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Foto: Didi van Frits mit ChatGPT Thinking 5.5
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Das Café der Fragen - Es gibt Cafés, in denen jeder alles weiß. Das sind meistens die Lautesten. Und es gibt Cafés, in denen Menschen einander zuhören. Dort entstehen die interessanteren Gespräche.

Ich habe den Eindruck, dass Europa immer dann am lebendigsten ist, wenn es einem solchen Café ähnelt. Nicht jeder Tisch braucht eine fertige Meinung. Manchmal genügt eine gute Frage. Vielleicht ist das sogar der eigentliche Luxus unseres Kontinents.

Beim diesjährigen Festival von Avignon hat dessen Leiter Tiago Rodrigues einen bemerkenswerten Gedanken ausgesprochen. Zum achtzigsten Festival versammelte er Künstler, Wissenschaftler, Philosophen und Bürger nicht, um achtzig Antworten auf die Probleme unserer Zeit zu finden, sondern um achtzig Fragen an die Welt und an die Zukunft zu stellen.

Ich musste lächeln. Wie wohltuend. Seit Jahren scheinen alle alles zu wissen. Die sozialen Medien kennen auf jede Frage sofort eine Antwort. Die Politik präsentiert Gewissheiten. Die Talkshows verteilen Urteile.

Nur das wirkliche Leben verhält sich erstaunlich unhöflich. Es beantwortet unsere Fragen nicht. Es stellt neue. Vielleicht beginnt genau dort Demokratie. Nicht mit der Überzeugung, im Besitz der Wahrheit zu sein. Sondern mit der Bereitschaft, den anderen überhaupt noch etwas fragen zu können.

„Wie siehst du das?“ Dieser kleine Satz hat wahrscheinlich mehr Demokratien gerettet als manche Verfassung. Rodrigues weiß, wovon er spricht. Seine Familie wurde von der portugiesischen Diktatur geprägt. Wer erlebt hat, wie autoritäre Systeme funktionieren, weiß: Diktaturen lieben Antworten.

Die Vietnamesin Thuy Vo, die den Vietnamesischen Freundeskreis in Essen organisiert, hat mich mit vielen Menschen bekannt gemacht, in deren Familiengeschichte die Gefahren, die ihre Eltern als Boat People erlebt haben, nie mehr auszulöschen sind. Auch die Vereinigung zwischen Nord- und Südvietnam wurde nicht einfach. Und wir Deutschen sollten nicht so tun, als ob unsere "Wiedervereinigung" ohne tiefe Wunden und Verständnislosigkeiten verlaufen wäre.

Zweifel ist für alle Staatsgebilde ungefähr das, was Sonnenlicht für Vampire ist. Individuelle Begegnungen in irgendeinem Café dagegen leben vom Zweifel. Nicht vom lähmenden Zweifel, der an allem verzweifelt. Sondern von jenem freundlichen Zweifel, der sagt: „Vielleicht habe ich noch nicht alles verstanden.“

Ich glaube, deshalb schreibe ich inzwischen anders als früher. Früher wollte ich häufiger antworten. Heute interessieren mich die Fragen mehr. Wenn ich den schwarzen Hühnergott meiner Mutter betrachte, frage ich mich nicht, ob er Glück bringt. Ich frage mich, warum ein Stein Erinnerungen bewahren kann.

Wenn ich meine alte holländische Gypsy-Gitarre in die Hand nehme, frage ich mich nicht, wie viele Euro sie wert ist. Ich frage mich, welche Hände sie vor mir berührt haben. Wenn ich in meinem vietnamesischen Lieblingscafé sitze, interessiert mich nicht zuerst der Kaffee. Mich interessiert, welche Geschichten heute noch geboren werden können durch die richtigen Fragen.

Vielleicht ist auch Literatur genau das. Nicht das Erfinden kluger Antworten. Sondern das geduldige Sammeln guter Fragen. Walter Benjamin hat einmal sinngemäß gezeigt, dass Erinnerung keine Sammlung abgeschlossener Vergangenheit ist, sondern eine Kraft, die in der Gegenwart weiterwirkt. Wenn ich in dem kleinen vietnamesischen Cafe im Hattinger Reschop Carre saß, fiel mir immer das Essay-Werk von Walter Benjamin ein mit dem Titel "Passagen".

Vor dem Café fluteten, oft während ich davor saß und Gitarre spielte, alle möglichen Menschen vorbei: Kranke in motorisierten Rollstühlen, Teenager zu zweit auf E-Rollern, afrikanische Mütter, bepackt mit Taschen und Babys, arrogante Engländer in karierten Stoffen, Pizza-Boten im Sauseschritt, Pastöre, die bei mir stehen blieben. Gitarristen aus Sewastopol, Krim. Bulgarische Roma-Frauen in sehr bunten Trachten. Schwarz-vermummte Türkinnen.

Vielleicht besteht Weisheit gar nicht darin, alle Antworten gefunden zu haben. Vielleicht besteht sie darin, immer bessere Fragen stellen zu lernen. Deshalb mag ich Passagen wie die im Reschop Carre in Hattingen und die dort vor den Cafés, Döner-Ketten und Sushi-Restaurants aufgestellten Tische.

Niemand verlangt dort einen Personalausweis. Das Ordnungsamt ließ mich gnädiglich ohne Lizenz und Gema-Erlaubnis Gitarre spielen. Man setzt sich. Bestellt einen Kaffee. Und sagt vielleicht den schönsten Satz, den Europa erfunden hat: „Erzähl doch mal.“

Und mein vietnamesischer Freund und Tai-Chi-Trainer Henry schiebt sein Motorrad über Nacht in seinen Bubble-Tea-Laden. Warum fällt mir jetzt der Song "Penny Lane" von den Beatles ein? "In Penny Lane, the barber shaves another customer. We see the banker sitting waiting for a trim. And then the fireman rushes in. From the pouring rain, very strange..."

Ich glaube, in solchen Situationen beginnt nicht nur ein Impuls für Literatur. Dort beginnt auch Freundlichkeit.
Auch wenn jede Woche die von der AfD organisierten Montagstrommler mit Megafonen durch diese Passage marschieren, mit Flaggen bewehrt. Und passend dazu im Hintergrund eine riesige Eisenskulptur mit dem Speer einen Drachen tötet. Man fragt sich: Wer soll der Drache eigentlich sein, der da erstochen wird? Der Ausländer oder der AfD-Anhänger? Der, der bei Saturn nix kauft, oder der, der aus der Kirche ausgetreten ist? Der, der nur mit dem Bus kurz nach Hattingen gekommen ist, aber hier nicht wohnt? Oder der, der hier immer schon wohnt, und nicht will, dass etwas Neues passiert?

Bürgerreporter:in:

Didi van Frits aus Hattingen

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