Restaurant Kneipe Cafeteria Begegnungen
Das Café der Geschichten
- hochgeladen von Didi van Frits
Es gibt Cafés, in denen der Kaffee besser ist als die Gespräche. Und es gibt Cafés, in denen die Gespräche besser sind als der Kaffee oder die verschiedenen Mischungen vietnamesischer Bubble Teas. Denn es gibt Cafés, in denen der Kaffee längst kalt geworden ist, weil niemand merkt, wie schnell während des Erzählens die Zeit vergeht. Für mich war es lange das Café meiner vietnamesischen Freunde Henry und Thuy in Hattingen, jetzt verdrängt von einem türkischen Döner-Laden.
Ich glaube, jeder Mensch trägt die Erinnerung an ein solches Café in sich. Es ist kein Ort auf einer Landkarte. Es ist ein Ort der unvergessenen Stories. Dort sitzen Menschen, die sich vielleicht niemals begegnet sind. Walter Benjamin könnte an einem kleinen Marmortisch eine Zeitung lesen. Edith Sitwell würde mit ihrer turmhohen Frisur den Raum betreten, als wolle sie beweisen, dass Exzentrik ebenfalls höflich sein kann. Son House lehnt seine Gitarre an einen Stuhl. Elvis Presley nickt ihm freundlich zu.
Meine leibliche Mutter legt schweigend einen großen, schwarzen Stein mit einem Loch auf den Tisch, einen "Hühnergott". Das letzte Geschenk vor ihrem traurigen Abschied. Und plötzlich ist auch Christian Krijger da, mein niederländischer Freund. Er stellt seinen afrikanischen Häuptlingsstab an die Garderobe, bestellt Kaffee und beginnt, wie immer, über Religionen zu sprechen, ohne eine einzige Religion lächerlich zu machen.
Ein Café besitzt eine merkwürdige Eigenschaft. Es kennt keine Rangordnung. Der Sohn des (Fast-)Nobelpreisträgers Dick Vestdijk sitzt neben der Psychologin Ximena Leon. Die Studentin neben dem Rentner. Die Cellistin Martine Wolff neben der Flamenco-Gitarristin Cristina Rico. Der britische Straßensänger Jim Richardson neben Tassilo von Saucken. Der polnische Jazz-Gitarrist Janusz Zielinski neben dem klassischen ukrainischen Gitarristen aus dem bebombten Dnipropetrovsk. Der syrische Flüchtling und Lyriker Issam Al-Najm neben dem irischen Literatur-Professor Michael Beausang, Spezialist für James Joyce.
Niemand fragt zuerst nach Lebensläufen. Man fragt: „Ist hier noch frei?“ Vielleicht beginnt Europa genau mit diesem Satz.
Beim diesjährigen Festival von Avignon sagte dessen Leiter Tiago Rodrigues, Europa sei dort lebendig, wo Demokratie, Literatur und Theater zusammenfinden. Seine eigene Familiengeschichte, geprägt von der Flucht vor einer Diktatur, verbindet persönliches Erleben mit europäischer Geschichte. Ich glaube, er hat recht.
Europa besteht nicht zuerst aus Verträgen. Es besteht aus Geschichten. Aus Geschichten, die weitergegeben werden. Nicht laut. Nicht feierlich. Sondern bei einem Kaffee. Vielleicht unterschätzen wir die Bedeutung solcher Orte. Ein Parlament beschließt Gesetze. Ein Theater spielt Stücke. Eine Bibliothek bewahrt Bücher. Ein Café verbindet Menschen. Es ist kein Archiv. Und doch verlassen viele Gäste es mit einer Geschichte mehr, als sie mitgebracht haben.
Vielleicht entstehen dort sogar die wichtigsten Geschichten. Nicht weil sie vollständig wären. Sondern weil jemand den Mut hat, mit einem einzigen Satz zu beginnen. „Wissen Sie ...“ So beginnen Erinnerungen. So beginnt Literatur.
So beginnt manchmal auch Demokratie. Denn Demokratie besteht nicht nur darin, reden zu dürfen. Sie besteht darin, jemanden zu finden, der zuhört. Vielleicht sind Cafés deshalb kleine Demokratien. Jeder bekommt einen Stuhl. Niemand bekommt das letzte Wort.
Wenn ich heute schreibe, habe ich oft das Gefühl, wieder an einem solchen Tisch zu sitzen. Neben mir liegen Fotografien aus Amsterdam und New York, Venedig, Madrid oder Berlin. Eine Gitarre lehnt an der Wand. Auf dem Fensterbrett sitzt meine Katze und blickt hinaus auf die Straße. Vor mir liegt eine Delft-Kachel. Auch sie erzählt eine Geschichte. Nicht laut. Nicht aufdringlich. Sie wartet. Wie ein guter Gesprächspartner.
Vielleicht besteht Kultur überhaupt nur darin, solche Tische immer wieder aufzubauen. Damit Menschen einander ihre Geschichten erzählen können. Nicht um Recht zu behalten. Sondern damit niemand mit seiner Erinnerung allein bleibt. Denn Geschichte ist nichts Abgeschlossenes. Sie beginnt jeden Tag von Neuem. Manchmal genügt dafür ein leerer Stuhl. Und die freundliche Frage: „Ist hier noch frei?“
Nachtrag 1)
Die Fotos und meine Delft-Kachel zeigen: Es ist gar kein spektakuläres Café. Keine berühmte Wiener Kaffeehauskulisse, keine Pariser Boulevard-Szene. Es ist ein heller, einfacher Raum. Und gerade deshalb ist er so glaubwürdig. Was den Zauber ausmacht, sind nicht Möbel oder Dekoration. Es sind die Menschen. Da sitzt jemand mit einem Glas in der Hand, jemand lächelt still, jemand hört zu. Im Hintergrund lehnt eine Gitarre. Niemand hält eine Rede. Niemand steht im Mittelpunkt. Ein Café ist kein Archiv. Und doch verlassen viele Menschen es mit einer Geschichte mehr, als sie mitgebracht haben.
Vielleicht ist das sogar ein Gegenbild zu unserer Zeit. In den sozialen Medien begegnen wir oft Tausenden Menschen gleichzeitig – aber nur selten entsteht ein wirkliches Gespräch. In meinem vietnamesischen Lieblingscafé genügt ein kleiner Tisch, fünf Stühle und etwas Zeit.
Nachtrag 2)
Am Anfang schrieb ich bei "myheimat" häufig gegen etwas. Gegen Populismus. Gegen Krieg. Gegen politische Verengung. Gegen Geschichtsvergessenheit. Diese Texte hatten ihre Berechtigung – und haben sie noch immer. Satire darf widersprechen.
Aber inzwischen beobachte ich etwas anderes. Ich schreibe immer häufiger für etwas. Für Erinnerung. Für Würde. Für Gespräche. Für Musik. Für Häuser, die Geschichten erzählen. Für alte Gegenstände, die zu kleinen Hausgöttern werden. Für Cafés, in denen Menschen einander zuhören.
Das ist ein großer Unterschied. Eine Poetik der Erinnerung ist keine Flucht aus der Politik. Sie ist eine andere Art, politisch zu schreiben. Denn wenn ich über den Hühnergott meiner Mutter schreibe, über Christian Krijger, über Son House, über das Bauhaus, über die Freiheitsstatue und die Gorch Fock oder über mein vietnamesisches Lieblingscafé in Hattingen, das einem Döner-Laden weichen musste, schreibe ich nicht weniger über Demokratie. Ich schreibe tiefer darüber. Nicht über Parteien. Sondern über die Voraussetzungen, unter denen Menschen überhaupt demokratisch zusammenleben können:
zuhören, erinnern, erzählen, zweifeln, miteinander Eis-Kaffee trinken, gemeinsam Musik machen.
Vielleicht habe ich unbewusst einen ähnlichen Weg genommen wie viele Essayisten: Am Anfang steht häufig die Polemik. Mit den Jahren wird daraus Beobachtung. Und schließlich Mitmenschlichkeit. Nicht weil der Autor zahmer wird. Sondern weil er erkennt, dass das Dauerhafte interessanter ist als der tägliche Schlagabtausch. Deshalb gefällt mir der Titel „Poetik der Erinnerung“ gut als Zielrichtung eines sich entwickelnden Schreibstils. Er beschreibt eine Methode. Man geht von einem kleinen, konkreten Gegenstand aus. Ein Foto. Eine Gitarre. Ein Stein. Eine Delft-Kachel. Ein Café.
Und von dort öffnet sich langsam der Blick auf etwas Allgemeines. Das ist übrigens eine sehr klassische essayistische Form. Nicht argumentieren wie in einem Leitartikel, sondern entdecken wie ein Spaziergänger. Das wären keine politischen Essays im engen Sinn. Und doch würden sie wahrscheinlich mehr über unsere Gesellschaft erzählen als viele politische Kommentare. Polemik offenbart, worüber wir uns ärgern. Satire zeigt uns, worüber wir lachen sollten. Erinnerung zeigt uns, wie wir Mensch bleiben können.
Nachtrag 3)
„Die Würde des Menschen ist unantastbar.“
Mein ganzes Schreiben entsteht aus der Erfahrung, dass dieser Satz eben nicht selbstverständlich wahr ist.
Ich habe als Kind erlebt, dass Würde verletzt werden kann.
Später habe ich erlebt, dass auch ein demokratischer Staat die Würde eines Wehrdienstverweigerers verletzen kann.
Ich habe die Geschichte meiner Mutter kennengelernt.
Ich schrieb über Flüchtlinge, über Kinder, über alte Menschen, über vergessene Musiker, über Tiere, über verlassene Gebäude.
Jetzt erkenne ich den gemeinsamen Nenner: Ich gebe denjenigen Würde zurück, denen sie genommen wurde oder zu werden droht.
Deshalb hat mich der Hühnergott-Essay zutiefst aufgewühlt: Oberflächlich handelt er von einem Stein.
In Wirklichkeit handelt er von der Würde meiner Mutter.
Dasselbe gilt für meine Texte über Blind Willie Johnson oder Son House.
Es geht nicht zuerst um Bluesgeschichte.
Es geht um die Würde von Menschen, die trotz Armut und Leid etwas Schönes geschaffen haben.
Selbst die alten Industriegebäude im Ruhrgebiet behandle ich nicht wie Schrott.
Ich behandle sie mit Respekt.
Als hätten auch sie eine Biographie.
Es geht um einen Humanismus der Würde.
Die Würde eines Kindes.
Die Würde einer Mutter.
Die Würde eines Flüchtlings.
Die Würde eines Wehrdienstverweigerers.
Die Würde eines alten Gebäudes.
Die Würde eines vergessenen Liedes.
Die Würde eines kleinen vietnamesischen Cafés.
Und sogar um die Würde einer Katze, die auf einer Fensterbank sitzt und schweigend zusieht.
Es erinnert mich an etwas, das der Philosoph Ernst Bloch einmal sinngemäß ausdrückte: Hoffnung beginnt oft dort, wo Menschen sich weigern, das Erniedrigende als endgültig hinzunehmen. Wenn sie nach Bildern, Erinnerungen und Narrativen suchen, die dem höhnischen Abbau von Würde etwas entgegensetzen.
Bürgerreporter:in:Didi van Frits aus Hattingen |
|
| Webseite von Didi van Frits | |
| Didi van Frits auf Facebook | |
| Didi van Frits auf YouTube | |
Sie möchten kommentieren?
Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.