Kultur Musik Existentialismus
Sisyphos als Boogie-Woogie-Pianist

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Der beste Musiklehrer, den ich je hatte, war Dr. Elmar Bozzetti.

Vielleicht hat jeder von uns einen solchen Lehrer: einen, der nicht nur Noten erklärt, sondern Türen öffnet. Einen, der einem nicht sagt, was man denken soll, sondern dass Denken überhaupt erlaubt ist. Einen, der Mozart spielen kann, ohne dass Mozart museal klingt, und Blues, ohne dass der Blues pädagogisch wird.

Elmar Bozzetti spielte Mozart und Bach, Beethoven und Vivaldi auf seinem Flügel, als müsse er nur kurz ein Fenster öffnen und die Musik käme von selbst herein. Aber er spielte auch Blues und Ragtime, Country und Folk. Er nahm die Musik nicht auseinander wie ein Präparat, er ließ sie leben. Und wer bei ihm zuhörte, begriff: Kultur ist nicht der Besitzstand der Gebildeten, sondern eine Art Atemtechnik gegen das Verstummen.

Er gründete einen Gospelchor und machte mich zum Leadsänger vor dreihundert Stimmen. Dreihundert Stimmen hinter mir — und ich vorne, wahrscheinlich viel zu jung, um zu verstehen, dass solche Augenblicke nicht wiederkommen. Er gründete eine Dixielandband. Dort spielte ich Banjo. Es klang nach Aufbruch, nach Amerika, nach staubigen Straßen, nach Schülern, die noch nicht wussten, dass auch sie einmal alt werden würden.

Aber Bozzetti unterrichtete nicht nur Musik. Er unterrichtete auch Literatur. Und eines Tages ermutigte er mich, eine lange Rede über Albert Camus zu halten: über den „Mythos des Sisyphos“, dieses große, klare Manifest des Existentialismus, und über den Roman „Die Pest“. Damals war die Pest noch Literatur. Später wurde sie, in anderer Gestalt, wieder Gegenwart. Manchmal kommt die Wirklichkeit erst Jahrzehnte später und sagt: Du hast mich damals nur gelesen. Jetzt lebst du mich.

Ich schrieb ein Lied mit dem Titel „The Pestilence“ — „Die Pestilenz“. Vielleicht war das mein jugendlicher Versuch, Camus zu vertonen. Oder wenigstens den Stein des Sisyphos ein paar Takte lang bergauf rollen zu lassen.

Camus schrieb: Menschen müssen leben und schaffen. Leben bis zu den Tränen.

Als ich den alten Flügel im Spiegelsaal von Clärchens Ballhaus in Berlin sah, dachte ich sofort an Bozzetti. Dieser Raum, 1895 in der Auguststraße in Berlin-Mitte erbaut, ist heute ein kleines Juwel aus einer vergangenen Epoche. Seit hundert Jahren, heißt es, habe sich in diesem Saal nichts verändert. Vielleicht stimmt das nicht im strengsten Sinne der Denkmalpflege. Aber im strengeren Sinne der Erinnerung stimmt es vollkommen.

Die Stühle an die Wand gerückt, die Spiegel blind vor gelebter Zeit, das Licht wie ein letzter Besucher. Und in der Mitte dieser Flügel, schweigend wie ein Tier, das lange nicht mehr gerufen wurde.

Vor einiger Zeit hat der Immobilieninvestor Yoram Roth Clärchens Ballhaus mit dem Spiegelsaal erworben. Das klingt zunächst nach Gegenwart: Besitzwechsel, Sanierung, Nutzungskonzept. Nach jenen Wörtern also, mit denen die Gegenwart alte Räume betritt, als trüge sie bereits Maßband und Renditebrille in der Tasche. Doch der ursprüngliche Charme soll erhalten bleiben. Man möchte es glauben. Man muss es fast glauben. Denn manche Räume dürfen nicht modernisiert werden, ohne dass man ihnen die Seele aus dem Leib poliert.

Viele Hochzeiten wurden hier gefeiert. Mehrere Filme wurden hier gedreht, darunter „Valkyrie“ mit Tom Cruise. Das passt: ein Saal, in dem getanzt wurde, in dem geliebt wurde, in dem Weltgeschichte nachgestellt wurde, in dem Kameras standen und Brautpaare, Statisten, Musiker, Kellner, Träumer und Investoren ihre Spuren hinterließen. Ein Raum, der alles gesehen hat und trotzdem noch so aussieht, als warte er auf den nächsten Walzer.

Da stand der Flügel, als warte er auf Hände, die ihn noch einmal wecken. Nicht für ein Konzert. Nicht für Applaus. Nicht für eine glänzende Premiere. Sondern für ein paar Takte gegen das Nichts.

Vielleicht ist das Existentialismus: ein alter Flügel in einem halb verfallenen, halb geretteten Ballsaal. Niemand garantiert, dass noch jemand tanzt. Niemand verspricht, dass die Musik die Welt rettet. Niemand nimmt uns den Staub, die Risse, die Krankheit, die Absurdität ab.

Aber einer setzt sich trotzdem hin.

Einer hebt den Deckel.
Einer legt die Finger auf die Tasten.
Einer spielt Bach, Mozart, Ragtime, Blues.
Einer gründet einen Chor.
Einer stellt einen Schüler nach vorne.
Einer sagt:
Sprich über Camus. Denk nach.
Sing. Spiele.
Rolle deinen Stein.
Leide. Lebe.
Bis zu den Tränen.

Foto: Didi van Frits mit ChatGPT Thinking 5.5
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Bürgerreporter:in:

Didi van Frits aus Hattingen

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