Architektur
Das Bauhaus - Beschreibung eines aktuellen Kulturkampfes

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Ich habe den Eindruck, dass Häuser heute viel häufiger über ihre Weltanschauung Auskunft geben müssen als ihre Bewohner.

Früher war das einfacher. Da stritt man darüber, wie Häuser gebaut werden sollten. Flachdach oder Satteldach? Ornament oder Nüchternheit? Backstein oder Beton? Walter Gropius und seine Mitstreiter am Bauhaus wollten vor über hundert Jahren keine Paläste für Reiche entwerfen, sondern vernünftige Häuser für möglichst viele Menschen. Form sollte der Funktion folgen. Licht, Luft und Klarheit galten plötzlich als gesellschaftlicher Fortschritt.

Damals war das revolutionär.

Heute ist das Bauhaus wieder Gegenstand heftiger Debatten. Allerdings geht es längst nicht mehr um Fensterachsen oder Stahlrohre. Es geht um Identität. Für die einen steht das Bauhaus für Weltoffenheit, Aufklärung und Moderne. Für andere ist es zum Symbol einer Moderne geworden, mit der sie fremdeln.

Es ist erstaunlich, was ein Gebäude alles aushalten muss.

Es soll energiesparend sein, barrierefrei, klimaneutral, denkmalgerecht, bezahlbar, familienfreundlich und möglichst noch schön. Und inzwischen soll es offenbar auch noch politisch Stellung beziehen.

Eine meiner Töchter lehrt Architektur und arbeitet mit ihrem Architekturbüro in Berlin. In dieser Stadt kann man besonders gut beobachten, dass Architektur weit mehr ist als die Kunst des Bauens. Sie ist Erinnerung aus Stein – und manchmal auch Erinnerungspolitik.

Kaum ein Ort zeigt das deutlicher als die Mitte Berlins. Der Palast der Republik der DDR, im Volksmund wegen seiner Leuchten spöttisch „Lampenladen“ genannt, wurde abgerissen. An seiner Stelle entstand mit gewaltigem Aufwand die Rekonstruktion des barocken Stadtschlosses. Man kann beides architektonisch bewerten. Vor allem aber erkennt man daran, wie jede Generation Geschichte neu ordnet. Das eine verschwindet, das andere kehrt zurück. Gebäude werden zu Argumenten aus Stein.

Ein zweites Erlebnis hat mich noch nachdenklicher gemacht.

Das Büro meiner Tochter war an der Neugestaltung von Teilen des Hambacher Schlosses beteiligt – jenes Ortes, der wie kaum ein anderer für Freiheit, Demokratie und Bürgerrechte steht. Das Projekt fand große öffentliche Anerkennung und wurde sogar auf einer Briefmarke gewürdigt.

Nach Abschluss der Bauarbeiten zeigte sich jedoch etwas Bemerkenswertes: Das Schloss wurde auch von der AfD für Veranstaltungen genutzt.

Da wurde mir klar, dass Architektur niemandem dauerhaft gehört.

Architekten entwerfen Räume. Was Menschen später darin feiern, diskutieren oder politisch für sich beanspruchen, entzieht sich ihrer Kontrolle. Gute Architektur kann einen Ort schaffen – seine Bedeutung entsteht immer wieder neu.

Vielleicht ist das sogar ihre eigentliche Stärke.

Ein Haus kennt keine Partei.

Ein Fenster unterscheidet nicht zwischen links und rechts. Es lässt Licht herein oder eben nicht.

Eine Tür fragt nicht nach der politischen Gesinnung. Sie geht auf oder sie bleibt geschlossen.

Vielleicht wäre es deshalb ganz hilfreich, sich gelegentlich wieder daran zu erinnern, weshalb das Bauhaus einmal berühmt wurde.

Nicht weil es eine Ideologie errichten wollte.

Sondern weil es glaubte, dass gutes Bauen das Leben der Menschen verbessern könne.

Das klingt heute fast schon radikal.

Denn inzwischen streiten wir nicht mehr darüber, wie Häuser gebaut werden sollten.

Wir streiten darüber, was sie bedeuten.

Vielleicht irren wir uns, wenn wir glauben, Geschichte werde in Büchern geschrieben.

Manchmal wird sie zuerst aus Stein gebaut – und erst später unterschiedlich gelesen.

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Bürgerreporter:in:

Didi van Frits aus Hattingen

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