzen Sie sich doch einen Moment. Erzählen Sie mal.“ Denn am Ende verändern nicht unsere Meinungen die Welt. Sie verändern Wahlen.
Geschichten verändern Menschen. Und manchmal verändern Menschen die Welt.
Meinungen trennen Menschen. Geschichten bringen sie an denselben Tisch.
Bürgerreporter:in:Didi van Frits aus Hattingen |
|
| Webseite von Didi van Frits | |
| Didi van Frits auf Facebook | |
| Didi van Frits auf YouTube | |
Sie möchten kommentieren?
Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.